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Die Klosterkirche am Laacher See wurde aus Granit und Tuff erbaut. Zwei Gesteinsarten, die vulkanischen Ursprungs sind - so wie die ganze Eifel.
wissen aktuell: Spuren im Stein
Die Erde reißt auf, Vulkane explodieren, das Meer dringt tief ins Landesinnere vor: Mitteleuropa verändert sein Gesicht. Das ist zwar Millionen Jahre her, prägt das Leben der Menschen aber bis heute. Dafür finden Biologin Lena Ganschow und Meteorologe Sven Plöger teils verblüffende Beweise, auf ihrer Entdeckungstour, vom Oberrhein ins Saarland über die Eifel bis auf die Schwäbische Alb.
Ein Themenabend auf spannender Spurensuche: Was haben Millionen Jahre alte Meerestiere mit Linsen und Spätzle zu tun? Warum verdanken wir den Vulkanen der Eifel eines der ältesten Küchengeräte? Wie kam ein Karibikstrand nach Süddeutschland? Wie gelangten Kohle und Eisenerz ins Saarland, und wie haben die Bodenschätze dem Leben der Menschen ihren Stempel aufgedrückt?

Schon die Steinzeitmenschen haben gelernt zu nutzen, was ihnen der Boden unter ihren Füßen an Rohstoffen beschert hat, und so ist das bis heute. Steine machen eben Leute. Und manchmal reicht ein Rumoren im Untergrund, um die Geschichte einer ganzen Region zu begründen. "wissen aktuell" hat die Spuren im Stein gelesen und viel Überraschendes ausgegraben.


Der Oberrheingraben
50 Millionen Jahre Bauzeit: So lange ist der Oberrheingraben schon in Bewegung. Alles fängt mit gewaltigen Kräften im Untergrund an. Wärme steigt auf, die Erdkruste wölbt sich und reißt. Riesige Gesteinsschollen sinken in die Tiefe, der Grabenbruch beginnt. Und er dauert bis heute an: etwa einen Millimeter pro Jahr sinkt der Graben immer noch ab und er wird ständig ein bisschen breiter. Der Rhein hat mit Entstehung des Grabens übrigens gar nichts zu tun, denn er findet erst wesentlich später seinen Weg hierher. Allerdings ist der Fluss verantwortlich für jede Menge Kies und Sand, die er in die Oberrheinebene transportiert. Rohstoffe, von denen heute eine ganze Industrie lebt.

Mythos Rheingold: Außer Sand und Kies hat der Rhein noch etwas viel Wertvolleres im Gepäck: Gold. Das berühmte Rheingold gibt es tatsächlich – und es gab sogar professionelle Goldwäscher. Doch Ende des 19. Jahrhunderts lohnte sich das Geschäft nicht mehr, und der Letzte seiner Zunft gab den Job auf. Doch der Mythos lebt: noch heute treffen sich viele Hobby-Goldwäscher entlang des Oberrheins und sind ganz wild darauf, ein paar feinste Goldflitter auszuwaschen. Einer von ihnen: Björn Sander, der sich regelmäßig mit einer Clique passionierter Goldsucher auf die Suche nach dem Edelmetall macht – gerne unter der Salierbrücke bei Speyer.

Karibikstrand vor Heidelberg: In einem unscheinbaren, trostlosen Erdloch südlich von Heidelberg, öffnet sich ein Fenster in die maritime Vergangenheit des Oberrheingrabens und offenbart Unglaubliches: ein Meeresstrand mit karibischem Klima, jagende Riesenhaie und an Land surrende Kolibris in tropischer Vegetation. So muss es hier ausgesehen haben, vor 30 Millionen Jahren, als der Graben mit Meerwasser vollgelaufen ist. Die Tongrube, in der Paläontologen nach Fossilien aus dieser Zeit graben, ist eine Zeitmaschine. Sie finden hier Fische, Blätter und Vögel - darunter eben auch einen Kolibri. Eine Sensation, denn bis dahin glaubte man, dass diese Vögel nur auf dem amerikanischen Kontinent heimisch sind und waren.

Das rote Gold: Unter den Gesteinen, die der Grabenbruch an die Oberfläche gehievt hat, ist der rote Buntsandstein einer der edelsten Baustoffe. Es ist das Lieblingsmaterial der Reichen und Mächtigen, die sich damit ihre Monumente schaffen: Schlösser, Burgen und Gotteshäuser. Der heutige Hausbau funktioniert zwar anders, aber noch immer ist das Material beliebt. Die wenigen Steinbrüche die es noch gibt, nutzen trickreiche Methoden, um an den begehrten Stoff ranzukommen. So auch ein typischer Familienbetrieb im elsässischen Rotbach.

Risiko Erdwärme: Der Oberrheingraben ist in Deutschland das Gebiet mit dem größten Potenzial für Erdwärme. Doch die anfängliche Goldgräberstimmung ist verflogen, nachdem Erdbeben die Gegend erschüttert haben. Schuld sollen Erdwärmebohrungen sein. Besonders hart hat es die südbadische Gemeinde Staufen getroffen. Eine geologische Besonderheit verursacht hier eine Katastrophe: bei einer Erdwärmebohrung dringt Wasser in eine besondere Erdschicht ein, die deshalb aufgeht wie ein Hefeteig. Seither hebt sich die ganze Innenstand, die Schäden an Gebäuden sind beträchtlich, die Einwohner entnervt.


Die Eifel
Erbe des Infernos: Die Vulkane der Eifel haben eine Mittelgebirgslandschaft geprägt, die in Europa einzigartig ist. Vor 13.000 Jahren verursachte ein Vulkan hier eine besonders verheerende Naturkatastrophe: der Laacher See-Vulkan. Innerhalb nur weniger Stunden verwandelte er die Gegend um den heutigen Laacher See in eine apokalyptische Landschaft. Aus dem Inferno mit Tod und Verwüstung entstanden jedoch auch Kostbarkeiten: Edelsteine zum Beispiel. Aber auch Tuff und Bims, die in unserer Zeit als Baustoffe Kariere machten.

Bier im Basalt-Kühlschrank:Man staunt, was wie viele Errungenschaften wir Vulkanen verdanken. Basaltlava zum Beispiel, ein Vulkangestein das heute für Fassadenverkleidungen und Bodenbeläge genutzt wird. Früher wurde das Gestein teilweise unterirdisch abgebaut und so entstanden Stollen, die zum natürlichen Kühlschrank taugten, lange bevor der erfunden wurde. 28 Brauhäuser aus Mendig lagerten hier Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Bier. Der Ort war damals die größte Brauereistadt Deutschlands. Basalt hat aber noch eine weitere Eigenschaft, die sich ebenfalls "kulinarisch" nutzen lässt: er ist hart und extrem abriebfest. Die Römer haben das perfekt genutzt und Europas ältestes Küchengerät in Großproduktion hergestellt: Getreidemühlen

Bauen mit Vulkangestein: Die berühmte Benediktinerabtei Maria Laach ist ein Schmuckstück romanischer Baukunst. Sieben unterschiedliche Sorten Vulkangestein sind hier verbaut. Tuff, Basalt, Kalkstein, Bims & Co verleihen aber auch ganz normalen Eifeler Wohnhäusern ein unverwechselbares Aussehen und sorgen für ein ausgezeichnetes Wohnklima.


Das Saarland
Das schwarze Gold: Steinkohle war ein Grundpfeiler der Wirtschaft und des Wohlstandes im Saarland. Schon die Kelten förderten das schwarze Gold, und mit der Schließung des letzten Bergwerks 2012 ging eine Ära zu Ende, die eng mit der Erdgeschichte verknüpft ist. Der Ursprung der Steinkohle liegt im Karbon, 300 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Das Saarland befindet sich damals in Äquatornähe. Ein Urwald aus riesigen Farnen, Schuppenbäumen und Schachtelhalmen ist das Ausgangsmaterial, das in einem langen Prozess zu Steinkohle wird. Dieser Stoff wird später unentbehrlich sein, als Wegbereiter der Eisen- und Stahlindustrie – er begründet das Wirtschaftswunder, entstanden aus den Sümpfen des Karbons.

Vom Erz der Kelten zum Saarstahl: Das nördliche Saarland um 400 vor Christi Geburt: im Hochwald lebten und arbeiteten Kelten vom Stamm der Treverer. Bekannt sind ihre hervorragenden Schmiedearbeiten, die Schwerter der Kelten waren legendär. Ihre Meisterschaft im Verhütten und Verarbeiten von Eisen gab sogar einer ganzen Epoche den Namen: Eisenzeit. Eisen spielt in der Region immer noch eine große Rolle: Stahl aus Dillingen und Völklingen ist weltbekannt. Früher kam das Eisenerz aus dem Elsass, die Steinkohle aus dem Saarland. Kohle und Eisenerz kommen heute aus fernen Ländern, die Hochöfen aber sind geblieben.

Porzellan aus dem Vulkan: "Feldspat" klingt nicht besonders sexy. Dass das Material ein Überbleibsel vulkanischer Aktivität ist, macht es ein wenig interessanter. Wenn man es jedoch fein zermahlt, mit Ton, Kaolin und Quarzsand mischt, entsteht auf einmal etwas, was ziemlich sexy ist: feines Porzellan. In der Tagebaugrube Leistberg bei Oberthal wird zweimal im Jahr gesprengt und Feldspat abgebaut, und so entsteht aus dem unscheinbaren Mineral edles Geschirr.


Schwäbische Alb
Das steinerne Archiv: Die Schwäbische Alb besteht fast nur aus Kalkfelsen. Kaum zu glauben, dass die mächtigen Gesteinsschichten der Alb Überreste früherer Meeresbewohner sind. Während der Jurazeit war die Gegend nämlich komplett von einem tropischen Meer bedeckt. Die Skelette und Schalen von Fischen und Muscheln sammelten sich am Grund und verdichteten sich über die Zeit zu Kalkstein. Welche Lebewesen sich vor rund 200 Millionen Jahren im Jura-Meer tummelten, wissen wir aus zahlreichen Fossilien, die vor allem im Schiefer bei Holzmaden gefunden wurden. Schon Ende des 19. Jahrhunderts präparierte Bernhard Hauff die fossilen Tiere mit viel Akribie und gründete ein Museum, das heute Weltruf genießt.

Abbau mit Sprengkraft: 150 Millionen Jahre alt ist das Kalkgestein im Steinbruch Vohenbronnen bei Schelklingen, und seit einigen Jahren weiß der Mensch das auch für sich zu nutzen. Zwei Millionen Tonnen Gestein werden hier jedes Jahr abgebaut. Die unterschiedlichen Gesteinsschichten im Steinbruch sind echte Bodenschätze, reich an Kalzium, Silizium und anderen Stoffen. Die im richtigen Verhältnis gemischt, ergeben einen ganz besonderen Baustoff: Zement.

Geburtsstunde der Kunst: Die Winter auf der Alb sind länger und härter als im Flachland. Vor 40.000 Jahren war das noch viel extremer: während der letzten Eiszeit trotzten Wildpferde, Auerochsen und Mammuts der Kälte. Reiche Jagdbeute für Steinzeitmenschen, die in den zahlreichen Höhlen der Schwäbischen Alb einen idealen Zufluchtsort vor Wind und Wetter fanden. Das zeigen zahlreiche Kunstgegenstände aus Knochen und Elfenbein, Werkzeuge aus Feuerstein und Musikinstrumente, die in solchen Behausungen gefunden wurden. Und so sind die Kalksteinfelsen der Alb auch ein Zeugnis für die Kultur unserer Vorfahren.

Spezialität von steinigen Feldern: Jeder Hobbygärtner würde schreiend davon laufen, beim Anblick der steinigen Ackerflächen auf der Alb. Überall finden sich mehr oder weniger große Bruchstücke aus Kalkstein in der Erde - die Gegend kann ihre Herkunft eben nicht verleugnen. Dazu kommt noch das sprichwörtlich raue Klima. Klar, dass es nicht viel gibt, was hier gedeiht. Doch für eine Hülsenfrucht scheinen diese Umstände wie geschaffen: Linsen kommen prima mit diesen unwirtlichen Bedingungen zurecht. Und so kommt es, dass uralte Meerestiere, deren steingeworden Überreste die Äcker der Alb durchsetzen, gleichzeitig als Urheber des schwäbischen Nationalgerichts gelten dürfen.


Sendedaten
Donnerstag, 16. März 2017, 20.15 Uhr

Ein Film von Dorothea Maria Schwab. Redaktion Harald Brenner (SWR)

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