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Folge 5 - Video (15 Min.)Folge 5 - Video (15 Min.)
Hannah Arendt und die "Banalität des Bösen"
Es ist das bekannteste Filmdokument von Hannah Arendt: In einem abgedunkelten Raum vor schwarzem Hintergrund gibt sie 1964 ketterauchend dem Journalisten Günter Gaus ein Interview. Kurz zuvor war Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem" erschienen und hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Doch das Buch und die Reaktionen darauf werden nur kurz angeschnitten. Zu frisch scheinen die Wunden zu sein, die die Kritik bei Arendt hinterlassen hatte...
Das Fernsehinterview mit der renommierten Totalitarismus-Forscherin gibt dafür anderes preis. Zum Beispiel ihren Willen, die Wahrheit auch gegen alle Widerstände sagen zu wollen: "Fiat iustitia et pereat mundus" – 'Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde'.

"Eichmann in Jerusalem" ist nur ein kleines Taschenbuch und gehört nicht zu den epochalen Veröffentlichungen der Politikwissenschaftlerin, die sich in ihren Werken intensiv mit dem Totalitarismus auseinandersetzt. Und doch ist es eines der Bücher, das einem sofort einfällt, wenn der Name Hannah Arendt fällt.


Relativierung der Naziverbrechen?
© dpa Adolph Eichmann vor Gericht. Ein Vollstrecker von "obszöner Gewöhnlichkeit"?
Adolph Eichmann vor Gericht. Ein Vollstrecker von "obszöner Gewöhnlichkeit"?
In dem Buch bündelt sie Berichte aus dem Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolph Eichmann in Israel. Die Verhandlungen - Arendt besuchte zahlreiche Prozesstage - fanden zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 statt. Eichmann war wegen millionenfachen Mordes an den europäischen Juden angeklagt. Er leitete die Deportation der Juden in die Vernichtungslager. Der Prozess gegen ihn war einer der wichtigsten für die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus.

Kurz nach Erscheinen des Buches mit dem Untertitel "Ein Bericht von der Banalität des Bösen" bricht eine Welle der Kritik über Hannah Arendt herein: Das Buch sei schlecht recherchiert und einfältig. Es relativiere die Naziverbrechen und verharmlose sie, greife sogar das jüdische Volk - also die Opfer - an. Viele Freunde und Bekannte distanzieren sich von der jüdischen Politologin, die damals schon als große und außergewöhnliche Theoretikerin gilt.


Eichmann als prototypischer Schreibtischtäter?
© Heirler Hannah Arendt, geboren 1906 in Hannover, emigrierte 1933 in die USA
Hannah Arendt, geboren 1906 in Hannover, emigrierte 1933 in die USA
Warum sorgte dieses kleine Buch kurz vor dem Interview für so viel Aufsehen? Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Hannah Arendt stellt Eichmann als einen Prototyp vieler Naziverbrecher dar, der nicht als bestialisch mordendes Monster daherkam, sondern als "Hanswurst" und Schreibtischtäter. Obrigkeitshörig hätten diese Täter jeglichen Befehl ausgeführt. Arendt wollte mit dieser These die Person Eichmann entdämonisieren. Er sei ein Vollstrecker von "obszöner Gewöhnlichkeit", der nicht moralisch deformiert sei, sondern das "neue, moderne Böse" verkörpere und in seiner Auswirkung den größten Schrecken der Menschheit vollbringen könne.

Ein Massenmörder als banaler Beamter? Das ist in Zeiten der beginnenden Aufarbeitung der Naziverbrechen eine Provokation. Als ob das noch nicht genug wäre, verwischt Arendt die Grenze zwischen Täter und Opfer, in dem sie jüdischen Funktionären Kooperation mit den Nazis vorwirft. Diese Kooperation hätte die Opferzahlen zudem anwachsen lassen.

Kein Wunder, dass Anfeindungen wie diese Mitte der 1960er-Jahre bei den Opfern der Schoah Empörung auslösen: Arendt selbst hätte diese Zeit nur aus dem Exil miterlebt und könne sich deshalb kein Urteil darüber erlauben, wie andere Menschen in existentieller Not gehandelt haben.

Noch wirkmächtiger aber stellt sich Arendts erste These von der "Banalität des Bösen" heraus. Wer den Schrecken des Massenmordes an den Juden begreifen will, scheint nicht ohne den Begriff des "Banalen" auszukommen. Als könne man das systematische Morden kaum verstehen, ohne den Anteil zu begreifen, den die "normale" Bürokratie an diesen Verbrechen hatte.


Ist Arendt Eichmanns Verteidigungsstrategie aufgesessen?
Doch jenseits der "Schreibtischtäter" macht diese Faustformel von der "Banalität des Bösen" vergessen, dass es viele kaltblütige Vollstrecker des Massenmordes gab. Menschen, die mit Lust töteten und vor keiner Grausamkeit zurückschreckten.

Dass Arendt ausgerechnet Eichmann als Beispiel wählte, wird rückblickend als Fehler betrachtet. Die Forschung kann anhand der Protokolle belegen, dass es Eichmanns Verteidigungsstrategie gewesen war, die Richter von seiner Unwichtigkeit und Geringfügigkeit zu überzeugen. Eichmann hat seine persönliche Korrektheit, sein Pflichtgefühl und Karrieredenken in den Vordergrund geschoben, ideologischen Fanatismus oder niedrige Beweggründe dagegen von sich gewiesen. Der Journalist Thomas Assheuer schrieb dazu einmal in der ZEIT, Eichmann sei ein aktiver Teil der Judenvernichtung gewesen. "Nach allem, was die Forschung ans Licht gebracht hat, war er kein erschreckend normaler Verwaltungstäter, sondern ein antreibender Täter". Arendt selbst war sich der Unzulänglichkeit ihrer These bewusst. Im Vorwort stellt sie den Untertitel selbst zur Diskussion.


"Ich hätte es nicht anders geschrieben"
Was von Hannah Arendt bleibt, ist mehr als dieses kleine Büchlein. Es ist ein umfassendes Werk über den Faschismus und Totalitarismus. Es ist ein Nachdenken über das Böse und die totale Diktatur. Und es ist eine Analyse über die Motive vieler deutscher Täter im Nationalsozialismus.

Was von Hannah Arendt auch bleiben wird, ist ihr unabhängiges Denken. Zu Günter Gaus sagte sie in dem Interview: "Sehen Sie, es hat mich jemand gefragt: Wenn Sie das und das vorausgesehen hätten, hätten Sie das Eichmann-Buch nicht anders geschrieben? - Ich habe geantwortet: 'Nein'."


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