Übersicht
TV-Programm
Mittwoch, 24. Juni
© HR Video
Die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach - einst war hier "Reichssiedlung Rudolf Heß". Sehen Sie den Trailer (2 Minuten)
Nazis im BND
Neuer Dienst und alte Kameraden
Nazis, Kriegsverbrecher und zum Teil auch Massenmörder gingen im westdeutschen Auslandsgeheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg ein und aus. Die Männer von SS und Gestapo prägten den Geheimdienst maßgeblich. Wie konnte es zu dieser personellen Kontinuität vom Dritten Reich bis in die 1960er Jahre kommen?
Der Auslandsgeheimdienst der Bundesrepublik Deutschland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Mitarbeiter der besonderen Art: Walter Rauff, der Erfinder des mobilen Vergasungswagens, Alois Brunner, der für die Deportation von 128.000 Menschen in KZs verantwortlich war, und der sadistische Massenmörder Klaus Barbie, der als "Schlächter von Lyon" in die Geschichte einging, waren für den Nachrichtendienst tätig. Barbie zum Beispiel arbeitete von 1966 an unter einem falschen Namen für den BND.

Lupe
Der Sitz des Bundesnachrichtendienstes in Pullach mit der Präsidentenvilla.
Es ist nicht verwunderlich, dass so viele vorbelastete Nazis beim Aufbau eines Nachrichtendienstes beteiligt waren, denn dessen Gründer und Chef war Reinhard Gehlen, ehemaliger Generalmajor des Dienstes "Fremde Heere Ost". Diese Abteilung der Wehrmacht war für die Informationsbeschaffung an der Ostfront zuständig und verhörte und folterte russische Kriegsgefangene. Von 1946 bis 1968 leitete Hitlers Chefaufklärer Richtung Osten den Geheimdienst im westlichen Nachkriegsdeutschland. Dieser war sogar als "Organisation Gehlen" bekannt und Vorläufer des 1956 gegründeten Bundesnachrichtendienstes.

Recruting von SS-, SD- und Gestapo-Mitgliedern
Lupe
Hans-Henning Crome, ehemaliger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, sollte intern Nazis aufstöbern.
Gehlen holte vor allem alte Kameraden aus der Abteilung "Fremde Heere Ost" in den neuen Dienst. Beim Anwerben von ehemaligen Nazis half ihm Wilhelm Krichbaum. Der frühere SS-Oberführer war auch Chef der "Geheimen Feldpolizei", die während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Kriegsverbrechen begangen hatte. Er rekrutierte viele ehemalige Angehörige von SS, SD und Gestapo, darunter auch den berühmten Doppelagenten Heinz Felfe, der im BND für Moskau spionierte. Schätzungen zufolge hatten 1950 um die 500 meist hochrangige Mitarbeiter einen solchen Hintergrund. Noch 1970 sollen zwischen 25 und 30 Prozent der Beschäftigten des BND ehemalige Angehörige dieser Organisationen gewesen sein. Die Amerikaner ließen diese gewähren, denn der neue Feind stand im Osten, und die ehemaligen Nazis waren für ihr Fachwissen und ihre antikommunistische Einstellung bekannt.

In den Akten lassen sich sogar Belege finden, dass auch in Nürnberg verurteilte - und später begnadigte - Kriegsverbrecher alten Kameraden Empfehlungsschreiben für den Dienst ausstellten. Bis in die Mitte der 1950er Jahre fand keine Überprüfung der Mitarbeiter in die Verwicklung von Kriegsverbrechen statt.


Personelle und räumliche Kontinuität
© HR Lupe
Gerhard Sälter, Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des Bundesnachrichtendienstes
Neben der erschreckenden personellen Kontinuität im Geheimdienst ist es eine - kaum erhebliche, dennoch bezeichnende - Randnote der Geschichte, dass auch die Gebäude, die in dem bayerischen Städtchen Pullach genutzt wurden, eine Nazivergangenheit hatten. Die "Reichssiedlung Rudolf Heß" wurde ab 1947 von der Organisation Gehlen und später vom Bundesnachrichtendienst (BND) genutzt.

Als Anfang der 1960er Jahre die großen Prozesse um Adolf Eichmann in Jerusalem und in Frankfurt um die Wachmannschaften des Konzentrationslagers Auschwitz die Öffentlichkeit aufrüttelten, geriet auch das Personal des BND in die Kritik. Eine unfreiwillige Entnazifizierung aller hauptamtlichen Mitarbeiter der Behörde war die Folge. Hans-Henning Crome führte damals die Untersuchungen. Er war sehr bestürzt, als er die Lebensläufe seiner Kollegen überprüfte. Erst nach diesen Untersuchungen konnte der BND langsam in eine neue, unbelastete Ära eintreten.


CIA-Akten geben viele Hinweise
© dpa Lupe
Der neue BND in Berlin
"Viele Kriegsverbrecher und SS-Leute hatten in ihm ihre unter den Nazis begonnene Karriere ungehindert und unbestraft fortsetzen können. Das belegen nicht zuletzt jüngst freigegebene US-Geheimdienstakten aus den Fünfziger Jahren", schreibt Andreas Förster in der Berliner Zeitung vom 18.07.2006. In den CIA-Akten gibt es viele Hinweise, dass Gehlen schon 1958 - zwei Jahre vor den Israelis - wusste, unter welchem Namen sich Adolf Eichmann in Argentinien versteckte. Man verriet aber nichts, denn man befürchtete, dass Eichmann den "Kontrolleur" Gehlens, Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke, belasten würde.

Der kanadische Historiker Timothy Naftali kommt nach der Auswertung von CIA-Akten zu dem Schluss, dass für die Organisation Gehlen mindestens 100 ehemalige SS-Mitglieder tätig gewesen seien.


BND um Aufklärung bemüht?
Als im Jahr 2011 vier deutsche Historiker vom Bundesnachrichtendienst (BND) den Auftrag bekamen, die Geschichte der Behörde zu erforschen, sagte ihr damaliger Chef Ernst Uhrlau: "Wir öffnen ein Fass, von dem wir nicht wissen, was drin ist." Die eigene erschreckende Geschichte aufzuarbeiten ist ein löbliches Vorhaben. Was verraten die Akten aus dem BND-Archiv über Rekrutierung und Einsatz von SS-Männern und NS-Funktionären? Im nächsten Jahr (2016) will die unabhängige Historikerkommission ihre Ergebnisse zu diesem Thema vorlegen. Doch ob alle Tatsachen ans Licht kommen werden? 2011 wurde bekannt, dass der BND in den 90er Jahren fast 600 Seiten über den Massenmörder Alois Brunner vernichtet hat. "Warum?", fragt man sich?

Auch das Ansinnen eines "Bild"-Journalisten, die vollständige Personalakte des NS-Verbrechers Adolf Eichmann zu erhalten, hatte die Behörde und zuletzt auch der Bundesgerichtshof abgelehnt. Die "Bild" hatte berichtet, dass der BND bereits 1952 gewusst habe, wo sich Eichmann aufhielt. Erst 1960 spürte der Mossad ihn in Argentinien auf und er wurde in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt. Die Zeitung wollte alle Akten des Auslands-Geheimdienstes zu Eichmann einsehen, bekam aber nicht die kompletten Unterlagen. Transparent ist dieses Vorgehen der Behörde nicht.


"Niemand soll mehr wissen, als er wissen muss"
Sehen Sie am Montag, 6. Juni 2015, 23.10 Uhr einen Film von Christine Rütten über die Geschichte des BND. Für die Dokumentation sichtete die Journalistin zahlreiche, zum Teil bislang nicht zugängliche Akten, und zeigt, wie sogar Massenmörder auf die Gehaltsliste des BND kamen und wie sie aus ihrem speziellen Wissen auch nach dem Krieg Kapital schlagen konnten. Am Ende aber muss sie sich immer noch die Frage stellen, ob der Bundesnachrichtendienst auch in Sachen Geschichtsaufarbeitung nach dem bewährten Geheimdienstmotto vorgeht: "Niemand soll mehr wissen, als er wissen muss".

Sendedaten
Montag, 6. Juni 2015, 23.10 Uhr
Dokumentation
Die Geheimdienstlegende
Reinhard Gehlen war der Gründer des deutschen Auslandsnachrichtendienst - dessen Vorläufer sogar seinen Namen trug: "Operation Gehlen". Doch der Generalmajor war in die Machenschaften des Hitlerregimes verstrickt und Gehlen beschäftigte auch nach dem Zweiten Weltkrieg Kriegsverbrecher und Massenmörder.
Kulturzeit
Deckname "Enrico Gomez"
NS-Verbrecher Walther Rauff und der BND
Schwerpunkt Spionage
Chronologie der Spionage im Kalten Krieg
"Geheimdienste haben auf den Verlauf der Geschichte einen erheblichen Einfluss ausgeübt" schrieb einer, der es wissen musste: Dr. Richard Meier, Chef der Abteilung 1 des Bundesnachrichtendienstes (BND) und späterer Präsident des Verfassungsschutzes. "Doch nur selten, durch Zufall, wurden ihre Verdienste offiziell bekannt." Das ist auch die Krux an einer Faktensammlung zu geheimdienstlicher Arbeit.
Links