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Mittwoch, 24. Juni
© NDR sagamedia Lupe
Fischmarkt in Mahachai, Thailand
Bis zum letzten Fang
Das Geschäft mit dem Fisch
Niemand misst einem Besitz, der zur freien Verfügung steht, einen Wert bei. So ergeht es auch dem Fisch und anderen Ressourcen der Weltmeere. Ihr Reichtum galt lange Zeit als unerschöpflich. Doch nicht nur die Vereinten Nationen warnen: Die weltweite Fischerei könnte bald vor ihrem Zusammenbruch stehen.
Der Rote Thun war der "König" des Mittelmeeres. Die größte Thurnfischart konnte bis zu viereinhalb Meter lang und 800 Kilo schwer werden. Wegen seines exquisiten Geschmacks und seinem - auch im gegartem Zustand - rot leuchtenden Fleisch war er einer der nobelsten Speisefische des Mittelmeers, der in großen Mengen bis nach Japan exportiert wurde. Den Roten Thun gibt es im Mittelmeer so gut wie nicht mehr. Er ist an vielen Stelle durch Überfischung ausgerottet worden. Bis zu 1,3 Millionen Euro soll für eines der letzten ausgewachsenen Exemplare in Japan gezahlt worden sein.

"Mattanza" - früher färbte sich das Meer rot
© NDR Lupe
Fischmarkt
Auch anderen Thunfischarten sind bedroht. Das merken auf Sizilien auch die Fischer, die seit hundert Jahren die traditionelle Art des Turnfischfangs, die "Mattanza", durchführen. Wenn früher im März und April die Thunfischschwärme an Sizilien vorbei zu ihren Laichgründen zogen, wurden sie mit großen Netzen zusammengetrieben und abgeschlachtet. Das Meer habe sich kilometerweit rot gefärbt - vom Blut der vielen Fische - so erzählen es die Sizilianer. Heute gehen nur noch wenige Thunfische in die Netze und mancherorts muss die "Mattanza" ganz ausfallen. Schuld sind nicht die traditionellen Fangmethoden, sondern die internationale Fischfangflotte, welche die Thunfischschwärme mancherorts vollständig abgefischt hat.

So wie dem Roten Thun ergeht es vielen Fischarten. In wenigen Jahren könnte das Meer in einigen Regionen leer gefischt sein, davon gehen Fischerreiexperten aus. Fast in fast allen Gewässern wird mehr Biomasse entnommen als nachwächst. Seit Jahrzehnten plündert eine Armada von Fangflotten die Weltmeere - mit verheerenden Folgen: Experten schätzen, dass 90 Prozent des Mittelmeers überfischt sind.


Tiefseefischerei - extrem umstritten
© ap Lupe
Unappetitlich: Tiefseefisch
Die industrielle Hochseefischerei hat inzwischen gemerkt, dass in manchen traditionellen Fanggebieten kaum mehr lukrative Fischerei möglich ist. Deswegen gehen sie neue Wege und befischen die Tiefsee. Aus Regionen von 1500 bis 2500 Metern Tiefe werden mit Schleppnetzen große Mengen an Fisch gezogen. Die Beifangquote ist wegen ungenießbaren Arten extrem hoch. Teilweise kommen Lebewesen ans Tageslicht, die von der Wissenschaft nicht bestimmt wurde und deshalb keinen Namen tragen. Allen Arten der Tiefsee ist gemein, dass sie sich wegen der Kälte und dem hohen Wasserdruck nur sehr langsam fortpflanzen. Fische die 150 Jahre alt werden können - wie der rote Granatbarsch - sind keine Ausnahme. Besonders traurig ist es, wenn Grundschleppnetze die kaum erforschten Lebensräume in der Nähe der heißen Quellen auf dem Meeresgrund ausradieren oder die Kaltwasser-Korallenbänke zerschmettern. Versuche, ein internationales Moratorium der Tiefseefischerei durchzusetzen, scheiterten bislang.

EU war Jahrelang an der Ausbeutung beteiligt
© NDR Lupe
Industrielle Verarbeitung von Fisch
Jahrelang war die EU an der extremen Ausbeutung der Meere beteiligt. Die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki räumt Fehler ein und hat nun eine Reform auf den Weg gebracht, die diese Entwicklung stoppen soll. Doch reichen europäische Entscheidungen aus? Einen Großteil unserer Ware importieren wir aus Afrika und Asien. In Thailand werden Fisch und Garnelen oft unter katastrophalen Bedingungen gefangen, gezüchtet oder verarbeitet. Nichtregierungsorganisationen berichten immer wieder über Menschenhandel und Kinderarbeit.

In Afrika schließt die EU seit Jahrzehnten mit verschiedenen, afrikanischen Staaten Fischereiabkommen ab, um dort fangen zu dürfen. Zu dem legalen kommt noch der illegale Fischfang. Experten gehen davon aus, dass der Anteil der Piratenfischerei an der westafrikanischen Küste 40 Prozent des Gesamtfangs beträgt. Das Meer ist dort inzwischen soweit leergeräumt, dass für die einheimischen Fischer nur wenig übrig bleibt.

Sehen Sie am Montag, 6. Oktober 2014, 20.15 Uhr eine Dokumentation von Jutta Pinzler und Mieke Otte, die nicht nur den Weg des Fischs auf unsere Teller verfolgt, sondern die Verantwortlichen aus Handel und Politik mit den vielen Missständen beim Fang und der Verarbeitung konfrontiert. Den Autoren ist es gelungen, die senegalesische Marine auf der Suche nach Piratenfischern zu begleiten. In Thailand konnten die Autorinnen mit Kindern sprechen, die in der Shrimpsindustrie arbeiten mussten und sie treffen Menschen, die von der Fischindustrie gnadenlos ausgebeutet wurden.


Sendedaten
Montag, 6. Oktober 2014, 20.15 Uhr
Scobel: Umweltschutz
Überfischung der Meere
Nie zuvor wurde so viel Fisch gegessen wie heute. Nach einem Bericht der Welternährungsorganisation FAO wurden im Jahr 2009 weltweit 145 Millionen Tonnen Fisch verbraucht...
Scobel: Ökologie
Bedrohte Umwelt
Hintergrund
Ein Fisch macht Geschichte: Der Kabeljau
Ihm ist die Entdeckung Amerikas zu verdanken, seinetwegen wurden einige Regionen der Erde überhaupt erst besiedelt, und im Kampf um ihn wurden bis 1976 sogar Kriege geführt: Der Kabeljau
Links
Deutsche Welle: Fischbestände leiden unter Billigflaggen-SchiffenInteraktive Karte von Greenpeace: Die Ausbreitung der Überfischung - Über 80 Prozent der globalen Fischbestände als über-, oder grenzbefischt - und die EU fischt mit. Die Infografik zeigt die Auswirkungen der Fischerei. Der letzte Fang: Dokumentarfilm [WDR]Forderung nach Verbot der Tiefseefischerei:Wissenschaftler und Politiker wollen strikteren Schutz der Ökosysteme erreichen [DLF]Gnadenlose Fangmethoden:Überfischung bedroht viele Bestände [hr-online.de]Planet Wissen: Überfischung der Meere. In den 1950er Jahren schien der Reichtum der Meere nahezu unerschöpflich. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte haben es die Menschen geschafft, die Bestände der wichtigsten Speisefische bis auf einen Bruchteil der früheren Fülle zu plündern. [WDR/SWR/BR]
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