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Der Gigolo Roberto benutzt regelmäßig Viagra.
Viagra - Lustvoll scheitern?
Mehr als 30 Millionen Männer schlucken die blauen Pillen gegen Erektionsstörungen. Sie wollen so das Klischee vom Mann, der immer kann, aufrechthalten. Das Arzneimittel gegen erektile Dysfunktion ist zu einem Livestyleprodukt geworden.
Nebenwirkungen sind ungewollte Symptome, die bei der Einnahme eines Medikaments entstehen. Doch manchmal ist die Nebenwirkung lukrativer als die eigentlich gewollte Wirkung: So geschehen bei Viagra. Die US-Firma Pfizer testete den Wirkstoff Sildenafil, um den zu hohen Blutdruck von Patienten zu senken. Als sie das Medikament an Männern testeten, entdeckten sie, dass es häufig zu spontanen Erektionen des Gliedes kam. Das vermeintliche Blutdruckmedikament reguliert indirekt den Blutfluss im Schwellkörper des Penis, indem es körpereigene Enzyme hemmt, die für den Abfluss des Blutes zuständig sind. Was den Probanden unangenehm war, entzückte die Pharmakologen. Im Jahr 1998 wurde das Medikament auf den Markt gebracht und war sofort ein Kassenschlager. Nicht nur Männer mit behandlungsbedürftigen Erektionsstörungen nahmen die Potenzpille, sondern auch gesunde Männer, die länger und öfter Sex haben wollen. Allerdings ist Viagra auch kein Zaubermittel. Es funktioniert nur bei sexueller Erregung und dann nur bei circa vier von fünf Männern.

Lukratives Geschäft für die Pharmaindustrie
© SWR Zwischen zwei Kundinnen ist sich Roberto seiner Einsamkeit bewusst.
Zwischen zwei Kundinnen ist sich Roberto seiner Einsamkeit bewusst.
Inzwischen existieren auch eine Reihe von Nacharmerprodukten und Potenzmittel, die zum Teil auf ähnliche Art wirken und unter dem Namen Levitra, Cialis, Stendra und Spedra auf den Markt kamen. Diese Präparate sind ein sehr lukratives Geschäft für die Pharmaindustrie: Mit Viagra und Co verdient sie jährlich etwa zehn Milliarden US-Dollar. Das ist in etwa der weltweite Umsatz von Starbucks oder Nike.

In den seltenen Fällen ist Viagra dabei ein medizinisch benötigtes Medikament gegen Impotenz. Es ist vor allem zu einer Lifestyle-Pille geworden, die millionenfach das Sexualleben gesunder Männer und ihrer Partnerinnen prägt. Ein Leben ohne Viagra ist für manche gesunde Männer unvorstellbar, und die Pille hat damit auch die Qualität einer Droge, die abhängig macht. Zwar hat der Wirkstoff Sildenafil keine berauschende Wirkung und es stellen sich auch keine körperlichen Entzugserscheinungen ein, wenn er nicht mehr eingenommen wird. Doch wenn Sex für diese gesunden Männer nur noch mit Viagra denkbar ist, kann das eine Form der psychischen Abhängigkeit sein, das bestätigen viele Ärzte und Psychologen.


Viagra garantiert störungsfreie Sexualität
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Sex ohne die stimulierenden Pillen wird schon von 35 jährigen Männern als weniger intensiv und enttäuschend beurteilt. Dazu kommt - wohl der entscheidende Faktor - die Angst ohne die Pille zu versagen, also keine Erektion zu bekommen. Sexuelle Dauerbereitschaft scheint in einer von Pornografie geprägten Männerwelt für die Selbstbestätigung wichtig. Eine störungsfreie Sexualität ist dem Anschein nach wichtiger, als eine gesunde partnerschaftliche Intimität, in der auch Schwäche gezeigt werden kann. Auf diese Weise ist der Konsum von Viagra auch ein Phänomen einer Gesellschaft des "Konsumsex".

Hoffnungen, Erfolge - aber auch Missverständnisse
© SWR Roberto greift beruflich regelmäßig zu Potenzmitteln.

Roberto greift beruflich regelmäßig zu Potenzmitteln.

Sehen Sie am Montag, 15. Mai 2017, 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm von Chiara Sambuchi, die das intime Leben unterschiedlicher Männer erforscht, welche regelmäßig Potenzmittel einnehmen. Sie beschreibt die Hoffnungen, Erfolge, aber auch die Missverständnisse und unerreichbaren Erwartungen, die mit den Mitteln verbunden sind. In dem Film gibt unter anderem ein junger Programmierer Auskunft über sein Sexualleben und seine Erektionsstörungen. Auch ein italienischer Gigolo und ein amerikanischer Koch berichten von intimen Details und ihre Erfahrungen mit Viagra. Auch der liebevolle Ehemann kämpft nach einer Blasen-OP um seine Potenz. Intim und nah: Wie in Tagebucheinträgen entblättert sich das Leben von Singles und Paaren, die sich ein Leben ohne Viagra nicht mehr vorstellen können. Wie viel Unsicherheiten, Ängste und Fantasien vertuscht die blaue Pille? Was bedeutet es, wenn selbst im Privatesten nur die "Leistung" zählt? Kann Viagra ein "Scheitern" verhindern? Oder fördert es am Ende vielleicht doch bei manchen die Einsicht, wie attraktiv "Schwäche" und das Unvollkommene doch sein können?

Sendedaten
"Die Viagra-Tagebücher"

Montag, 15. Mai 2017, 22.25 Uhr

Sendereihe
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr
Credits:
Dokumentarfilm von Chiara Sambuchi,Deutschland 2016, 87 Minuten
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