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Mittwoch, 24. Juni
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Nur zwei tausendstel Millimeter lang sind die Härchen auf der Schnecke (Cochlea) des menschlichen Innenohrs (Bild eines Elektronenmikroskops). Sehen Sie die Sendung in der 3sat-Mediathek
Der Klang nach der Stille
Schon heute können etwa 25 000 bis 30 000 Bundesbürger mit einem Cochlea-Implantat, eine sogenannte Neuroprothese, wieder hören. Die ehemals gehörlosen Menschen müssen jedoch nach der Operation bei Null anfangen und wie ein Säugling das Hören lernen. Obwohl die Implantate immer besser werden, ist Musikgenuss noch ein Problem.
Gehörlosigkeit ist bisher unheilbar
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Natalie hat sich für ein Cochlea-Implantat entschieden
Die Cochlea ist die Hör-Schnecke im Innenohr des Menschen. Die häufigste Ursache für Hörschäden ist hier zu finden: Die kleinen Haarzellen in der Cochlea können sich nicht regenerieren. Gehörlosigkeit ist bisher unheilbar. Ursachen können Lärm, Stress, Medikamente oder genetische Veranlagung sein.

Natalie ist von Geburt an praktisch taub. Doch sie hat mühsam gelernt, anderen Menschen die Worte von den Lippen abzulesen. Natalies Sprache ist nicht anzumerken, dass sie kaum hört. Aber die Einunddreißigjährige weiß nicht, wie die Worte klingen, die sie sagt. Auch darum hat sich Natalie zu einer Operation durchgerungen und sich für ein Cochlea-Implantat entschieden. Diese Möglichkeit besteht bei allen Gehörlosen, deren Hörnerv noch funktioniert. Natalie hofft, damit hören zu können, so gut, dass sie vielleicht sogar telefonieren kann.


Defektes Innenohr wird "überbrückt"
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Natalie setzt große Hoffnungen in das Implantat
Cochlea-Implantate gibt es schon seit 30 Jahren und bestehen eigentlich aus zwei Teilen: Extern befinden sich das Mikrofon, eine Batterie, ein digitaler Sprachprozessor und die Sendespule. Diese sendet die aufbereiteten Geräusche an den implantierten Teil. Die Stromversorgung dieses Teils erfolgt heute durch Induktion. Das Implantat wird meist hinter dem Ohr in den Schädelknochen eingefügt und die dünnen 12 bis 22 Elektroden durch ein kleines Loch in die Hörschnecke eingeführt. Dort reizen Sie die Nervenzellen, die sonst von den kleinen Härchen in der Schnecke erregt würden. Funktionsstörungen des natürlichen Hörsinns im Innenohr werden dadurch "überbrückt". Ein Magnet ermöglicht die Befestigung des äußeren Teils am Kopf. Moderne Sendeeinheiten lassen sich sogar mittels Bluetooth koppeln und machen so einen Lautsprecher und Kopfhörer für Handys, Fernseher oder Tablets überflüssig.

An Musikgenuss ist leider nicht zu denken
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Mit dem Implantat wird sie 20 bis 50 verschiedene Tonhöhen unterscheiden können.
Allerdings sind der Klangwiedergabe mit Cochlea-Implantaten derzeit noch enge Grenzen gesetzt: Die Patienten können 20 bis 50 verschiedene Tonhöhen unterscheiden, das ist gemessen an den ungefähr 2000 Tönen, die das gesunde menschliche Ohr wahrnehmen kann recht wenig. Es ermöglicht aber - mit etwas Training - Gesprochenes in einer ruhigen Umgebung gut zu verstehen. An Musikgenuss ist meistens leider nicht zu denken. Die Forschung arbeitet daran, mehr Elektroden in die verschiedenen Wicklungen der Hörschnecke einzuführen. Doch die Schnecke ist mit einer stromleitenden Flüssigkeit gefüllt, so dass die elektronischen Signale nicht exakt an einen Nerv weitergegeben werden können, sondern nur an ein Areal aus mehreren Nerven. Schon bei Implantaten mit nur 12 Elektroden kann es dazu kommen, dass benachbarte Kontakte überlappende Frequenzbereiche stimulieren. Erwartet wird, dass diese Zahl der Cochlea-Implantate in den kommenden Jahren noch erheblich steigt. Jeder fünfzehnte Bundesbürger ist schon heute hörgeschädigt, und die Tendenz ist aufgrund der demografischen Entwicklung, sowie zunehmender Hörprobleme bei jungen Menschen kontinuierlich steigend.

Auch gehörlose Kinder bekommen die Implantate
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Wird Natalie Musik genießen können?
Das Hören-Lernen, das Natalie vor sich hat ist ihr nicht fremd. Erinnerungen an die Zeit der Kindheit drängen sich auf. Denn dem Erwerb von Natalies Fähigkeit, als Gehörlose wie eine Hörende zu sprechen, lag ein enormer Drill zugrunde. Und nun sagen die Ärzte, dass Natalies Hörvermögen nach der Operation dem eines Neugeborenen gleichen wird. Wäre Natalie in den letzten Jahren auf die Welt gekommen, hätte siewahrscheinlich mit zwei Jahren ein Cochlea-Implantat bekommen. Für gehörlos geborene Kinder sind Implantate eine gute Chance, um sprechen zu lernen. Denn nur bis zu einem Alter von maximal drei Jahren kann das für Hören zuständige Areal im Gehirn durch Höreindrücke aktiviert werden. Auch für das Sprechen ist das enorm wichtig.

Hören, eine psychische Belastung?
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Mit tiefen Tönen hatten ältere Implantate Schwierigkeiten.
Die psychische Belastung eines solchen Schritts zum Implantat sind manchmal enorm. Einige Patienten berichten, dass der Übergang vom gehörlosen zum hörenden Mensch auch eine Frage der Identität ist.

Auch für Natalie ist die Operation Anlass, ihrer Vergangenheit nachzuspüren. Was hat es eigentlich bedeutet, gehörlos, ja, behindert zu sein? Sowohl für ihr eigenes Leben als auch für ihre Familie? Ihr Vater, ihr Lebensgefährte, ihre Schwestern und ihre Sprachlehrerin helfen ihr dabei, einschneidende Stationen ihrer Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Auch deshalb, weil sie schon mit sechs Jahren ihre Mutter verlor, die Person, die sie am meisten darin gefördert hatte, als Gehörlose in der Welt der Hörenden zurechtzukommen.

Sehen Sie am Sonntag, 25.05.2014, 21.45 Uhr einen Film über Natalie, in dem die Journalistin und Autorin Simone Jung Natalie bei dem dreistündigen operativen Eingriff begleitet und ist dabei, als nach vier Wochen das Implantat erstmals eingeschaltet wird. Der Film "Der Klang nach der Stille", zeigt den Prozess des Hörenlernens, mit all den damit verknüpften Empfindungen, wird auch für Hörende zu einer besonderen Reise in die Welt der Töne. Denn Hörenden bleibt keine Wahl, als immer zu hören. Selbst wenn sie die Ohren mit Ohropax verschließen, dringen die Töne des Körpers eigenartig hohl an das Ohr. Hören kann man nicht abstellen. Doch im Laufe des Films kommt auch bei Hörenden mehr an, als die normalerweise so selbstverständliche Klangwelt.


Sendedaten
Sonntag,25. Mai 2014, 21.45 Uhr
Scobel
Hilfe bei geschädigten Nerven
Neuroprothesen: Cochlea-Implantate
Wissenschaftsdoku
Ein digitales Gehör
Hessischer Rundfunk
Hörimplantate - Wege aus der Stille
Jeder 15. Mensch in Deutschland ist schwerhörig. Die Ursache ist oft unklar: Von Altersschwerhörigkeit bis hin zur Gehörschädigung durch Lärm - Gründe gibt es viele. Wer nicht mehr richtig hört, dem droht soziale Ausgrenzung. [hr]
Nano
Schnecke und Hammer
Wissenschaftler entwickeln immer neue Verfahren, wie schwerhörigen Menschen und Patienten mit Tinnitus geholfen werden kann.
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