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Mittwoch, 24. Juni
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Die größte Kupfermine der Welt liegt in Chile. Sehen Sie "Chile oder die Diktatur des freien Marktes" in der Mediathek
Chile oder die Diktatur des freien Marktes
In Folge des Militärputschs Augusto Pinochets wurden mehr als 3000 Regimegegner ermordet. Seine Diktatur fordert auch 20 Jahre nach ihrem Ende weitere Opfer. Nicht nur die nicht aufgearbeitete Gräuel, sondern auch der von Pinochet eingeschlagene wirtschaftliche Weg bereitet vielen Chilenen auch heute Sorge.
Es gibt kein Land, in dem die Lehre des reinen Marktes so konsequent angewendet wird, wie in Chile. Die stark neoliberale Ausrichtung von Wirtschaft und Staat ist auch eine Folge der Militärdiktatur unter Pinochet. Nach dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allendes haben unter Diktator Augusto Pinochet vier chilenische Wirtschaftswissenschaftler, die bei Milton Friedman in Chicago studiert hatten, radikale Wirtschaftsreformen durchgesetzt.

"Chicago Boys" machten Chile neoliberal
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Rohstoffexporte werden in einem chilenischen Hafen nur selten vom Zoll kontrolliert.
Das neoliberale Wirtschaftssystem "Chicago Boys" funktioniert bis heute. Ob Wasserrechte, Bergbaukonzessionen, Energiewirtschaft, Renten-, Gesundheits- oder Bildungssystem - alles ist in privater Hand. Schulen und Universitäten sind größtenteils private Wirtschaftsunternehmen, die Familien müssen 20 - 30 Prozent ihres Einkommens für die Bildung ihrer Kinder ausgeben, in Deutschland und Frankreich ist es weniger als ein Prozent.

Die "Chicago Boys" haben auf der anderen Seite der chilenischen Volkswirtschaft ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum beschwert. Chile ist dazu ein reiches Land, mit vielen Bodenschätzen und einer jungen Bevölkerung. Es gilt als Vorzeigeland Südamerikas, als Musterbeispiel für die Chancen einer konsequenten Wirtschaftsliberalisierung mit einer boomenden Wirtschaft. Doch dem "normalen" Volk geht es finanziell nicht gut. Der Widerspruch zwischen Wirtschaftswachstum und Unzufriedenheit ist groß. Das liegt auch daran, dass Einkommen und Vermögen extrem ungleich verteilt sind. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt fast ein Drittel des nationalen Vermögens. Mehr als die Hälfte des Bodens gehört einer kleinen Clique von Superreichen, die unter Diktator Pinochet mit großzügigen Geschenken bedacht wurden.


Exorbitante Studiengebühren ohne Gegenleistung
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Chilenischer Hafen
Seit dem Militärputsch wurde das chilenische Bildungssystem immer weiter privatisiert. Es gilt als eines der teuersten und unsozialsten im weltweiten Vergleich. Seit Jahren protestieren Zehntausende von Schülern und Studierenden dagegen. Ein besonders krasses Beispiel für den hemmungslosen Umgang mit der Ressource Bildung war ein Vorfall an der privaten Universität im Nobelort Viña del Mar. Die Besitzer der Universität zogen das gesamte Geld aus ihrer Firma, der Universität, und zweckentfremdeten Studienbeiträge, die sie als Sicherheit für andere Kredite bei Banken hinterlegt hatten. Der Lehrbetrieb wurde daraufhin eingestellt. Doch die Zahlungen der Studenten an die Universität mussten weiter erbracht werden. Daraufhin besetzten die Studenten die Uni.

Fast alle Studenten müssen Kredite aufnehmen, um die hohen Studiengebühren zu bezahlen. Chilenische Studenten verlassen selbst die öffentlichen Universitäten oft mit Zehntausenden Dollars Schulden. Finden sie keine Anstellung nach der Ausbildung sitzen sie vor dem Nichts. Mit Schulden - aber ohne gute Ausbildung - so stehen sie da, sind Opfer des chilenischen Bildungssystems. Längst ist aus den anhaltenden Bildungsdemonstrationen mehr geworden: die Forderung nach einem Ende der Chile AG.


Von den Rohstoffgewinnen profitiert Chile nicht
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Weil das Wasser an die Minen verkauft wird, müssen die Bauern des Nordens ihre Ackerflächen verkleinern.
Chiles Reichtum basiert auf den Kupfervorräten: 40 bis 50 Prozent der weltweiten Reserven liegen in chilenischem Boden, die meisten davon in der Atacama-Wüste. Doch von den Gewinnen der Minen profitiert Chile nicht besonders und auch die erhofften Steuern sprudeln nicht. Die Bauern und Dorfbewohner im trockenen Norden des Landes haben das Nachsehen. Das privatisierte Wasser wird an die zahlreichen Minen verkauft, die Bauern müssen wegen Wassermangels ihre Ackerflächen verringern, die Dorfbewohner haben nur sporadisch fließendes Wasser.

Das freie Spiel des freien Marktes herrscht auch bei der Energieversorgung vor. In Patagonien sollen riesige Staudämme erneuerbare Energie liefern - doch drei Viertel der Chilenen sind gegen das Projekt. Dies ist nur ein Beispiel für ein Land, dessen Gesellschaft immer weniger hinter dem einmal eingeschlagenen Weg steht. Dem konsequenten Neoliberalismus als Wirtschaftsmotor steht die Erinnerung an Allende gegenüber, die in den Gedanken der Bevölkerung eine Renaissance des Sozialismus mit sich bringt - und den Wunsch nach einer Änderung der Verfassung - jener Verfassung aus Zeiten der Diktatur.


Bachelet ein menschgewordener Kompromiss?
Auch die jetzige Präsidentin Chiles Michelle Bachelet konnte bisher nicht viel ändern. Die im Dezember 2013 im Amt bestätigte Kandidatin der Mitte-links-Koalition hat versprochen, die soziale Schieflage ihres Landes zu revidieren. Ihre Vergangenheit als Opfer der Diktatur Pinochets brachten der Kinderärztin einen großen Vertrauensvorschuss. Michelle Bachelet hat versprochen, sich für kostenlose Bildung, eine Steuerreform und sogar eine überfällige Verfassungsänderung einzusetzen. "Die Ungleichheit ist unsere große Wunde", sagte sie nach ihrer Wahl. Passiert ist allerdings wenig. Spötter sagen, Bachelet sei eine Art Angela Merkel Chiles, ein menschgewordener Kompromiss.

Lupe
Die Staudamm- und Stromtrassen-Projekte stoßen auf immer größeren Widerstand in der Bevölkerung.
Sehen Sie am Dienstag, den 21.Oktober 2014, zwei Sendungen über die Folgen des chilenischen Wegs. Um 22.25 Uhr senden wir die Dokumentation "Allendes Enkel" von Felix Schwarz, in der die Proteste von Schülern und Studenten verfolgt werden, die seit Jahren kostenlose Bildung für alle fordern. Der Schüler Felipe und seine Mitschüler leisten in einer der letzten besetzten Schulen Widerstand. Sie lassen sich nicht von der Polizei und der Staatsgewalt einschüchtern, und versuchen mit ihrer Besetzung auf die katastrophalen Verhältnisse im chilenischen Bildungssystem aufmerksam zu machen. "Allendes Enkel" erzählt die Geschichte von Felipe und seinen Mitschülern, eine eindrucksvolle Dokumentation über Solidarität, Identifikation und Partizipation.

Danach senden wir um 23.10 Uhr: "Chile oder die Diktatur des freien Marktes". In dem Film geht die Autorin Diana Seiler der Rolle des Neoliberalismus in Chile auf den Grund. 40 Jahre nach dem Sturz Allendes hat sie ein Chile vorgefunden, das wieder an einem Scheideweg steht.


Sendedaten
Dienstag, 21.Oktober 2014, 22.25 Uhr
"Allendes Enkel"

und

Dienstag, 21. Oktober 2014, 23.10 Uhr
"Chile oder die Diktatur des freien Marktes"

Sie können beide Sendungen am Folgetag gegen 10.00 Uhr in der 3sat-Mediathek sehen.

Video
© dpaVideo"Allendes Enkel" in der 3sat-Mediathek
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