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Mittwoch, 24. Juni
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Machu Picchu: selten so leer, wie auf diesem Foto. Sehen Sie die ganze Sendung (58 Min.)
Sieger, Sagen, Sonnentempel
Die Neuentdeckung von Perus Vergangenheit
Tausende von Touristen fallen täglich über die Tempelfestung Machu Picchu, das Heiligtum der Inka, her. Dabei schaden sie der Anlage massiv. Warum konzentrieren sich die Besucher auf diese Ruinenstadt, wo es doch in ganz Peru einmalige Zeugnisse der Inkakultur gibt?
Das Weltkulturerbe wird förmlich zertrampelt
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Machu Picchu ohne Touristen
"Die Tourismusindustrie giert nach immer mehr Geld, ihr ist die Zukunft unserer Heiligen Stätten egal", so bringt es ein peruanischer Student in Cusco auf den Punkt. Es geht um Machu Picchu, um die sagenhafte Ruinenstadt der Inka. Sie ist durch den Zustrom vieler Millionen Touristen im Jahr bedroht. Zwischen 2.000 und 2.500 Touristen kommen jeden Tag nach Machu Picchu, und in der Hochsaison können es bis zu 4.000 am Tag sein.

Machu Picchu, oberhalb des heiligen Urubamba-Tales gelegen, war eine der wichtigsten religiösen Stätten der Inka. Hier huldigten sie ihrem Sonnengott Inti. Noch heute ist die Inka-Stadt eine architektonische Meisterleistung. Vor 550 Jahren lebten hier nur hundert Priester und Priesterinnen des Sonnenkults und versahen ihre religiösen Dienste. Außer Wind, Gebeten und Flötenmusik – so mag man sich vorstellen – hörte man hier oben nichts.

Doch heute ergießt sich ab sieben Uhr eine Flut von Pauschaltouristen über die Treppen und Tempelanlagen und macht daraus ein übervölkertes, lautes Freilichtmuseum. Die weltweite Bekanntheit dieses religiösen Heiligtums wirkt wie ein Magnet für Touristen aus aller Welt. Man könnte fast sagen, Machu Picchu ist ein Synonym für Peru geworden: Vier von fünf Besuchern, die in das Andenland kommen, haben die Tempelanlage in 2.400 Meter Höhe auf ihrem Programm. Zusammen bringen die Besucher, die sich täglich durch die Ruinenstadt der Inka schlängeln rund 280 Tonnen auf die Waage. Darunter leidet die Anlage enorm. Noch bis in die 1990er Jahre kamen nur wenige Hundert Touristen am Tag hierher.


Demonstrationen gegen die Zerstörungen
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Der gleiche Ort mit Touristen überlaufen.
Deshalb hat die UNESCO den Vorschlag gemacht, die Besuchermenge auf 500 Touristen am Tag zu begrenzen. Doch die lokalen Verantwortlichen wollen noch mehr Geld mit den Eintritten verdienen und will die Zahl sogar auf 10.000 Touristen, in zwei Schichten - Tag und Nacht - erhöhen.

David Ugarte, Professor an der Universität Cusco, prangert das an: "Was zählt, sind die gigantischen Einnahmen - nicht der Schutz eines der wichtigsten Kulturgüter Südamerikas. Die Leute müssen begreifen, dass Machu Picchu kein Disneyland in den Anden ist. Es ist ein religiöser Ort; von der gleichen Wichtigkeit und Bedeutung wie der Petersdom oder die Klagemauer."

Auch die Studenten sind sauer: "Wir Peruaner werden außerdem diskriminiert. Durch die Tourismusindustrie sind die Eintrittsgelder so gestiegen, dass wir es uns nicht leisten können, unsere eigenen Heiligen Stätten zu besuchen." Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, veranstalten Ugarte und seine Studenten von Zeit zu Zeit kleine Demonstrationen und Sitzstreiks auf dem zentralen Platz von Cusco.


Einmalig: Choquequirao, die "Wiege des Goldes"
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Choquequirao, die "Wiege des Goldes".
Cusco ist die Keimzelle des Inka-Imperiums. Von hier aus eroberten die Herrscher seit dem 15. Jahrhundert in Windeseile ein Gebiet von einer Million Quadratkilometer. Die Inka unterwarfen ein Volk nach dem anderen und zwangen der Bevölkerung ihre Religion auf. Von den unterworfenen Völkern übernahmen die Inka stets die besten Fähigkeiten und Erfindungen: Landwirtschaft, Bewässerung, Kriegsführung und Architektur. Nur so konnten die Inka ihre spektakulären Bauten errichten, wie die weltberühmte Kultstätte Machu Picchu.

Das Problem ist, dass die Touristen nur Machu Picchu sehen wollen. Doch Peru steckt voller magischer Orte und Spuren der Inka. Man muss nicht lange suchen, überall am Straßenrand finden sich Zeugnisse der Inka und ihrer Urahnen. Abseits der ausgetretenen Pauschalreisen-Angebote liegt die vergessene Schwesterstadt Machu Picchus. Choquequirao, die "Wiege des Goldes" wird sie genannt. Zwar ist diese Inkastadt schon seit 1837 bekannt und wurde sogar kartographiert, doch danach geriet sie wieder in Vergessenheit. Erste Ausgrabungen fanden in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Nur wenige Prozent der Tempelanlagen von Choquequirao sind bislang freigelegt worden. Es wird Jahre dauern, bis die Wiege des Goldes in früherem Glanz erstrahlt, und dann um ein Vielfaches größer sein wird als Machu Picchu.

Doch um diesen Ort zu erreichen, kann man weder einen Bus benutzen noch eine Straße, und ein Hotel gibt es auch nicht. Um dorthin zu gelangen, muss man im Zelt schlafen und sehr lange wandern. Die Lasten und das Trinkwasser werden mit Pferden und Mauleseln transportiert. Zwei Tage lang dauert die strapaziöse Wanderung und genauso lang ist auch der Rückweg. Das ist zu umständlich für den modernen Massentourismus. Doch die Hektik von Machu Picchu erfährt man hier nicht. Es lässt sich eine sagenhafte Stille genießen, genauso wie der Ausblick und die spannenden Erzählungen unserer Reisebegleiter.


Die Inkas machten sich Mikroklimata zu nutze
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Choquequirao, die lange Zeit in Vergessenheit geratene Schwesterstadt von Machu Picchu.
Die Inkaterrassen von Choquequirao sind zum Teil in den senkrechten Fels gehauen, als wollten sie der Schwerkraft trotzen. Erick Zamalloa, einer der Choquequirao-Experten, erklärt warum: "Die Inka haben ihre Terrassen auf mehreren Ebenen angelegt, um verschiedene Mikroklimata auszunutzen. Das Wasser des Flusses Apurimac im Tal lässt eine feuchte Thermik entstehen, diese Aufwinde transportieren Wasser nach oben. Diese unterschiedlichen Zonen von Feuchtigkeit und Trockenheit haben die Inka in genialer Weise ausgenutzt, um spezielle Pflanzen anzubauen: Mais, Früchte und Gemüse. Choquequirao war für die Inka so etwas wie ein landwirtschaftliches Versuchslabor.

"Die Inka schluckten alles, wie ein Staubsauger"
Lupe
Choquequirao - Die weißen Lamas, vielleicht das erste dreidimensionale Relief Südamerikas.
Zusammen mit Zenório García, dem archäologischen Direktor der Ausgrabungen, erforscht Zamalloa das Leben der Inkas. Die Europäer erstaunt es immer wieder, wie die Inka es fertigbringen konnten, ohne Schrift und ohne Rad im Regenwald solche faszinierenden Bauten zu errichten. Zenório García erklärt: “Der Auftrag des Inkakönigs Pachachutu, diese Stadt zu bauen, war für die Arbeitsvölker gleichbedeutend mit einem Befehl von Gott selbst. Der Inkaherrscher war der Souverän, der Eroberer, der Kriegsherr, er war schlicht und einfach Gott. Er konnte das nur schaffen, weil er so unglaublich viele Menschen zur Verfügung hatte. Als Gottmenschen konnten die Inkaherrscher die unterworfene Bevölkerung völlig unbeschränkt kommandieren: Ganze Völker wurden umgesiedelt und zur Fronarbeit eingeteilt. In den Gold- und Silberminen, auf den Feldern; als Soldaten, Imker, Schuster und – Bauarbeiter."

Und Zenório García fahrt fort: "Überall im Inkareich hatten sich Spezialfähigkeiten und Kenntnisse entwickelt oder von früheren Zivilisationen, wie die von Caral überliefert. Die Inka schluckten alles, wie ein kultureller Staubsauger. Und so wurden ihre Technologien zu den besten, die es bis dahin jemals auf dem amerikanischen Kontinent gegeben hatte."

Die Inkaterrassen von Choquequirao bergen auch einen Kunstschatz von großer Bedeutung: die berühmten weißen Lamas. Die Tiere laufen scheinbar in einer Karawane von rechts unten nach links oben, und wenn man ihre Körper durch die Ebenen miteinander verbindet, weist diese Gerade genau auf den Haupttempel von Choquequirao. Eine fast unvorstellbare handwerkliche und mathematische Leistung. Von einer bestimmten Position aus betrachtet, scheint es so als seien die Tiere in Bewegung. Man kann dann sehen, dass es in den Felsgravuren eine dritte Dimension gibt, eine Bewegung im Raum.


Eine der fünf großen Kulturen der Menschheit
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Mit der "Zentral-Eisenbahn" geht es auf fast 5000 Meter Höhe
Auch Choquequirao steht für eine gesellschaftliche, aber auch eine architektonische Meisterleistung, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Weder in der mexikanischen noch in der europäischen Zivilisation. Hier zeigt sich die Größe des Menschen, und das schon im 15. und 16. Jahrhundert. Die Geistesgrößen Europas haben für die Urvölker Amerikas traditionell Verachtung übriggehabt. Goethe verglich die Indios mit Affen, für Hegel waren sie "entartete Menschen". Doch längst ist klar, die Inkas und ihre Vorläufer schufen neben China, Mesopotamien, Indien und Ägypten eine fünfte große "Wiegen der Menschheit".

Der Film "Sieger, Sagen, Sonnentempel" von Thomas Aders besucht einige der schönsten archäologischen Stätten in Peru: Caral, die älteste stadtähnliche Siedlung Amerikas in der Nähe des Pazifiks und die vergessene Schwesterstadt Machu Picchus, Choquequirao. Eine Expedition und eine Zeitreise durch die Anden, ins Herz des Inkareichs.


Sendedaten
Dienstag, 29. März 2016, 15.15 Uhr
Große Entdecker
Auf den Spuren des alten Peru
Die Ruinen der Stadt Caral sind die ältesten in ganz Amerika. Vor 5.000 Jahren, also zu Zeiten des "Alten Reichs" in Ägypten, entstand hier eine Hochkultur, die ihresgleichen sucht. Es scheint als müsse die frühe Geschichte Amerikas neu geschrieben werden.
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