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Zyklon B als Mordwaffe: Das Mittel führte schon nach wenigen Atemzügen zum Ersticken. Deshalb wurde es in luftdicht verschlossenen Blechdosen geliefert, das Kilo zu ca. fünf Reichsmark.
Zyklon B als Mordwaffe: Das Mittel führte schon nach wenigen Atemzügen zum Ersticken. Deshalb wurde es in luftdicht verschlossenen Blechdosen geliefert, das Kilo zu ca. fünf Reichsmark.
Vernichtung durch Giftgas: Zyklon B
Wie die Amerikaner von Hitlers Giftgas erfuhren
Zyklon B ist das Synonym für die massenhafte Vergasung von Menschen während des Zweiten Weltkriegs. Zwischen 1942 und 1944 wurde es vor allem im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in großem Umfang zum industriell organisierten Massenmord benutzt. Wie kamen die Nazianalsozialisten und die SS auf die Idee, mit einem Blausäure-Gas Menschen zu töten?
Zyklon B war der "Handelsname" eines Blausäure-Gas freisetzenden Granulats, das von der Frankfurter Firma Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) erfunden wurde.

© WDR/BASF Sitzung des Vorstandes der IG Farben in Frankfurt, die eng mit dem amerikanischen DuPont Konzern zusammen arbeiteten.
Sitzung des Vorstandes der IG Farben in Frankfurt, die eng mit dem amerikanischen DuPont Konzern zusammen arbeiteten.
Die Firma Degesch, die als Patentinhaber auch zum Teil den Vertrieb des Giftgases organisierte, war ein Tochterunternehmen der IG-Farben. Zyklon B, eines der gängigsten Mittel bei der Durchgasung von Schiffen, Vorratslager, Mühlen und Kleidung, stellte für die IG-Farben einen Verkaufsschlager dar. Das Blausäure-Gas war in einem Granulat gebunden und wurde in Dosen vertrieben. Beim Öffnen und Ausschütten wurde es wieder freigesetzt.

Auschwitz markiert einen Zivilisationsbruch
Auch in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurde es zur Vergiftung von Flöhen und anderen Insekten in Kleidung eingesetzt. Doch auch cir­ca 900.000 bis mehr als 1 Million Menschen, so die Schätzungen, wurden in Auschwitz mit Zyklon B ermordet. Für die Ermordung von 1.000 Menschen brauchte die SS vier Kilo Zyklon B. Produziert wurde das Gift in Dessau. Die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau installierten Gaskammern hatten in der größten Ausbaustufe eine potentielle Kapazität von etwas über 8.600 Personen pro Vergasung. In keinem anderen Vernichtungslager wurden so viele Menschen ins Gas geschickt.

Wie kam die SS auf die Idee, Giftgas einzusetzen?
© dpa Unmittelbar neben den beiden Verbrennungsöfen des Krematoriums in Auschwitz lag dieser Raum, in dem Tausende Menschen mit dem Giftgas Zyklon B ermordet wurden.
Unmittelbar neben den beiden Verbrennungsöfen des Krematoriums in Auschwitz lag dieser Raum, in dem Tausende Menschen mit dem Giftgas Zyklon B ermordet wurden.
War es Zufall, dass die SS auf die Idee kam, mittels Zyklon B Menschen in großem Stil zu vernichten. Nein, sagt der Historiker Michael Thad Allen, der lange Zeit zur Geschichte des Holocausts forschte. Gerhard Peters - Geschäftsführer der Degesch und gleichzeitig IG-Farben Fachmann für Blausäure - hatte der SS geraten, Menschen mit Zyklon B zu ermorden, so Allen. Verfolgt man diese Spur zur IG-Farben stößt man auf eine seltsame Verbindung zu dem US-Chemieriesen DuPont.

Doch der Reihe nach: Anfang September 1941 führte die SS im Konzentrationslager Auschwitz ein streng geheimes Experiment durch, das den Beginn der Shoah markierte: SS-Männer ermordeten mehrere hundert Kriegsgefangene und Kranke mit Zyklon B. Das Granulat wurde durch die Fenster in einen Kellerraum geschüttet, in denen die Menschen eingepfercht waren. Nach vielen qualvollen Stunden waren alle Gefangenen tot. Dieser barbarische Test wurde im 1942 errichteten Vernichtungslager Birkenau, auch Auschwitz II genannt, im großen Stil umgesetzt.


Völkermord als "Ungezieferbekämpfung"
Dass der Topos "Ungezieferbekämpfung" über der Vernichtung von Millionen von Menschen als Metapher stand, ist oft beschrieben worden. Peter Sloterdijk legt in seinem Buch "Luftbeben" dar, dass "es kaum ein Zweifel daran geben (könne), dass die äußerste Zuspitzung deutscher 'Judenpolitik' nach 1941 durch die Schädlingsmetaphorik vermittelt war, die seit den frühen zwanziger Jahren einen konstitutiven Bestandteil der von Hitler geprägten NS-Partei-Rhetorik gebildet hatte und von 1933 an zu einer offiziellen Sprachregelung in der gleichgeschalteten deutschen Öffentlichkeit aufstieg."

Waren Degesch und IG-Farben im Bilde?
© WDR/privat Erwin Respondek mit seiner Tochter im Garten seines Hauses in Berlin.
Erwin Respondek mit seiner Tochter im Garten seines Hauses in Berlin.
In der Firma Degesch und den IG-Farben wussten die Beteiligten, was die SS mit dem Giftgas in Auschwitz anrichtete. Die IG-Farben war gleichgeschaltet und in der Führung weitestgehend mit Nazis besetzt. Über zwei Kanäle könnten die USA etwas von dem Massenmord in Auschwitz mitbekommen haben.

Der wichtigste Spion der Amerikaner in Nazideutschland war Erwin Respondek. Weihnachten 1940 beschloss Respondek, für die Amerikaner als Agent zu arbeiten. Er übermittelte den USA u. a. die Angriffspläne auf Russland und berichtete zum Teil direkt an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Eine von Respondeks Quellen war der ebenfalls zum Naziregime in Opposition stehende Wilhelm Ferdinand Kalle. Er war vor 1933 ein Aufsichtsratsmitglied der IG-Farben. Respondek residierte in einem Büro am Pariser Platz in Berlin, direkt neben der US-Botschaft. Mit den meist handschriftlichen Dossiers in der Aktentasche ging er die paar Schritte hinüber, im vollen Bewusstsein, dass dies ein tödliches Risiko bedeutete. Übermittelte er auch die Information über den Massenmord in Auschwitz?


Erwin Respondek war vor 1933 auch für die IG-Farben tätig. Er handelte mit dem US-Unternehmen DuPont geheime Kartellverträge aus. DuPont war der größte Munitionsproduzent in Amerika nach dem Ersten Weltkrieg. Illegaler weise verkaufte diese trotz Embargo Kriegschemikalien an die Deutschen. Einige Mitglieder des DuPont Familienclan tendierten 1933 in der politischen Ausrichtung stark nach rechts und begrüßten die Machtergreifung durch Hitler in Deutschland. Auch in der DuPont Zentrale in Wilmington wusste man 1933 sehr gut, was Hitler plante. Der Austausch von Informationen der beiden Firmen wurde auch nach 1933 sehr intensiv weitergeführt.

Der Austausch zwischen IG-Farben und DuPont
© WDR/Staatsarchiv Nevada Ein chinesischer Einwanderer war der erste Delinquent, der 1924 in den USA mit Blausäure hingerichtet wurde.
Ein chinesischer Einwanderer war der erste Delinquent, der 1924 in den USA mit Blausäure hingerichtet wurde.
Wenige Wochen nach den ersten Versuchen mit Zyklon B in Auschwitz I übergab der Repräsentant des deutschen IG-Farben-Konzerns in der Schweiz in seiner Villa am Vierwaldstättersee amerikanischen Kurieren streng geheime Dokumente über Hitlers Giftgasproduktion. So gelangten Papiere über die Produktion von Zyklon B durch die Firma Degesch, einer Tochter der IG Farben in amerikanische Hände.

Gelangten auf diesem Wege schon früh Informationen über die geplante sogenannte "Endlösung der Judenfrage" in die USA? In den USA war Blausäure schon 1924 zur Exekution von Menschen eingesetzt worden. Damals starb im Staatsgefängnis von Nevada erstmals ein Straftäter durch das Giftgas. In den 30er Jahren forschte das amerikanische Chemieunternehmen DuPont über Blausäure als Insektenkiller, aber auch als Mittel der Wahl für Hinrichtungen in der Gaskammer. DuPont stand dabei in engem Informationsaustausch mit den Experten des IG-Farben-Konzerns in Frankfurt. Diese Beziehungen blieben sogar bestehen, nachdem die USA im Dezember 1941 in den Krieg gegen Hitler-Deutschland eingetreten waren.


© WDR/ Staatsarchiv Nevada Erste provisorische Gaskammer (umgebauter Friseurladen) auf dem Gelände des Staatsgefängnisses von Nevada, in dem 1924 zum ersten Mal ein Delinquent mit Blausäure hingerichtet wurde.
Erste provisorische Gaskammer (umgebauter Friseurladen) auf dem Gelände des Staatsgefängnisses von Nevada, in dem 1924 zum ersten Mal ein Delinquent mit Blausäure hingerichtet wurde.
Am Montag, 26. Januar 2015, 20.15 Uhr konnten Sie einen Film des renommierten Dokumentarfilmers Egmont R. Koch und Scott Christiansen. Die Dokumentation erzählt die einzigartige Geschichte des deutschen Wirtschaftsberaters Erwin Respondek, der erst an den Kartellvereinbarungen zwischen IG Farben und DuPont beteiligt war, dann zum Spion wurde und die Amerikaner mit Geheimnissen über Hitlers Giftgasproduktion versorgte. Der Film erzählt, wie Respondek nach dem Krieg schnell in Vergessenheit geriet - auch in Washington - und verarmt in Berlin starb.

Literatur:
Sarah Jansen: "Schädlinge. Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts 1840-1920" Campus Verlag, Frankfurt/Main 2003.

Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz: Die Technik des Massenmordes. Piper Verlag, Neuauflage München 1995.

Jürgen Kalthoff, Martin Werner: Die Händler des Zyklon B. Tesch & Stabenow. Eine Firmengeschichte zwischen Hamburg und Auschwitz. Hamburg 1998.


Jahrestag
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scobel 2015
Auschwitz – die Zukunft der Erinnerung
Wie soll in Zukunft ein wirksames Erinnern an Auschwitz, an den Holocaust, an die Ermordung von über sechs Millionen Menschen aussehen?
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