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Mittwoch, 24. Juni
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Großes Interesse an dem ersten Auschwitzprozess 1963 in Frankfurt. Einige Polizisten salutierten den Angeklagten, als diese das Gericht verließen. Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.)
Auschwitz vor Gericht
Von Befehl und Gehorsam
Erst 18 Jahre nach der Befreiung des Lagers Auschwitz wurden die Täter des Massenmordes vor ein deutsches Gericht gestellt. Die Frankfurter Auschwitzprozesse waren nicht weniger als ein Wendepunkt im Umgang mit den Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich.
Lupe
Der erste Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 fand zunächst im Römer und dann im Haus Gallus statt.
Einen Schlussstrich wollten die meisten Deutschen: Der Krieg war 18 Jahre her und von Verbrechen in der Zeit des "Dritten Reichs" wollte keiner mehr etwas wissen. Die juristische Verfolgung der NS-Täter in der Adenauer-Ära war - galant gesagt - defizitär. Man könnte auch behaupten, Kriegsverbrecher und die Organisatoren des Massenmordes an den Juden, den Zigeunern, geistig behinderten Menschen und die Morde an den politischen Gegnern interessierten nicht.

Deutsche Kriegsverbrecher vor deutschen Gerichten?
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Der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war treibende Kraft für die Anklageerhebung.
Mehr als die Hälfte der Deutschen lehnte 1963 die Frankfurter Auschwitzprozesse ab, das ergaben Umfragen aus der damaligen Zeit. Die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsschuldigen (185 Personen), die noch von den Alliierten geführt wurden, waren in Vergessenheit geraten oder wurden verdrängt. Man hatte es sich in Westdeutschland behaglich gemacht und erste Anzeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs waren zu spüren. 1963 sollten nun deutsche Ankläger deutsche Kriegsverbrecher und Mörder vor deutsche Gerichte bringen?

Den Ort Auschwitz kannten nur wenige Deutsche
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Mit Blausäure wurden viele tausend Menschen in Auschwitz ermordet.
Bis zu diesem Zeitpunkt war "Auschwitz" ein unbekannter Begriff für viele Deutsche. "Der Massenmord war ein Tabu, man redete nicht über Auschwitz," berichtete Hermann Langbein, ein ehemaliger Insasse des Lagers. Die Prozesse brachten es an das Licht der Öffentlichkeit, was in Auschwitz geschehen war: 865.000 Juden wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet, in Krematorien und Gruben verbrannt. 8000 SS-Angehörige, darunter 200 Frauen, taten von Mai 1940 bis Januar 1945 Dienst in Auschwitz. Etwa 800 Auschwitz-Täter wurden in den ersten Jahren nach der Befreiung des Lagers abgeurteilt, viele in der "Sowjetisch Besetzten Zone" und die meisten, nahezu 700, von polnischen Gerichten.

Massenmord wurde nicht geleugnet
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Die Sterbebücher im Vernichtungslager Auschwitz
Am 20. Dezember 1963 wurden im Frankfurter Römer 23 Angehörige der Waffen-SS, die alle zum Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gehört hatten, wegen Mordes "in einer unbestimmten Vielzahl von Fällen" vor Gericht gestellt. Angeklagt waren zwei Adjutanten, ein Lagerführer, drei SS-Ärzte, ein SS-Apotheker, ein Rapportführer, Angehörige der Lagergestapo, Sanitätsdienstgrade und ein "Funktionshäftling". Neben dem Nachweis der individuellen Schuld der einzelnen Angeklagten war es das Ziel der Strafverfolger, über die bisher nie dagewesene Massenvernichtung in Auschwitz aufzuklären.

Der Nachweis der Schuld war für das Gericht problematisch. Die Angeklagten leugneten nahezu gänzlich jegliche Beteiligung an den Verbrechen. Den Massenmord in Auschwitz stellten sie allerdings nicht in Abrede. Sie bestritten nur individuelle Schuld auf sich geladen zu haben.


Kann ein Befehl auszuführen ein Verbrechen sein?
Die meisten beriefen sich auf die Befehle, die sie von den Kommandanten erhalten hätten. Für die in Auschwitz auf Befehl verübten Verbrechen waren nach Kriegsrecht nur die Vorgesetzten zur Rechenschaft zu ziehen. Doch die Teilnahme an Kriegsverbrechen aus "Eigeninitiative" konnte belangt werden. Das Gericht verurteilte diejenigen Angeklagten, denen unbefohlene, also eigenmächtige, aus niedrigen Beweggründen begangene Tötungen nachgewiesen werden konnte, wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus.

Auch eine Verweigerung des Befehlsgehorsam wäre nicht unmittelbar mit dem Tod bestraft worden, befanden die Richter. Einige andere Angeklagte hatten nach Auffassung des Schwurgerichts ausschließlich auf Befehl und ohne eigenen Willen an den Verbrechenmitgewirkt. Diese wurden nur als bloße Gehilfen verurteilt.

Einen gerechten Schuldausgleich stellten die überwiegend mildenStrafen nicht dar. Das Rechtsempfinden der Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik und ihrer Angehörigen wurde durch das geringe Strafmaß verletzt. Die Stimmung beim Prozess und auch in der deutschen Öffentlichkeit 1963 beschreibt die Tatsache, dass einige Polizisten salutierten, als die angeklagten ehemaligen SS-Angehörigen den Gerichtssaal verließen.


Im Geiste die Qualen von Auschwitz erleben
Als das Urteil gesprochen wurde, sagte der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer in seinem Schlusswort am 20. August 1965: "20 Monate lang haben wir im Geiste nochmals alle Leiden und all die Qualen erlebt, die die Menschen dort erlitten haben und die mit Auschwitz immer verbunden bleiben." Hermann Langbein, Gefangener in Auschwitz und Zeuge vor Gericht, erklärte, der Prozess habe wesentlich dazu beigetragen, "der Öffentlichkeit unanfechtbare Tatsachen über einen Abschnitt der deutschen Geschichte zu vermitteln, der bis dahin für allzu viele im Dunkeln lag."

Das Verfahren ging auf die Initiative des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zurück, der das Verfahren ins Rollen brachte. Die Staatsanwälte Kügler und Wiese spürten einen Teil der Angeklagten auf und konfrontierten nach Jahren des öffentlichen Verschweigens die Deutschen und die Welt zum ersten Mal mit allen Einzelheiten des Völkermords an den europäischen Juden.


Sehen Sie am Mittwoch, 27. Januar 2016, 21.00 Uhr eine Dokumentation von Rolf Bickel und Dietrich Wagner über die Auschwitzprozesse. Die Dokumentation folgt äußerlich dem historischen Ablauf des ersten Prozesses und konzentriert sich dabei auf den Hauptakteur: Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

Unweigerlich muss der Zuschauer den Blick immer wieder nach Auschwitz richten. Denn wie im Prozess sind es die Aussagen der Überlebenden, die auch diese Dokumentation zu einem unabweisbaren und eindrucksvollen Zeugnis für die Verbrechen der Nationalsozialisten machen: Hermann Langbein, Rudolf Vrba, Mauritius Berner, Jenny Schaner und Yehuda Bacon gingen vor die Kamera. Yehuda Bacon war noch ein Kind, als er Holz in die Verbrennungsöfen schleppen, menschliche Asche auf vereiste Wege streuen und zusehen musste, wie die Körper der Ermordeten aus den Gaskammern gezerrt wurden.


500 Stunden Tonband-Protokolle
Darüber hinaus greifen die Autoren des Hessischen Rundfunks zurück auf die von ihnen 1992 aufgespürten und über 500 Stunden umfassenden Tonband-Protokolle des Prozesses. Diese waren, einmalig in der deutschen Justizgeschichte, wegen des großen Zeugenaufgebots eigens vom Bundesgerichtshof genehmigt worden. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sie nach der Urteilsverkündung wieder gelöscht werden. Sie blieben jedoch auf Anweisung des hessischen Justizministers erhalten und sind heute zum unverzichtbaren historischen Forschungsmaterial geworden.

Sendedaten
"Auschwitz vor Gericht"
Mittwoch, 27. Januar 2016, 21.00 Uhr
Thema
© dapdHolocaust-Gedenktag
Programmschwerpunkt am 27. Januar 2016
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