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Mittwoch, 24. Juni
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Ein Junge betrachtet ein Exemplar des Riesenbärenklaus (Heracleum giganteum). Der von der Pflanze abgesonderte Saft kann beim Menschen Verätzungen und Verbrennungen der Haut und der Schleimhäute hervorrufen. Sendung ansehen (45 Min.)
Invasion der Pflanzen
Gefahr für Mensch und Umwelt?
Die Einwanderung exotischer Gewächse scheint Europas Flora aus dem Gleichgewicht zu bringen. Explosionsartig vermehren sich eingeschleppte Arten und vereinnahmen den Lebensraum der heimischen Pflanzenwelt. Ist das eine Gefahr für unsere heimische Umwelt?
Allergiker wissen, wie angriffslustig sich Pflanzen von Zeit zu Zeit verhalten können. Es gibt Arten, die sind schön anzusehen, aber manchmal für den Menschen extrem gefährlich: Ambrosia, Riesen-Bärenklau oder das Großblütige Heusenkraut.

Schäden von mehreren Hundert Millionen Euro
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Der giftige Saft macht den Riesenbärenklau so gefährlich.
Die Ambrosia zum Beispiel verursacht mit ihren Milliarden Pollen pro Pflanze schwerwiegende Allergien. Diese Pollen, so Mediziner, zählen zu den stärksten Allergieauslösern der Pflanzenwelt. Ulf Gereke ist Mediziner im brandenburgischen Cottbus, der Region mit den dichtesten Vorkommen von Ambrosia in Deutschland. Entsprechend voll ist das Sprechzimmer des Allergiespezialisten. Ohne Desensibilisierung wären viele seiner Patienten nicht mehr in der Lage, ein normales Leben zu führen. Europaweit rechnen Wissenschaftler mit volkswirtschaftlichen Schäden von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich, verursacht allein durch die Ambrosia.

Schweiz geht rabiat gegen die Ambrosia vor
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Um eine Weide von der invasiven Pflanzenart Baccharis zu befreien, braucht dieser Trecker einen halben Tag.
In der Schweiz geht man generalstabsmäßig gegen die eingewanderte Art, eine sogenannte Neophyte, vor. Im Kanton Glarus wurden von der Regierung zusätzliche Mittel von mehreren 100.000 Franken bewilligt, damit Arbeitslose oder Asylsuchende den Kampf der Forst- und Naturschutzbehörden unterstützen können. In der Schweiz gilt für Landbesitzer eine "Ausreißpflicht", andernfalls drohen sogar Bußgelder.

Die Ambrosiapflanze stammt ursprünglich aus Nordamerika und hat sich inzwischen über Ost- und Südeuropa bis nach Deutschland ausgebreitet. In Süd- und Osteuropa, wo sie in Massen auf Feldern und Brachflächen wuchert, gibt es schon massive Probleme mit der sich schnell vermehrenden Pflanze. Im Jahr 2006 wurde vom deutschen Bundesrat ein Aktionsprogramm gegen die aggressive Pflanze beschlossen.


Ambrosia reist gerne mit Auto und Zug
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Reiseroute entlang der Autobahnen: Ambrosia fährt gerne mit.
Noch ist Ambrosia in Deutschland nicht flächendeckend verbreitet. Die Vorkommen sind im Moment vorwiegend auf Straßen-, Schienen - und Wegesränder begrenzt. Züge und Autos als Transporteure von Pollen helfen den pflanzlichen Neusiedlern, ihre Invasion voranzutreiben. Mittlerweile finden immer mehr Ambrosia Samen den Weg in Saatgut oder Vogelfutter und damit auch in die Landwirtschaft und die heimischen Gärten. Im März 2013 stellten das Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und die Goethe-Universität eine Studie vor, die aufzeigt, dass die Verbreitung rasant vorangeht und große Gebiete umfassen wird.

Exotische Problempflanze erstickt Gewässer
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Den Staudenknöterich zu beseitigen bedeutet Schwerstarbeit.
In deutschen und französischen Gewässern sorgt zurzeit eine Pflanze für Probleme, die es hier bis vor kurzem überhaupt nicht gab. Das Großblütige Heusenkraut stammt ursprünglich aus Nordamerika. Es bildet undurchdringliche Matten, die ganze Seen oder Flüsse überwuchern. Andere Wasserpflanzen-Arten können dann nicht mehr existieren. Obwohl die Pflanze tropischen Ursprungs ist, kann sie unter Wasser überwintern und war imstande, fast ganz Europa nördlich bis zum Norden Schottlands zu besiedeln. Das Großblütige Heusenkraut ist auch in der Lage, konkurrierende Pflanzenarten durch Abgabe "giftiger" Pflanzenstoffe zu schädigen. Wahrscheinlich stammen viele der Heusenkraut-Vorkommen aus dem Verkauf von Aquarien- und Gartenteichpflanzen. Das Kraut ist in Teichen als Sauerstoffspendender sehr beliebt. Fast alle der zugewanderten Pflanzen wurden übrigens durch den Menschen verbreitet. Einige Arten wurden sogar absichtlich in Mitteleuropa angepflanzt und sind dann aus Gärten oder Parks heraus "entflohen".

Die Bekämpfung der Neophyten ist schwer: Im Falle des Großblütigen Heusenkrauts müssen Teams Flüsse und Seen durchwaten und jede Pflanze einzeln ausreißen. Eine schwierige Aufgabe, die jedes Jahr erneut bewältigt werden muss. Doch warum wird gegen manche der invasiven Arten vorgegangen? Im Falle der gesundheitsschädlichen Neophyten ist die Sache klar; doch bei den anderen...?


Populationsökologen bewerten Invasionsrisiken
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Im Harz macht sich der Japanische Staudenknöterich breit.
Doch die Wissenschaftler sind uneins, ob eine Ausbreitung einer ortsfremden Art per se schlecht ist: Ökosysteme sind nie starr und unveränderlich, sondern eher als ein dynamischer Prozess zu verstehen, sagen einige Wissenschaftler. Diese "Dynamiker" wollen der Entwicklung der Pflanzengesellschaften freien Lauf lassen. Sie sagen, es sei unter den vielen fremden Arten, die bei uns leben, sowieso kaum etwas "Einheimisches" zu finden. Selbst die Kastanie sei ein Einwanderer aus dem Balkan und auch Platanen und Robinien seien importiert.

Gibt es Pflanzen-Fremdenfeindlichkeit?
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In manchen Landstrichen sind fast nur noch Neophyten anzutreffen.
Ist also die "Furcht vor Überfremdung" eine irrationale Pflanzen-Fremdenfeindlichkeit? Soll jedes Kräut da wachsen dürfen, wo es sich wohl fühlt? Ist es nicht das uralte Naturrecht vom freien Spiel der Wuchskräfte, das sich durchsetzt und letztlich immer wieder zu ausbalancierten Öko-Systemen führt?

Nein sagt der andere Teil der Populationsökologen und befürchtet, dass jüngst eingewanderte Arten das ökologische Gleichgewicht nachhaltig stören können. Im schlimmsten Fall käme es zu einer Monokultur, die einem biologischen Gau gleichkomme. Schuld daran sei der Mensch, denn er würde die Pflanzenarten, die sich über Jahrtausende an die Umgebung angepasst hätten, in einen anderen ökologischen Kontext verfrachten.


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Tierische Rasenmäher im Einsatz gegen den Riesenbärenklau in Ganderkesee.
Haben diese Neuankömmlinge im Ökosystem nun günstige oder eher negative Auswirkungen? Die Mehrheit der Wissenschaftler sind der Meinung: Invasive Arten sind in der Summe eher als kritisch für das Ökosystem anzusehen. Angst vor Überfremdung brauche man aber nicht zu haben.

Sehen Sie am Mittwoch, 24. Juni 2015,20.15 Uhr einen Film von Ingo Thöne über die "Invasion der Pflanzen", die dieser schwierigen Frage nachgeht, ob Einwanderung ein Risiko darstellt.


Sendedaten
Mittwoch,24. Juni 2015,20.15 Uhr
Eingeschleppte Arten
VideoPflanzeninvasion
nano:
Käfer gegen Kraut
Der nordamerikanische Käfer Ophraella communa könnte die starke Allergien auslösende Beifuß-Ambrosie bekämpfen, hofft der Freiburger Ökologe Heinz Müller-Schärer.
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