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Trinkwasser ist ein kostbares Gut, das frei von Chemikalien sein sollte.
Unser Trinkwasser in Gefahr
Wasserwerke im Norden und Westen Deutschlands schlagen Alarm: Sie messen Nitratwerte im Grundwasser, die das Wasser ungenießbar machen. Die Nitrateintäge stammen zum Großteil aus der Landwirtschaft. Eine Zeitbombe schlummert da unter vielen Äckern, sagen die Experten.
Deutschland steht vor Gericht: Rund 40 Seiten lang ist die Anklageschrift, die im November 2016 die EU-Kommission dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt hat. Darin soll Deutschland wegen "Nichteinhaltung der europäischen Nitratrichtlinie" für Trinkwasser zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Anklage ist kein Papiertiger, sondern weist auf ein hausgemachtes Problem hin: An vielen Messpunkten in Deutschland liegen die Nitratwerte über den Grenzwerten von 50 mg/l.

EU-weit die zweithöchste Nitratkonzentration
© NDR Messung der Wasserqualität auf dem Stausee einer Talsperre
Messung der Wasserqualität auf dem Stausee einer Talsperre
Den Angaben der EU zufolge sind fast ein Drittel aller landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland von einer zu hohen Nitratkonzentrationen betroffen. In Nordrhein-Westfalen sind es 40 Prozent, in Schleswig-Holstein 50 Prozent und in Niedersachsen sogar 60 Prozent der Flächen. Damit hat Deutschland - hinter Malta - die EU-weit höchste Nitratkonzentration im Grundwasser. Bei rund 370 Grundwasservorkommen sei "ohne entsprechende Aufbereitung keine Gewinnung von Trinkwasser mehr möglich", heißt es in der Anklageschrift.

Nitrosamine verursachen Krebs
Nitrat verwandelt sich im menschlichen Körper in Nitrit. Das kann wiederum zu Nitrosamin werden. Tierversuche haben gezeigt, dass Nitrosamine Krebs verursachen, wenn sie in hohen Dosen verabreicht werden. Wie stark krebsauslösend Nitrate aus Trinkwasser und der Nahrung für den Menschen sein können, ist noch nicht vollumfänglich untersucht worden. Einige Studien deuten daraufhin, dass es zwischen Nitrit- und Nitrosaminaufnahme und Magen- und Speiseröhrenkrebs einen Zusammenhang gibt. In Tierversuchen schädigten Nitrosamine die Leber und das Erbgut erheblich. Im Trinkwasser hat Nitrat also nichts verloren.

Grenzwerte werden um das Sechsfache überschritten
© dpa Gülle ist die Hauptursache für den Nitrateitrag in das Grundwasser.
Gülle ist die Hauptursache für den Nitrateitrag in das Grundwasser.
Die Schuldigen für die zu hohen Konzentrationen an Nitraten im Grundwasser lassen sich leicht finden. Es sind die konventionellen Bauern, die viel zu viel Gülle auf den Feldern als billigen Dünger einsetzen. Seit Jahren gelangt durch die Düngung mit Urin und Kot aus der Massentierhaltung weit mehr Stickstoff auf deutsche Felder als nötig.

Der deutsche Grenzwert für Trinkwasser von 50 mg/l ist recht hoch angesetzt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt maximal 20 mg/l Nitrat im Trinkwasser. An zahlreichen Messstationen im Norden und Westen von NRW werden Werte von 150 bis 300 mg/l erreicht. Ein Liter Wasser in 300 Milligramm Nitrat ist eher zum Düngen geeignet als zum Trinken. Im 2016 vom Bundesumweltministerium vorgestellten Nitratbericht heißt es, dass der zulässige Grenzwert zwischen 2012 und 2014 bei 28 Prozent der Messstellen überschritten wurde. In die Leitungen darf solches Wasser nicht. Es wird meist mit anderem Wasser gemischt und so die Konzentration gesenkt.


Deutsche Bauern düngen, was das Zeug hält
Zwar sind die Bundesregierung und die Länder über diese Überschreitungen im Bild, doch man ignoriert sie geflissentlich. So stellt die EU-Kommission fest, dass "Deutschland keine weiteren grundlegenden (...) Maßnahmen zur Bekämpfung diffuser Verschmutzungen durch Nitrate aus landwirtschaftlichen Quellen getroffen hat". In Deutschland regelt die Düngeverordnung das Ausbringen von Gülle auf den Feldern. Dabei ist der Gesetzgeber den Bauern gegenüber sehr generös und setzt sich über strengere Vorgaben der EU hinweg: Statt 170 kg Stickstoff aus Dung pro Hektar, wie in der EU erlaubt, dürfen deutsche Bauern bis zu 230 Kilo pro Jahr auf die Felder bringen. Dass andere Länder die Menge längst stark begrenzt haben, führt zu einem Gülle-Tourismus der besonderen Art: Die Niederländer exportieren jährlich 1,4 Millionen Tonnen Gülle, meist nach NRW und in die Eifel.

Nitate im Boden: eine Zeitbombe?
© NDR Sind Schadstoffe im Trinkwasser? Probeentnahme im Haushalt.
Sind Schadstoffe im Trinkwasser? Probeentnahme im Haushalt.
Die Folgen dieses Politikversagens bekommen übrigens die Verbraucher zu spüren und nicht die Verursacher. Die Preise für Trinkwasser werden in manchen Regionen des Landes wegen starker Nitratbelastung der Böden massiv ansteigen. Das hat ein Gutachten des Verbandes für Wasserwirtschaft prognostiziert. Das Trinkwasser vom Nitrat zu reinigen ist aufwändig und teuer. Einen Kostenanstieg für Trinkwasser von bis zu 62 Prozent sind der Studie zufolge in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten wahrscheinlich. Das ist für einen Dreipersonenhaushalt eine Steigerung von 135 Euro im Jahr.

Es könnte allerdings erst der Anfang sein: denn Grundwasser sickert bist zu 50 Jahre durch den Boden, bis es wieder als Trinkwasser gefördert wird. Die jetzigen Nitratbelastungen stammen also aus den 1960er und 1970er Jahren - als noch weitaus weniger Gülle ausgebracht wurde. Manche Experten bezeichnen die Nitratfrage deshalb als Zeitbombe.


Auf die Klage aus Brüssel verweist die Bundesregierung stets auf die geplante Reform der Düngeverordnung. Das Reformwerk ist bei den Bauern und ihrer starken Lobby aber heftig umstritten. Bauernverbände hätten am liebsten, wenn alles beim Alten bliebe. Seit 2011 wird die Reform angekündigt, aber immer wieder verschoben. Nun hatte sich das Bundeskabinett geeinigt und das Gesetzgebungsverfahren ist angelaufen (Stand 16.2.17 - siehe Links unter "Aktuell").

Sehen Sie am Freitag, 17. Februar 2017 um 20.15 Uhr, die Dokumentation von Andreas Orth. Der Film geht den Ursachen für die Verschmutzung unseres Trinkwassers auf den Grund und zeigt, wie Verbraucher vorsorgen und sich schützen können.


Sendedaten
Freitag, 17. Februar 2017, 20.15 Uhr
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