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Der zweite Irakkrieg begann am 20. März 2003 und wurde am 1. Mai für beendet erklärt. Er kostete bis zum Ende der Besetzung 2011 ca. 115.000 bis 600.000 Zivilisten das Leben.
Krieg der Lügen - Curveball und der Irak-Krieg
Ein "Curveball" ist eine bestimmte Wurftechnik im Baseball. Dabei gibt der Werfer dem Ball eine Rotation, die ihn in einer Kurve (curve) fliegen lässt und den gegnerischen Schlagmann täuscht. "Curveball" ist auch der Deckname eines Informanten des Bundesnachrichtendienstes (BND), der nicht gradlinig und wahrhaftig ausgesagt hat. Darauf verweist vielleicht schon sein Deckname.
Rafed Ahmed Alwan meldet sich schon bei seiner Einreise nach Deutschland auf dem Flughafen bei der Bundespolizei. Er hätte Informationen über den Irak, die vielleicht von großem Nutzen sein könnten. Im Asyl-Auffanglanger Zirndorf wird Alwan befragt. Er scheint detailliertes Fachwissen über chemische Prozesse zu haben und will auch über bisher unbekannte Chemiewaffen aussagen.

Curveball - Ein Chemie-Ingenieur narrt den BND
© SWR Rafed Ahmed Alwan alias "Curveball"
Rafed Ahmed Alwan alias "Curveball"
Unter dem Vorwand, zu den UN-Waffeninspekteuren zu gehören, führen Mitarbeiter des BND Gespräche mit Alwan. Sie erhoffen sich von ihm, wonach sie selbst seit langem vergeblich suchen: Beweise dafür, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt. Und Alwan beweist Sachverstand und liefert auch den Grund, weswegen die Inspektoren der Vereinten Nationen kein Giftgas fanden. Die Fabriken seien mobil in Lkws und Zügen untergebracht. Je mehr Informationen er ihnen liefert, desto mehr springt für ihn persönlich heraus: Geld, eine eigene Wohnung, schließlich der deutsche Pass. Bei diesem Spiel um Lüge, Wahrheit und gemeinsame Interessen begeben sich Geheimdienste und Alwan in eine heikle Abhängigkeit voneinander.

Nach dem 11. September hat sich die Welt verändert
© dpa Colin Powell präsentiert "Curveballs" Lügen im UN-Sicherheitsrat
Colin Powell präsentiert "Curveballs" Lügen im UN-Sicherheitsrat
Doch dann kann der BND überraschend Alwans ehemaligen Chef Dr. Basil Saati aufspüren und Alwans Informationen über angeblich mobile Chemiewaffen im Irak überprüfen. Der BND enttarnt "Curveball" als Märchenerzähler. Rafed Ahmed Alwan versteht die Welt nicht mehr: Man hatte sich doch gemeinsam eine Lüge erarbeitet, um den Diktator zu stürzen. Doch Saati widerspricht allen Theorien von chemischen Massenvernichtungswaffen im Irak. "Curveball" fühlt sich vom BND hintergangen und fallengelassen. Er verschwindet über ein Jahr in der Versenkung.

Bis zu dem Tag, an dem zwei Flugzeuge sich in die Twin Towers in New York stürzen. Nach dem 11. September erinnern sich die Amerikaner an "Curveball" und seine Informationen. Verifiziert oder nicht - sie brauchen einen Grund, um in den Irak einmarschieren zu können. Die Gespräche werden wieder aufgenommen. Alwan, mittlerweile Vater geworden, Sozialhilfeempfänger und auf Wohnungssuche, steigt wieder zum wichtigen Informanten, zum Kronzeugen der Amerikaner auf. Er hat Angst, das Spiel von Lüge und Wahrheit noch einmal zu spielen. Doch welche Wahl hat er? Er bestätigt seine damaligen Aussagen.


Aus einer Lüge wurde Krieg, der tausende Tote forderte
© dpa US-Außenminister Colin Powell
US-Außenminister Colin Powell
Am 5. Februar 2003 bekommt "Curveball" den großen Auftritt. Der US-Außenminister Colin Powell bezieht sich in seiner berühmten Rede vor den Vereinten Nationen in New York auf den Informanten und warnt die Welt vor den mobilen Biowaffenlabors der Irakis. Die USA wollen eine UN-Resolution, die ihren Krieg gegen den Irak legitimiert. Ausführlich kann Powell von Lastern und Zügen berichten, die innerhalb von Monaten riesige Mengen von Gift produzieren könnten. Das sei genug um Tausende Menschen damit umzubringen. Heute wissen wir, all das war gelogen: Der damalige Europachef der CIA Tyler Drumheller behauptet sogar, er habe vor Powells Aussage CIA-Chef George Tenet vor der Unzuverlässigkeit der Quelle gewarnt. Neben einem angeblichen Atomwaffenprogramm des Iraks lieferte "Curveball" die Rechtfertigung für die USA Krieg zu führen.

Rafed Ahmed Alwan lebt auch heute noch in Deutschland. 2007 wurde Aljanabi von amerikanischen Journalisten enttarnt und in der Presse als der Mann dargestellt, der die Schuld am Irakkrieg trägt. Er hingegen nimmt stolz für sich in Anspruch, bei der Beseitigung Saddam Husseins geholfen zu haben. 2008 trat er noch einmal vor dem Arbeitsgericht in München in Erscheinung, als er eine Tarnfirma des BND wegen seiner Kündigung verklagte.

Sehen Sie am 22. Mai 2017, 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm von Matthias Bittner. Drei Jahre lang hat sich der Regisseur immer wieder mit Curveball getroffen. Über 50 Stunden Interview-Material und akribische Recherchen legen die Geschichte eines Mannes offen, der jegliches Vertrauen verloren hat und hinter allem Betrug und Gefahr wittert. Jemand, der 30 Jahre lang versucht hat, unter Saddam Husseins Regime zu überleben und der dadurch gelernt hat, zu tricksen und zu täuschen. Jemand, der knapp zehn Jahre unter Kontrolle des deutschen Geheimdienstes war und der sich das Spiel aus falschen und richtigen Informationen, aus Wahrheit und Lügen zu Eigen gemacht hat.


Literatur
Bob Drogin, Korrespondent der "Los Angeles Times", hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Fall beschäftigt und seine Recherchen in einem Buch zusammengefasst. Bob Drogin: Codename CurveBall, Berlin 2008

Sendedaten
Montag, 22. Mai 2017, 22.25 Uhr
Film
Montags um 22.25 Uhr
Kulturzeit
Gewalt und kein Ende
Zehn Jahre nach dem Irak-Krieg
Reportage
Der Vietnamkrieg - Gesichter einer Tragödie
Auch der Vietnamkrieg begann mit einer Lüge...
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