© NDR/Little Big Story, Paris
Goldbarren in Schweizer Tresoren
Goldbarren in Schweizer Tresoren
Hitlers Geldwäscher
Die Schweiz war während des Zweiten Weltkriegs der wichtigste Umschlagplatzfür Gold aus Nazideutschland. Fast vier Fünftel aller Goldlieferungen ins Ausland wickelte die Deutsche Reichsbank über die Schweiz ab. Mit diesem Gold konnte Hitler seinen Krieg finanzieren.
Zwischen 1940 und 1945 verkaufte die Deutsche Reichsbank Gold im Wert von 1231,1 Millionen Franken an die Schweizerische Nationalbank (SNB) und im Wert von 101,2 Millionen Franken an schweizerische Geschäftsbanken. Das Gold stammte aus den Nationalbanken der überfallenen Staaten, wie den Niederlanden, Polen, Belgien und Luxemburg - aber auch aus dem Besitz von Juden.

Das dunkelste Kapitel der Schweizer Banken
© NDR/Little Big Story, Paris Schweizerische Nationalbank Bern
Schweizerische Nationalbank Bern
"Opfergold" nennt es ein Bericht der Schweizer Regierung aus dem Jahr 2000, der die Verquickungen des Schweizer Finanzsystems mit dem sogenannten Dritten Reich untersuchte. Darin wird beschrieben, wie "den jüdischen Gemeinden Gold in enormer Höhe abgepresst wurde" und wie beschlagnahmtes Eigentum eingeschmolzen und in die Schweiz geschafft wurde. Selbst das Gold aus den Zähnen der Menschen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden, gelangte auf diesem Weg in die Schweiz. Eines der dunkelsten Kapitel des eidgenössischen Finanzplatzes. "Mengen- und wertmäßig macht das den Opfern geraubte Gold nur einen Bruchteil der von der Reichsbank nachweisbar gehandelten Goldbestände aus", so der Bericht. "Diese Tatsache darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hinter diesen Zahlen millionenfaches Leiden von Menschen verbirgt", heißt es dort weiter.

Die Schweiz war Hitlers Kassenschrank
© NDR/Little Big Story, Paris Bundeshaus in Bern
Bundeshaus in Bern
Wie viel die Schweizer Nationalbank von der Herkunft des Goldes wusste, ist umstritten. Der Bericht betont, dass "die Direktion der SNB zwar Ende 1943 über die Konfiskation von Gold deportierter Juden diskutiert hat, doch gibt es keine Hinweise, dass die Entscheidungsträger des schweizerischen Noteninstituts Kenntnis davon hatten, dass Barren mit solchem Gold von der Reichsbank in die Schweiz geliefert wurden." Es hätte aber auffallen müssen, dass die Goldverkäufe der Reichsbank in die Schweiz im letzten Quartal 1941 einen bisher nicht gekannten Umfang annahmen und bis 1943 auf hohem Niveau verblieben. Der Schweizer Soziologe, Politiker und Sachbuchautor Jean Ziegler ist der Meinung, dass die Schweizer Bänker sehr wohl von der Herkunft des Goldes wussten. Die Direktoren der Schweizer Nationalbank "schalteten, wie es ihnen gefiel. Ihre Raffgier war uferlos. Ihre Hybris ohne Grenzen. Ihre Verblendung abgrundtief", schreibt Ziegler in seinem Buch "Die Schweiz, das Gold und die Toten".

Für das sogenannte Dritte Reich war das Raubgold eine der wichtigen Quelle der Devisenbeschaffung. Denn kein Land, in denen die Nazis Rohstoffe einkauften, wollte deutsche Reichsmark akzeptieren. Bezahlt werden musste in Gold oder in Devisen wie Franken oder Dollar. So wurden Goldbarren aus Deutschland per Zug oder Lkw in die Schweiz geschafft. Die Schweizer Banken tauschten das Gold in Franken um, mit denen die Deutschen Rohstoffe in Spanien oder anderswo einkauften. Die Verkäufer der Rohstoffe kauften mit den Franken wiederum Gold bei den Schweizern. So wechselten die Barren in den Banktresoren den Besitzer, ohne sich nur einen Millimeter zu bewegen.

Das Dreiecksgeschäft blieb natürlich den Alliierten nicht verborgen und sie versuchten, die Schweizer davon abzubringen - vergeblich. So trug das Schweizer Bankensystem dazu bei, dass die Waffenindustrie des Dritten Reiches wichtige Rohstoffe bekam, die vielleicht den Krieg in der Form überhaupt möglich machte und verlängerte.


Als Vertreter der Schweiz 1946 wegen finanzieller Kompensationen nach Washington zitiert wurden, kam es nach 68 Tagen erbitterter Verhandlungen zu einem lahmen Kompromiss: Gegen einen Betrag von 250 Millionen Schweizer Franken war man zu einer abschließenden Regulierung bereit, einem "freiwilligen Schweizer Beitrag zum europäischen Wiederaufbau" zu leisten. Die staatlichen Goldreserven aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern hatten einen Wert von Milliarden. Dazu kamen Vermögensbestände der Opfer des NS-Terrors, die auf mehrere Hundert Millionen Franken geschätzt wurden.

Sehen Sie am Mittwoch, den 26. April 2017 um 20.15 Uhr, einen Film von Xavier Harel, der den zahlreichen Spuren und Wendungen im Geldgeschäft, von den 1930er-Jahren bis heute folgt. Er deckt die Verbindungen zwischen NS-Deutschland und Schweizer Banken ebenso auf wie die Frage, wie und wodurch die Schweiz und ihr Bankensystem so lange von diesen Geschäftsverbindungen profitiert haben.


Sendedaten
Mittwoch, 26 April 2017, 20.15 Uhr
Archiv
Der Führer trank keinen Muckefuck
Das Dritte Reich rüstete auf, mobilisierte die gesamte Bevölkerung, wurde in wenigen Jahren zur stärksten Macht Europas. Doch es gab eine Schwachstelle: Deutschland war abhängig von Rohstoffen aus dem Ausland. Die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg veranlassten Hitler, die NS-Wirtschaftspolitik auf Autarkie, "Blockadesicherheit" im Bereich der Roh- und Wertstoffversorgung auszurichten.
Links
mehr zum Thema