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Mittwoch, 24. Juni
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Fachkräftemangel in Deutschland? Sehen Sie hier die ganze Sendung (45 Min.)
Der Arbeitsmarktreport
Das Märchen vom Fachkräftemangel
"Ingenieurmangel! Ärztemangel! Zu wenig IT-Spezialisten!" und "Wenn wir nicht gegensteuern, geht es bergab mit Deutschland." Das sind alltägliche Schlagzeilen, mit denen Politik gemacht wird. Wirtschaftsverbände und Lobbyisten warnen vor dem Fachkräftemangel und dessen Folgen, fordern mehr politischen Einsatz und eine Öffnung des Arbeitsmarktes. Wie real ist der Fachkräftemangel wirklich?
Der Fachkräftemangel hat es in den letzten Jahren zu einem beliebten Schlagwort in der Diskussion um den Zustand des Arbeitsmarktes gebracht. Industrie und Unternehmen rufen immer wieder nach Hilfe aus der Politik: In bestimmten Berufen oder Berufsgruppen herrsche eine Engpass an qualifizierten Arbeitskräften, die Besetzung von Stellen falle schwer. Mit Blick auf die Zukunft wird sich die Lage voraussichtlich sogar noch verschärfen. Die Angehörigen der "Babyboomer"-Generation, also die in den 1950er und 1960er Jahren geborenen, erreichen in den nächsten Jahren das Rentenalter und scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus. Wer soll ihnen nachfolgen?

Ärztemangel - trotz steigender Absolventenzahlen?
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Hinweistafel zur Suche nach Fachkräften.
Besonders betroffen sind technische Berufe, also Ingenieure und Fachhandwerker, aber auch in vielen Sozial- und Pflegeberufen sind mehr offene Stellen gemeldet, als es Bewerber gibt.Liest man entsprechende Meldungen hat es schnell den Anschein, die medizinische Versorgung in Deutschland sei stark gefährdet. Besonders auf dem Land finden viele niedergelassene Hausärzte nur schwer qualifizierte Angestellte oder einen Nachfolger für ihre Praxis. Droht ein Ärztemangel?

Dagegen spricht, dass die Anzahl der ausgebildeten Humanmediziner in den letzten Jahren sogar gestiegen ist. Dass dennoch in vielen ländlichen Regionen von einem Ärztemangel gesprochen wird, hängt nicht so sehr mit der niedrigen Gesamtzahl an Ärzten zusammen, sondern mit deren Verteilung über das Bundesgebiet. Viele junge Ärzte arbeiten heute lieber in der Stadt als auf dem Land. Die Folge ist eine Überversorgung mit Ärzten in den Großstädten, während andernorts Arztpraxen schließen müssen. Statt mangelnden Fachkräften sind also oft andere Faktoren die Ursache, etwa unattraktive Standorte oder Konditionen.


MINT-Absolventen sind besonders gefragt
Auch in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, wird seit längerem der Notstand ausgerufen. Ingenieure, Informatiker, technische Fachkräfte - überall fehlen qualifizierte Bewerber. Wirtschaftsverbände wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) drängen auf eine stärkere Förderung der Ausbildung in diesen Bereichen und auf eine Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Fachkräfte. Dabei zeigen auch hier die Studierendenzahlen ein langsames, aber stetiges Wachstum: Im vergangenen Wintersemester 2014/2015 waren eine Million junger Menschen für ein MINT-Studium eingeschrieben. Trotzdem warnt der VDI vor den gravierenden Folgen, die der Fachkräftemangel für den Wirtschaftsstandort Deutschland bedeutet.

Fachkräfte zu Dumpingpreisen
Kritiker wie Karl Benke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen hinter solchen lautstarken Hilferufen der Wirtschaft hingegen ganz andere Interessen. Für die Unternehmen bedeuten mehr Bewerber nämlich nicht nur eine raschere Besetzung von offenen Stellen, sondern auch mehr Auswahl - und mehr Macht in Gehaltsverhandlungen. Indem der Ingenieurberuf zum Mangelberuf erklärt wurde, können Unternehmen es sich leisten, hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, zu einem Mindestlohn von 32.500 Euro im Jahr. Früher lag diese Grenze bei 66.000 Euro. Mit Blue Card und europäischer Freizügigkeit sollen Fachkräfte aus Spanien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien auf den deutschen Arbeitsmarkt strömen. Von solchen Arrangements profitieren am Ende nur die Unternehmen.
Provozieren Unternehmer also bewusst ein Überangebot an Fachkräften, um trotz anziehender Konjunktur geringere Löhne zahlen zu können? Die Bewerber von heute sehen sich nicht mehr als Bittsteller. Sie fordern gerechte Gegenleistungen ein, anstatt schlechte Bedingungen zu akzeptieren, nur um einen Job zu bekommen. Am Ende entpuppt sich der behauptete Fachkräftemangel als Strategie, die sich für Politik und Wirtschaft durchaus lohnen kann.

Sehen Sie am Freitag, 30. Oktober 2015, um 20.15 Uhr einen Film, der zeigt was sich hinter dem seit Jahrzehnten beklagten Fachkräftemangel verbirgt und einen Kommentar zur aktuellen Situation gibt. "Der Arbeitsmarktreport" deckt Hintergründe auf und zeigt, wie Lobbyverbände und Wirtschaft Einfluss auf den Arbeitsmarkt nehmen.

Sendedaten
Freitag, 30. Oktober 2015, 20.15 Uhr
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