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Hormone versprechen Vitalität im Alter. Typische Beschwerden in der Lebensmitte sollen sie lindern. Risikofrei sind Therapien mit Östrogen oder Testosteron aber nicht.
Ewig jung durch Hormone?
Ein Rezept mit Risiko
Für mehr Kraft oder mehr Lust auf Sex greifen manche Männer im Alter zu Hormonen, etwa in Form von Gels. Zusätzliches Testosteron soll den von Natur aus abnehmenden Hormonspiegel auf einem jugendlichen Level halten. Doch Hormone sollten nicht als Anti-Aging-Mittelchen eingesetzt werden, auch wenn einige Ärzte das ihren Patienten gerne so verkaufen.
Ganz ohne Beschwerden geht es kaum. Hitzewallungen, Lustlosigkeit und Schlafstörungen sind typische Symptome, über die viele Frauen in den Wechseljahren klagen. Grund dafür ist eine verringerte Östrogen-Produktion. Das weibliche Sexualhormon wird in den Eierstöcken gebildet. Die Zahl der Eizellen nimmt dort im Laufe des Lebens ab, wodurch immer weniger Östrogen hergestellt wird. Weil das Gehirn diese plötzliche Veränderung nicht von jetzt auf gleich verarbeiten kann, werden Steuerungshorme ausgesendet, die die Östrogen-Produktion anregen sollen. Das passiert aufgrund der fehlenden Eizellen aber nicht mehr, stattdessen reagiert der Körper unter anderem mit Schwitzattacken. Bis der "Östrogen-Entzug" verkraftet ist, dauert es eine Weile. Für viele Frauen eine unangenehme Zeit.

Auch Lebensstil beeinflusst Testosteronhaushalt
Hormone für den Mann: Welche Chancen und Risiken gibt es?
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Von der Neuregelung des Hormonhaushalts sind jedoch nicht nur Frauen betroffen. Auch beim Mann nimmt die Hormonproduktion im Alter ab, allerdings weniger schlagartig, sondern langsam. In den Nebennieren und in den Hoden wird ab dem 35. Lebensjahr weniger Testosteron gebildet. So kommt es auch bei Männern zu Beschwerden, beispielsweise zu Erektionsproblemen oder depressiven Störungen.

Dass im Alter nicht mehr so viel Testosteron im männlichen Körper vorhanden ist, ist ganz normal. Manchmal ist es aber zu wenig. Eine der möglichen Ursachen: Übergewicht, ungesunde Ernährung oder zu wenig Bewegung. Diese Faktoren fördern den rapiden Abfall des Testosteronspiegels. Bei den meisten Männern geht die Veränderung unbemerkt vonstatten, bei anderen sind die Beschwerden aber so stark, dass sie einen Arzt aufsuchen.

Wenn dieser eine Hormontherapie empfiehlt, gehen die akuten Symptome zwar zurück. Welches Risiko mit den verabreichten Spritzen oder Pflastern auf lange Sicht einhergeht, ist aber weitgehend unerforscht. Es fehlt an Daten über die langjährige Einnahme von Testosteron aus klinischen Studien, die belegen würden, dass der Nutzen die Schäden überwiegt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass Testosteron die Prostata vergrößert und vorhandene Krebserkrankungen schneller wachsen lässt (siehe Link). Ein hoher Testosteronspiegel regt zudem die Blutproduktion an, was auf lange Sicht zu Gefäßverschlüssen und Herzinfarkten führen kann.


Menschen werden zu Patienten gemacht
Jürgen Gutekunst bekam Testosteron. Jetzt pausiert er.
Jürgen Gutekunst bekam Testosteron. Jetzt pausiert er.
Zunächst stehen bei einer Hormontherapie aber alle Zeichen auf Besserung: mehr Kraft, mehr Lust, mehr Schlaf. Das klingt vielversprechend und suggeriert, Hormone seien ein Mittelchen für die Konservierung der Jugend. Doch echte, dauerhafte Störungen haben eigentlich nur wenige Männer. In der Regel legen sich die Beschwerden, die auch durch Stress oder Medikamente verursacht werden können, nach einer gewissen Zeit wieder. Erst wenn akute Erkrankungen und andere Ursachen ausgeschlossen werden können, ist eine längerfristige, womöglich lebenslängliche Therapie mit Gels oder Pflastern, die Sexualhormone abgeben, überhaupt empfehlenswert. Ärzte sollten daher jene Patienten identifizieren, bei denen die verringerte Produktion dauerhaft ist.

Einige Mediziner raten allerdings voreilig zu Hormonbehandlungen - nach nur einer Blutentnahme. Dabei ist diese punktuelle Messung wenig aussagekräftig, da sie nur einen Zeitpunkt abbildet. Experten empfehlen immer zwei Messungen: Bevor eine Therapie begonnen wird, sollten wiederholt und eindeutig niedrige Werte festgestellt worden sein.

Denn auch wenn der Körper von selbst Hormone produziert: Hormonpräparate sind Medikamente. Und wie bei allen Medikamenten kann es auch hier zu Nebenwirkungen kommen. Sie stellen also keineswegs einen "natürlichen Ersatz", sondern eine künstlich herbeigeführte Verlängerung der Jugendlichkeit dar. Aus Lifestyle-Gründen empfiehlt sich die Einnahme von Testosteron nicht.


Östrogene gegen die Beschwerden?
© dpa Hormone sollen Frauen in den Wechseljahren aufleben lassen.
Hormone sollen Frauen in den Wechseljahren aufleben lassen.
Wie ist die Lage bei Frauen? Noch in den Siebzigerjahren wurden Frauen in der Menopause bereitwillig Östrogene verordnet. Die Hormone waren quasi ein Allheilmittel. Doch dann kam die Erkenntnis, dass die Präparate nicht leichtfertig verordnet und eingenommen werden sollten. So erhöhen Kombimittel wie Östrogen-Gestagen-Präparate laut einer Meta-Analyse von 23 Studien, in denen insgesamt fast 43.000 Teilnehmerinnen untersucht wurden, das Risiko eines Herzinfarkts, von Thrombosen (gefährliche Blutgerinnsel in den Blutgefäßen) oder eines Schlaganfalls. Diese Meta-Studie des "Cochrane Collaboration" fand auch heraus, dass nach fünf Jahren Therapie das Brustkrebsrisiko stieg. Allein das Risiko von Knochenbrüchen sank dank der Einnahme der Hormone.

Eine kurzfristige Hormontherapie ist nach heutigem Forschungsstand bei stärkeren und langanhaltenden Beschwerden sinnvoll. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) rät Frauen jedoch, aufgrund der Risiken von längerfristigen Therapien abzusehen. Das IQWiG schreibt, eine längere Hormonbehandlung berge ernstzunehmende Risiken. Allgemein gelte: Je länger eine Therapie andauert, desto höher sind ihre Risiken.


Verlängerte Jugend auf Rezept
Wer möchte nicht auch noch im Alter jung und fit sein?
Wer möchte nicht auch noch im Alter jung und fit sein?
Es klingt so einfach: Den Alterungsprozess des Körpers durch Zuführung von Hormonen verlangsamen. Doch kann man so wirklich das Altern austricksen? Der Film "Ewig jung durch Hormone?", den Sie am Freitag, 11. November 2016, 20.15 Uhr sehen können, begleitet vor allem Männer, die Hormone einnehmen, und fragt, ob sie als Therapie bisher für den Mann unterschätzt worden sind. Werden gesunde Männer zu Patienten gemacht?

Die Umsätze mit dem männlichen Geschlechtshormon sind in den letzten Jahren weiter gestiegen. Aber: Macht es Sinn, sich mit einer Spritze oder Gel zu verjüngen? Können Männer damit ihre Fitness und Potenz erhalten, oder ist es ein Lifestyle-Trend mit Risiko? Denn eigentlich sollen Hormone ja Kranken helfen - und nicht Menschen, die für immer jung bleiben wollen.


Sendedaten
Freitag, 11. November 2016, 20.15 Uhr
Mehr zur Hormontherapie
Männer in den "Wechseljahren"
Es ist ein unterschätztes Phänomen: die "Wechseljahre" beim Mann. Auch für etwa zehn bis 15 Prozent der Männer geht das Altern mit einer Veränderung des Hormonspiegels einher.
Glossar
Die Wechseljahre (Perimenopause)
Die Menopause ist der Endpunkt der fruchtbaren Zeit einer Frau, sie tritt in Deutschland im Durchschnitt im Alter von 51 Jahren auf.
Wie Hormone wirken
wissen aktuell: Die Macht der Hormone
Wenn Verliebte das Bild ihres Partners sehen, dann reagiert ihr Gehirn wie das eines Drogensüchtigen, der Kokain, Alkohol oder ein anderes Suchtmittel gezeigt bekommt. Im Kopf werden beim Betrachten des Bildes große Mengen des "Glückshormons" Dopamin freigesetzt. Die Wirkung von Hormonen ist mächtig.
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