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Millionärsmesse in Moskau: das ehemals kommunistische Russland ist heute das Land mit der größten Ungleichverteilung der Vermögen.
Wohlstand für alle?
Warum immer weniger Menschen immer mehr besitzen
In Deutschland besitzen nur zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens - und die Ungleichheit nimmt weiter zu. Diese Schieflage ist nicht nur ein soziales, sondern auch ein ökonomisches Problem. Denn sie schwächt auf Dauer die Volkswirtschaft.
Um Ungleichheit statistisch zu beschreiben, zum Beispiel durch die Verteilung von Vermögen, gibt es einen speziellen Index. Der "Gini-Koeffizient" beschreibt den Grad der Ungleichverteilung. Ein Wert von "0" in der Vermögensverteilung steht für totale Gleichheit: Alle haben exakt gleich viel Vermögen. Je höher der Gini-Index ist, desto ungleicher ist die Vermögensverteilung.

In Deutschland liegt der "Gini-Koeffizient" mit 78,9 (der letzte ermittelte Stand gilt für das Jahr 2016) relativ hoch. Im Nachbarland Belgien ist er mit 64,1 deutlich niedriger. Traurige Spitzenreiter in puncto Vermögensverteilung sind die Länder Russland (92,3), Indien (87,6) und die USA (86,2). In diesen drei Ländern ist der Unterschied zwischen dem, was die Reichen besitzen, und dem, was die Armen haben, am gravierendsten. Japan belegt mit einem Index von 63,1 einen vergleichbar niedrigen Rang.


Kluft wird größer

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In Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf ist Obdachlosigkeit und Armut allgegenwärtig.
Fast alle Untersuchungen zur weltweiten Vermögensverteilung zeigen, dass die ungleiche Verteilung in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Wie kam es zu dieser Entwicklung? Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty untersuchte in seinem aufsehenerregenden Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" die Vermögensverteilung. In den westlichen Industrienationen war zwischen 1940 und 1970 ein Rückgang der ökonomischen Ungleichheit zu beobachten. Seit den 1980er-Jahren setzt allerdings eine massiv wachsende Ungleichheit der Einkommen ein, verbunden mit einer Vermögenskonzentration.

Über die Ursachen streiten die Wirtschaftswissenschaftler energisch. Vor allem die Deregulierungen in den 1980er-Jahren werden als Ursache genannt.


Ist Vermögensungleichheit nicht völlig normal?

Es bleibt die Frage zu klären, ob eine Ungleichverteilung nicht gerechtfertigt sein könnte. Wer viel arbeitet, sollte auch viel verdienen. Wer eine große Verantwortung trägt, gut ausgebildet ist oder besondere Fähigkeiten mitbringt, sollte auch mehr Geld beziehen. Leistung soll sich lohnen und der Anreiz, sich "hochzuarbeiten" müsste für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen gegeben sein - das klingt eigentlich logisch.

Gefahr sozialer Spannungen

Welcher Lohn ist für welche Arbeit gerecht?
Die Philosophen und Ökonomen befassen sich schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Frage, ob eine finanzielle Ungleichverteilung gerechtfertigt ist. Die Einschätzungen der letzten Jahre kommen zu dem Schluss, dass eine gewisse Spreizung der Einkommen und Vermögen für die Gesellschaft von Nutzen ist.

Doch eine zu große Ungleichheit birgt Gefahren. Soziale Spannungen können auftreten, sich sogar in Kriegen oder Bürgerkriegen entladen. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Kriege in Europa immer auch zu einer Neuverteilung des Besitzes geführt haben, also letztendlich zu einer größeren Vermögensgleichheit.

Zudem bedeutet eine Vermögenskonzentration immer auch eine Machtkonzentration. Die politische und gesellschaftliche Teilhabe der Gesellschaft entwickelt sich proportional zur Verteilung des Geldes.


Wohlstandsverteilung beeinflusst Wirtschaftswachstum

Das Einkommens- und die Vermögensverteilung haben auch einen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum eines Landes. In Deutschland bleibt seit Jahrzehnten der Lohnanstieg deutlich hinter dem Anstieg der Wirtschaftsleistung zurück. Das trägt nicht nur zur wachsenden Ungleichverteilung der Einkommen bei, sondern spiegelt sich auch im Spar- und Konsumverhalten des Gesellschaft wider.

Chance zum Aufstieg kann Ungleichheit abmildern

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Aufstieg durch Leistung ist statistisch gesehen eher die Ausnahme.
Vollkommene Vermögens- und Einkommensgleichheit wird es nie geben. Es ist auch fraglich, ob es überhaupt wünschenswert wäre.

Idealer wäre eine natürliche Ungleichheit, verbunden mit Chancengleichheit. Konkret würde das bedeuten, dass jeder partizipieren kann. Wer tüchtig ist, steigt sozial auf. Alle haben die gleichen Möglichkeiten.

Prof. Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin erklärte in einem Interview mit dem Deutschlandradio: "Wir wissen seit Jahren aus den Pisastudien, dass in Deutschland das Elternhaus am meisten vorhersagt. Die soziale Herkunft entscheidet, wo man im Leben landet. (…) Ein Kind, das in einen einfachen Arbeiterhaushalt hineingeboren wird, hat nur eine vierprozentige Chance einmal ein leitender Angestellter zu werden. Kommen die Eltern aber aus dieser Schicht, liegt die Chance schon bei 35 Prozent."

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat festgestellt, dass in Deutschland nur 20 Prozent der Jugendlichen einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern besitzen.

Wenn also Aufstieg durch Leistung statistisch betrachtet eher die Ausnahme ist und in Deutschland noch immer vor allem die soziale Herkunft über das spätere Einkommen entscheidet: was bedeutet das für die Lohn- und Vermögensungleichheit?


Welche Möglichkeiten gibt es?

Müsste der Reichtum vom Staat umverteilt werden? Geht das überhaupt? Zumindest ist die Umverteilung über Steuern oft wenig wirksam, das ist seit den 1960er-Jahren zu beobachten. Welche anderen Optionen hat die Politik, gegen die zunehmende Vermögensungleichheit vorzugehen? Was haben Zinsen und Renten bei der Diskussion um "Wohlstand für alle" zu tun?

Das sind nur einige Fragen, die die Dokumentation "wissen aktuell: Wohlstand für alle" zu beantworten versucht.


Sendedaten
Donnerstag, 25. Januar 2018, 20.15 Uhr

wissen aktuell: Wohlstand für alle?

wissen aktuell
Die Themen der Sendung
- Das Rentendebakel
- Armes Deutschland
- Wie schaffen wir Gerechtigkeit?
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