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Tatort-Kommissar Andreas Hoppe fragt sich, wo er noch alte Nutzpflanzen wie die Haferwurzel findet.
Wo sind die guten, alten Sorten?
Es herrscht Monotonie in den Obst- und Gemüseabteilungen deutscher Supermärkte. Weil der Verbraucher glatte Gurken und runde Tomaten bevorzugt, setzen die Saatgutkonzerne auf Super-Sorten. Die bringen zwar ansehnliche Früchte hervor, sind aber lange nicht so robust und regional anpassungsfähig wie die alten, traditionell kultivierten Sorten.
Um die 2.000 Apfelsorten gibt es in Deutschland. Doch im Supermarkt finden wir mit ein bisschen Glück gerade mal sieben davon. Bei den Tomaten ist es ähnlich: Auch hier ist die Auswahl in den Geschäften gegenüber der in Deutschland eigentlich verfügbaren Anbauvielfalt deutlich minimiert.

Hochleistung statt Sortenreichtum
Alte Tomatensorte in der Gärtnerei Witt bei Freiburg
Alte Tomatensorte in der Gärtnerei Witt bei Freiburg
Einer der Gründe für das allerorts kleine Sortiment ist die simple Tatsache, dass die Kunden sich daran gewöhnt haben. Eine Karotte hat orange zu sein, eine Gurke bitteschön nicht stachelig. Für den Großteil der Landwirte lohnt es sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht, Sorten anzubauen, die zwar gut schmecken und Tradition haben, aber beispielsweise nicht auf den Punkt reif sind. Dazu kommt, dass einige wenige, große Konzerne wie Bayer oder Syngenta den Saatenmarkt regieren. Sie züchten auf Optik und Haltbarkeit. Was sie produzieren, wird ausgesäht.

Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO sind in den letzten 100 Jahren 75 Prozent aller Kulturpflanzensorten verloren gegangen. Da verwundert es kaum, dass die meisten Verbraucher vom Wettringer Taubenapfel, der Palmischbirne oder der Möhre Ochsenherz noch nie etwas gehört haben.

Zwar haben sich einige Initiativen, wie der Haßlocher Verein "Freie Saaten" dem Erhalt dieser alten Sorten verschrieben. Sie bauen gefährdete Sorten an, lesen sie aus und geben das Saatgut an Hobby-Gärtner weiter. So werden sie an Veränderungen, zum Beispiel im Klima, angepasst, was für den Fortbestand von Kulturpflanzen extrem wichtig ist.

Wer Saatgut aber kommerziell vertreiben möchte, muss die Sorten beim Bundessortenamt anmelden. Allerdings sind nur wenige der gefährdeten Sorten dort registriert. Der Grund: Zulassungen sind teuer und bedeuten einen hohen bürokratischen Aufwand. Hürden, die für private Gärtner und kleine Saatenschutz-Vereine zu hoch sind. Und die Konzerne, die es sich leisten könnten, alte Sorten eintragen zu lassen, setzen lieber auf Hochleistungspflanzen. Generell ist der gewerbliche Markt durch das deutsche Saatgutverkehrsgesetz (SaatVerkG) und das EU-weite Sortenschutzrecht stark reguliert. Viele alte Obst- und Gemüsesorten dürfen danach nicht in den Handel gelangen.


Einweg-Pflanzen dominieren den Markt
Gärtnerinnen im Lebensgarten Dreisamtal mit alten Sorten
Gärtnerinnen im Lebensgarten Dreisamtal mit alten Sorten
Früher wuchsen Tausende verschiedener Obst- und Gemüsesorten in den Gärten, die besten Schätze wurden von Generation zu Generation weitervererbt und an Nachbarn und Freunde weitergegeben. Nun droht die Sortenvielfalt zu verschwinden. Dass der traditionelle Kreislauf unterbrochen wird, hat auch gravierende Folgen für den Genpool der Nutzpflanzen, der so immer kleiner wird. Das führt dazu, dass bei ertragreicheren Mode-Exemplaren die Gefahr eines Krankheitsbefalls erhöht ist. Eine Anpassung an neue Klima- oder Erregerbedingungen kann nicht stattfinden, da es sich bei den industriellen Sorten in der Regel um Hybride handelt. Das sind nicht vermehrbare Sorten, Einweg-Pflanzen, die Jahr für Jahr neu gekauft und angebaut werden müssen.

Sehen Sie am Freitag, 9. September 2016, 20.15 Uhr, den Film "Wo sind die guten, alten Sorten?" von Elke Sasse und Sabine Zessin. Darin macht sich "Tatort"-Kommissar Andreas Hoppe - im privaten Leben ein Verfechter gesunder und regionaler Ernährung - auf die Suche nach gestreifter Rote Bete und der Auberginensorte Rosa Bianca. Er will herausfinden, warum die alten Sorten aus den Läden verschwunden sind, warum sich professionelle Gärtnereien damit schwertun, warum Hobbygärtner das Saatgut nicht im Laden finden. Die Sorten-Entusiasten, die Hoppe trifft, sind sich einig: Wenn das Saatgut verloren geht, verlieren wir auch ein bedeutendes Kulturgut.


Sendedaten
Freitag, 9. September, 20.15 Uhr

Sehen Sie den Film ab dem Ausstrahlungsdatum in der Mediathek.

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