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Mittwoch, 24. Juni
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Kierkegaard - Gefährliche Gedanken
Zum 160. Todestag Søren Kierkegaards
Die Liebe und die Religion ließen Søren Kierkegaard zu einem großen Philosophen werden. Er litt an der Liebe zu Regine und er litt an den Moralvorstellungen der damaligen Zeit und seines streng protestantischen Elternhauses. Doch das Gemisch formte einen schwermütigen Ausnahme-Philophen mit Weltruhm.
In die erst 15-jährige Regine Olsen verliebt sich Kierkegaard unsterblich. Der Altersunterschied von zehn Jahren macht ihm weniger zu schaffen, als vielmehr die Frage, ob er uneingeschränkt offen zu ihr sein könne. Seinem strengen christlichen Ehebegriff nach ist dieses die Voraussetzung. In jungen Jahren hatte Kierkegaard einmal ein Bordell besucht und diese Tatsache würde er einer zukünftigen Frau nie erzählen können. 1840 macht der Kopenhagener Theologiestudent der nun 18-jährigen Regine einen Heiratsantrag - verlobt sich und bereut es wenige Tage später zutiefst. Er könne zu ihr niemals ganz ehrlich sein, und er könne sie deswegen auch nie glücklich machen.

Der gemeine und gehässige Verlobte
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Spielszene aus dem Film: Kierkegaard und Regine
Je mehr Kierkegaard darüber nachdenkt, umso unmöglicher erscheint ihm die Ehe mit Regine. Nun beginnt eine Tragödie. Regine solle sich von ihm entlieben. Dazu muss er sich so unatraktiv, so gemein und gehässig wie möglich machen. Nach einem Jahr hat er das Herz des armen Mädchens zertrümmert und die Verlobung ist aufgehoben. Doch auch er leidet unter dem schrecklichen Chaos, das er angerichtet hat. Verzweiflung und innere Zerrissenheit lassen ihn "unbeschreiblich leiden", wie er später schreibt. Dieses Drama, das er auf der kleinen Bühne koppenhagener Bürgelichkeit aufführte, verwehrt ihm ein geregeltes Leben. Die Geschichte zwingt ihn geradezu, Philosoph zu werden.

Gott und der Fluch der Familie Kierkegaard
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Spielszene aus dem Film: Kierkegaard (Søren Bang Jensen) testet sein Fernrohr.
Warum aber hat dieser Mann nur einen so selbstzerstörerischen Trieb, sich und andere unglücklich zu machen? Es ist nicht nur eine bestimmte Vorstellung von Ehe - und auch nicht die einmalige Verfehlung. Er ist wie sein Vater davon überzeugt, dass auf seiner Familie ein Fluch lastet. So beschrieb es der verstorbene Professor für Philosophie Wilhelm Weischedel. Kierkegaards Vater, ein ehemaliger armer Schäfer, der es im Wollhandel zu großem Reichtum gebracht hat, verflucht in jungen Jahren - an Hunger und Kälte leidend - Gott. Der Vater leidet zeitlebens unter dem Ereignis, und dass nur zwei seiner sechs Kinder das Erwachsenenalter erreichen, schreibt er einem Fluch zu, der auf der Familie laste. Dazu kommt, dass Søren Kierkegaard ein extrem grüblerischer und selbstbeobachtender Mensch ist. Etliche seiner Werke fußen auf seinen persönlichen Problemen, die er verobjektiviert.

Gemeinschaft der philosophischen Junggesellen
Nach dem Liebesdrama geht Kierkegaard nach Berlin und verfasst dort ein Buch " Entweder – Oder", das er unter dem Pseudonym Victor Eremita ("der siegreiche Einsiedler") veröffentlicht. Auf tausend Seiten versucht er unter anderem auch seine Verlobung und Entlobung zu bewältigen. In späteren Werken arbeitet er sich an der Institution Kirche ab, sagt ihr offen den Kampf an - ohne sich von seiner "christlichen Existenz" abzuwenden. "Wer bin ich" und objektiviert "Was ist der Mensch": um diese Frage kreist sein Denken.

Kierkegaard bleibt bis zu seinem Lebensende unverheiratet. Er reiht sich somit in die Schaar der philosophischen Junggesellen wie Kant, Nietzsche, Schopenhauer und Pascal ein. Kierkegaard notiert zeitlebens in seinen Tagebüchern jede noch so kleine Begegnung in Kopenhagen mit seiner Exverlobten in epischer Breite. Seinen gesamten Nachlass vermachte er testamentarisch seiner "ewig geliebten Regine". Ohne sie wäre er nicht das geworden, was er wurde: einer der größten europäischen Philosophen. Heute vor 160 Jahren (am 11.11.1855) starb Kierkegaard an einem Schlaganfall.


Sendedaten
Sonntag, 8. November 2015, 11.30 Uhr
Info
Søren Aabye Kierkegaard starb vor 160 Jahren in Kopenhagen. Er ist einer der bekanntesten dänischen Philosophen und Essayisten. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden nach und nach Kierkegaards Hauptwerke sowie seine Tagebücher ins Deutsche übersetzt.
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