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Mittwoch, 24. Juni
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Volksdroge Valium
Deutschland auf Droge
Etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind süchtig nach Medikamenten. Valium, Tavor & Co. vertreiben Ängste und Schlaflosigkeit, lassen den stressigen Alltag leichter ertragen. Doch die Mittel machen schnell abhängig. Der Einstieg erfolgt häufig auf ärztliche Anordnung.
Der Stoff, der die Angst vertreibt, kommt in Form einer kleinen, harmlos aussehenden Tablette: Benzodiazepine sind chemische Verbindungen, die angst- und krampflösend, beruhigend und schlaffördernd wirken. Vertrieben werden sie unter Markennamen wie Valium, Tavor oder Tafil. Ärzte verschreiben die Mittel deshalb oft an Patienten, die unter akuten Angstzuständen sowie Schlafstörungen leiden. Als "Wundermittel" werden die Tranquilizer seit ihrer Entdeckung vor über 50 Jahren gefeiert, sie wirken schnell und zuverlässig.

Teufelskreis aus Abhängigkeit und Entzug
© SWR/Uli Langguth Lupe
Annette Formalczyk war schwerst Medikamenten abhängig.
Die Entspannung "auf Knopfdruck" kann jedoch schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Benzodiazepine führen schnell zur Abhängigkeit - psychisch wie körperlich. Die Pillen wirken beruhigend und angstmildernd, im stressigen Alltag kann die Einnahme bald zur Gewohnheit werden. Insbesondere wenn die Beruhigungsmittel über einen längeren Zeitraum oder in höherer Dosierung genommen werden, steht am Ende ein Teufelskreis aus Abhängigkeit und Entzug. Kopfschmerzen, Unruhe, Angst oder Schlafstörungen sind die Folge, oftmals also genau jene Symptome, wegen denen ursprünglich die Behandlung erfolgte.

Selbst wenn die Tabletten erfolgreich abgesetzt wurden, können immer erneut akute Spannungszustände auftreten. Denn die Tranquilizer heilen nicht. Sie unterdrücken lediglich die Symptome von Angstattacken.


"Kleine Helfer" mit üblen Folgen
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Therapiegruppe von Medikamentenabhängigen in den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein
Die schädlichen Nebenwirkungen von Benzodiazepinen sind seit Langem gut bekannt. Trotzdem werden die Mittel weiterhin eifrig verschrieben. Und die Pharmaindustrie verdient gut an dem Geschäft mit der Angst. Beruhigungsmittel gehören zu den meistverkauften Arzneimitteln. Für die ZEIT recherchierte das Marktforschungsinstitut Insight Health, dass im Jahr 2014 deutsche Apotheken 18,7 Millionen Schlaf- und Beruhigungsmittel verkauften, die abhängig machen können.

Und immer mehr Menschen fühlen sich im Alltag gestresst und überfordert. Die "kleinen Helfer" versprechen da schnelle und zuverlässige Abhilfe. Die "Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V." schätzt, dass 10-17 Prozent der Bevölkerung im Laufe eines Jahres ein Beruhigungsmittel wie Valium einnimmt. Die Tranquilizer sind damit kein Randphänomen, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen.


Süchtig auf Rezept
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Prof. Gerd Glaeske ist Arzneimittelversorgungsforscher am Institut für Sozialpolitik, Universität Bremen
Mit der Häufigkeit der Verschreibungen steigt auch die Zahl derjenigen, die nicht mehr von den Pillen loskommen. Schätzungen zufolge sind knapp 1,4 Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Tabletten. Für viele beginnt die Sucht mit einem Besuch beim Arzt: Zur Linderung der Probleme wird die Einnahme einer niedrigen Dosis der Beruhigungsmittel über einen längeren Zeitraum verordnet. Erst bei dem Versuch, die Tabletten abzusetzen, wird den Patienten das Ausmaß der Abhängigkeit bewusst.

Nicht selten wird die Wirkung der Beruhigungsmittel auch vorsätzlich missbraucht. Die Rolling Stones widmeten den Tranquilizern bereits 1966 den Song "Mother's little helper". Um entspannt durch den Alltag zu kommen, griffen damals immer mehr Hausfrauen zu Valium. Heute versprechen neben Beruhigungsmitteln auch andere Psychopharmaka das Vorankommen in der Leistungsgesellschaft: Neuro Enhancement ist Doping fürs Gehirn. Die Pillen halten wach und konzentriert, stimulieren zu Höchstleistungen im Beruf, abends hilft dann eine Valium beim einschlafen.


Sehen Sie am Freitag, 15. Januar 2016, 20.15 Uhr einen Film von Kirsten Esch und Ulrich Langguth über die "Volksdroge Valium". Wie sieht die Verschreibungspraxis dieser hoch wirksamen Medikamente aus? Ist die Aufklärung über das Suchtpotential ausreichend?Die Autoren gehen diesen Fragen nach und erzählt den Leidensweg von Menschen, deren Leben durch die Tablettensucht aus den Fugen geriet.

Sendedaten
Freitag, 15. Januar 2016, 20.15 Uhr
Medikamentenabhängigkeit
Droge vom Hausarzt
Viele Hausärzte verschreiben Schlafmittel oft relativ unkritisch - als Hilfe für Menschen, die einfach keine Ruhe finden. Die Folge ist Abhängigkeit.
Archiv
Vorsicht, Diagnose!
Die Pharmabranche ist ein mächtiger Industriezweig. Weltweit werden jährlich schätzungsweise 1.000 Milliarden Dollar für Medikamente ausgegeben. Doch braucht man all diese Pillen, Spritzen, Vorsorgeuntersuchungen und OPs überhaupt? Oder inwieweit spielen Interessen der Industrie die Hauptrolle?
Entspannung statt Pille
Gut durch die Nacht
Seminare helfen, Vertrauen zu entwickeln, dass der Schlaf kommt, und heilen so Schlaflosigkeit, sagt der Münsteraner Schlafmediziner Dr. Hans-Günter Weeß.
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