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Abgasmessung im Alltagsbetrieb. Der US-Bundesstaat Kalifornien stoppt so Abgastrickser und Betrüger.
Das Märchen vom sauberen Auto
Wie der Umweltschutz ausgetrickst wird
Die europäischen Autofahrer werden systematisch belogen und betrogen. Nicht nur die Verbrauchsangaben der Fahrzeuge liegen zum Teil mehr als 50 Prozent über den offiziellen Herstellerangaben, sondern auch der tatsächliche Ausstoß von Stickoxiden bei Diesel-PKWs stimmt nicht mit den Herstellerangaben überein. Dieser jahrelange Betrug hat aber keine Konsequenzen.
Autos verbrauchen wesentlich mehr Kraftstoff, als die Hersteller angeben. Daran hat sich der Autofahrer schon fast gewöhnt. Laut einer Studie des internationalen Umweltforscher-Verbunds ICCT verbrauchten neue PKWs 2015 auf der Straße im Schnitt 42 Prozent mehr Sprit, als die Hersteller im Prospekt offiziell angaben. Das ist ein rapider Anstieg. Noch vor sechs Jahren hatte eine Studie einen Unterschied von 23 Prozent ergeben. Vor mehr als zehn Jahren waren es "nur" 15 Prozent zu viel.

Verkehrspolitik auf dem Holzweg
© dpa Die Abgas-Tests lassen den Herstellern viel Spielraum.
Die Abgas-Tests lassen den Herstellern viel Spielraum.
Die Fahrzeughersteller würden immer systematischer Schlupflöcher in der bestehenden Regulierung ausnutzen, so der ICCT. Es würden Reifen ohne Profil gefahren, Außenspiegel abmontiert, Bremsen gelockert, Lüftungsschlitze abgeklebt, und die Testfahrzeuge verfügten weder über ein Radio noch über eine Klimaanlage. Nachmessungen des Kraftfahrt-Bundesamts haben ergeben, dass von 54 Pkw-Modellen fast 30 viel mehr Diesel verbrennen, als im Fahrzeugschein angegeben.

© SWR Abgastest unter realen Bedingungen
Abgastest unter realen Bedingungen
Doch nicht nur der Verbrauch stimmt nicht, auch die angegebenen Abgaswerte entsprechen nicht den tatsächlich ausgestoßenen Mengen. Vor allem die giftigen Stickoxide stehen hier besonders im Fokus. Professor Martin Kohlhäufl, Chefarzt einer Lungen-Klinik nahe Stuttgart erklärt, warum schon geringe Mengen an Stickstoffdioxid krank machen können: "Wir haben aktuelle Daten aus einer europäischen Studie in Großstädten, die ganz klar zeigen, dass durch eine Steigerung der Konzentration von Stickstoffdioxid (...) vermehrt Krankenhausaufenthalte generiert werden. Wir wissen, dass bei einer Steigerung von etwa 14 Mikrogramm/Kubikmeter Luft diese Effekte nachweisbar sind."

Grenzwert um 900 Prozent überschritten
© dpa Kaum ein Diesel hält im Alltag die Grenzwerte für Stickstoffoxide ein.
Kaum ein Diesel hält im Alltag die Grenzwerte für Stickstoffoxide ein.
Der ADAC hat in einem Praxistest bei fast allen Dieselfahrzeugen eine Überschreitung der zulässigen gesetzlichen Grenzwerte für Stickstoffoxide festgestellt. Im gravierendsten Fall stieß der Renault Capture dCi 90 durchschnittlich 725 Milligramm pro Kilometer an Stickoxid aus. Das Auto überschritt damit den Grenzwert um mehr als 900 Prozent. Bei dem Test kam auch heraus, dass moderne Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro-6 zum Teil höhere Emissionswerte aufwiesen als diejenigen der Klasse Euro-5.

Abgasreinigung nur für den Prüfstand
© SWR Abgasmessung in Kalifornien
Abgasmessung in Kalifornien
Die Autoindustrie misst die Abgase in einem unrealistischen Testbereich zwischen 20 und 30 Grad. Sobald die Temperaturen auf in Deutschland realistische Werte fallen (Jahresdurchschnittstemperatur 9 Grad), schaltet sich auch die Abgasreinigung ab und die Werte gehen durch die Decke. Manche Hersteller wie VW entwickelten eine Abgasreinigung, die sogar nur auf dem Prüfstand funktionierte. Die Politik kennt diesen Betrug und unternimmt nichts. Schon 2010 hat der ADAC die Bundesregierung darauf aufmerksam gemacht, dass Diesel-Autos die Grenzwerte nur im Labor einhalten. Dabei wäre eine permanente Abgasreinigung durchaus möglich, sagen die Motorexperten. Sie würde den Diesel-PKW allerdings erheblich verteuern.

Was sind Stickstoffoxide
© SWR Abgasmessung auf einem Prüfstand
Abgasmessung auf einem Prüfstand
Stickstoffoxide, zum Teil auch Stickoxide genannt, sind ein Nebenprodukt bei der Verbrennung fossilier Energieträger (z. B. Diesel, Gas, Kohle, Öle). Der Großteil der Emissionen wird vom Verkehr freigesetzt. In die Gruppe der Stickstoffoxide fallen vor allem Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid. Mit steigender Verbrennungstemperatur nimmt die Menge an Stickstoffoxiden in den Abgasen zu. Vor allem die Optimierung von Motoren hinsichtlich des Kraftstoffverbrauchs und Minderung der Kohlendioxid-Emissionen war meist mit einer Erhöhung der Emissionsrate für Stickstoffoxide verbunden.

Stickstoffoxide sind für Menschen, aber auch für die meisten Pflanzen giftig. Beim Menschen kann es zu einer Schädigung der Atemwege kommen. Die chronische Bronchitis ist eine der Krankheiten, die auf eine zu hohe Konzentration von Stickoxiden zurückzuführen ist. Auch Asthma, Herz-Kreislauferkrankungen und einer Erhöhung der Empfindlichkeit gegenüber Atemwegsinfektionen können die Folge einer Belastung durch Stickstoffoxide sein. Studien zur Langzeitwirkung von Stickstoffoxiden kommen zu dem Ergebniss, dass die Sterblichkeit mit dem Grad der Exposition steigt. Das Umweltbundesamt hat geschätzt, dass aufgrund der Luftverschmutzung durch Autoabgase 47.000 Menschen vorzeitig sterben.


Hälfte aller verkehrsnahen Messungen überschreiten Grenzwert
© SWR Die Abgasmessung auf dem Rollenprüfstand ist eine Einladung für Trickser und Betrüger.
Die Abgasmessung auf dem Rollenprüfstand ist eine Einladung für Trickser und Betrüger.
Die Konzentration der schädlichen Gase wird an Messstationen überprüft. Der Grenzwert (maximale Stundenwert) liegt bei Stickstoffdioxid bei 200 Milligramm pro Quadratmeter Luft. Dieser darf nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden. Das passiert allerdings an weit mehr als der Hälfte der Messstellen an Verkehrsknotenpunkten. Einzige Konsequenz der Überschreitung: Für die betroffenen Gebiete muss ein Luftreinhalteplan vorgelegt werden.

Eine andere Methode zur Messung der Stickoxidbelastung hat die Uni-Heidelberg vorgestellt. Das Team um den Umweltphysiker Dr. Denis Pöhler hat mit einem neuartigen Gerät zur Messung der Abgase eines vorausfahrenden Fahrzeugs gezeigt, dass realistische Daten weit über dem unbedenklichen Bereich liegen. Das Gemisch aus Feinstaub und Stichstoffoxid ist nicht nur für Anwohner und Radfahrer ein großes Problem. Auch die Autofahrer selbst bekommen in den PKWs eine erhebliche Menge der schädlichen Stoffe ab, wenn sie im morgendlichen Pendlerstau stehen. Sauberere Luft wäre also auch im Interesse der Autofahrer.


Die Suche nach dem umweltfreundlichen Diesel
© SWR Udo S. ist verunsichert. Wie gesundheitsschädlich ist sein Diesel?
Udo S. ist verunsichert. Wie gesundheitsschädlich ist sein Diesel?
Sehen Sie am Freitag, 21. April 2017, 20.15 Uhr eine Reportage von Stefan Tiyavorabun und Reinhold Erz. Die Autoren haben einen Autofahrer und seine Suche nach dem umweltfreundlichen Diesel begleitet. Nur viereinhalb Liter auf 100 km soll laut Prospekt der Mercedes-B-Klasse-Diesel von Udo S. aus Stuttgart verbrauchen. Doch jetzt sorgt der Wert für Stickoxide für Alarmstimmung. Dabei schlägt auch sein Diesel weit über die Stränge, wie Umweltphysiker Denis Pöhler von der Universität Heidelberg gemessen hat. Der Film zeigt auch, wie in Deutschlands Feinstaub-Hauptstadt Stuttgart Manfred N. die Stadt wegen der hoher Luftbelastungen verklagt.

Sendedaten
Freitag, 21. April 2017, 20.15 Uhr
nano
Schluss mit Schummeln
VW und der Rückruf im Abgas-Skanda
Interview
"Systematisch kaputt gespart"
Verkehrspolitik auf dem Holzweg: Pendler im Dauerstau.
nano
Schmutziger Diesel
Zahlreiche Automodelle stoßen zu viele Stickoxide aus
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Neue Abgas-Tests
Konformitätsfaktor und Übergangsfristen weichen die Regelung auf
Palmöl vs. Regenwald
Wir tanken Regenwald - Die Lüge vom Öko-Diesel
Biodiesel wird größtenteils aus Palmöl hergestellt. Wegen dieses umstrittenen Rohstoffs werden in Indonesien ganze Landstiche mit kostbarem Urwald gerodet.
nano
Man müsste nur wollen
Spritfresser müssen nicht mehr sein
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