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Mittwoch, 24. Juni
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Krieg um Kabeljau: Das isländische Kanonenboot Tyr manövriert 1976 gefährlich nahe an einer britischen Fregatte. Ziel der Isländer war es, die Fangnetze der Fischer zu kappen.
Ein Fisch macht Geschichte - Der Kabeljau
Ihm ist die Entdeckung Amerikas zu verdanken, seinetwegen wurden einige Regionen der Erde überhaupt erst besiedelt, und im Kampf um ihn wurden bis 1976 sogar Kriege geführt: Der Kabeljau hat die Welt verändert! Grund genug, ihn vom Rand des Tiefkühlregals in den Fokus der Aufmerksamkeit zu holen.
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Kabeljau - oder auch Dorsch genannt - wurde früher bis zu zwei Meter lang.
Den Kabeljau gibt seit 120 Millionen Jahren, doch vielleicht gibt es ihn nicht mehr lange. Die Menschen haben den Fisch, dem sie so viel verdanken, fast ausgerottet. In der Nordsee ist die Lage dramatisch, und auch in der Ostsee bleiben die Netze der Fischer oft leer. In Kanada, wo einst die reichsten Kabeljaugründe der Welt lagen, ist er verschwunden. Die Fische werden hauptsächlich mit sogenannten Grundschleppnetzen gefangen. Dabei landen auch viele Jungfische und andere Arten als Beifang im Netz. Das ist ein großes Problem: Werden die Fische schon als Jungtiere gefangen, also noch bevor sie sich fortpflanzen konnten, bricht der Bestand stark ein. Beim Nordsee-Kabeljau beträgt die Rate an gefangenen Jungfischen mehr als 80 Prozent!

Man konnte das Meer vor Fischen nicht sehen
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Heute wird meist nur 70 cm langer Kabeljau gefangen.
Dass der Kabeljau aus den Meeren verschwinden würde, wäre für die Wikinger im 10. Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen: Sie folgten den Kabeljauschwärmen von ungeheurem Ausmaß nach Westen. Auch auf ihrer Jagd nach dem Fisch gelangten sie von Island über Grönland bis nach Amerika. Vor Neufundland entdeckten sie unvorstellbare Kabeljaugründe. Vor der Küste Neufundlands trifft der eisige und nährstoffreiche Labradorstrom auf den wärmeren Golfstrom. Den Wikingern folgten die Basken nach Neufundland, die nun die Kunst des Einsalzens entdeckten. Danach trafen die Engländer ein, und die Pilgerväter verdankten dem Nahrungsmittel Fisch ihr Überleben. Sie erzählten von dem Meer vor Neufundland, dass man vor Fischen nicht mehr sehen könne, dass man sie in Körben aus dem Wasser schöpfen kann. So dicht sind die Schwärme in diesen Erzählungen, dass sie die Boote bremsen.

England und Island standen im "Krieg"
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Der amerikanische Schriftsteller Mark Kurlansky hat eine Kulturgeschichte des Kabeljaus geschrieben.
Im 16. Jahrhundert wurde der Kabeljau dann eine wichtige Proviantquelle für die spanischen und portugiesischen Flotten in der Neuen Welt, und für zwei Jahrhunderte machte Kabeljau 60 Prozent des gesamten Fischverzehrs in Europa aus. Im Rekordjahr 1968 wurden alleine in Kanada 810.000 Tonnen Kabeljau angelandet.

Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde seine Situation im Atlantik existenzbedrohend: Durch die Überfischung wurde der Kabeljau so rar, dass es zu den sogenannten Kabeljau-Kriegen kam: Wegen der Überfischung und dem Schutz der einheimischen Fischerei entschloss sich Island 1958, seine Wirtschaftszone auf zwölf Seemeilen zu erweitern, 1974 wurde sie sogar auf 200 Seemeilen ausgedehnt. Die isländischen Fischer kappten immer wieder die Netze fremder Schiffe, die sich in der Zone befanden, und rammten die britischen Kriegsschiffe, die England zum Schutz der britischen Fischtrawler schickte. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Island und Großbritannien wurden 1976 vorübergehend unterbrochen.


Wird Fischfarming das Überleben sichern?
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Einst gab es Kabeljau massenhaft, doch bald von unserer Speisekarte verschwunden?
Seitdem hat sich die Lage des Kabeljaus weiter verschechtert. Biologen befürchten, er könnte in zehn Jahren ausgerottet sein, wenn die Fangquoten nicht auf unbestimmte Zeit radikal gesenkt würden. Eine Hoffnung, vor allem der Fischindustrie, liegt auf dem "Fischfarming", auf der Zucht des Fisches. Ob ihm dies beim Überleben hilft?

Sehen Sie am Montag, 25. November 2010, 20.15 Uhr die Dokumentation "Ein Fisch macht Geschichte – der Kabeljau". Der Film ist eine Hommage an diesen Fisch und das Filmteam bereist die Meeres- und Küstenregionen an der Ostsee, in Norwegen, Island und Neufundland, wo er einst eine so große Rolle spielte und nun ausgestorben ist. Das Kamerateam war an Bord von kleinen Kuttern und großen Fischtrawlern, besuchte Fischfarmen und ihre biologischen Labors und traf auch den wunderbaren Kabeljau-Historiker und Erzähler Mark Kurlansky, der dem Fisch eine Kulturgeschichte und geradezu eine Liebeserklärung widmete. Der Film macht zugleich deutlich, dass es nicht nur um das Verschwinden eines Nahrungsmittels auf unserer Speisekarte geht, sondern auch um ein Kulturgut, das in schicksalhaftem Zusammenhang mit der Menschheitsgeschichte steht.


Sendedaten
Montag, 25. November 2010, 20.15 Uhr
ARD-Themenwoche
"Essen ist Leben" - 23. bis 29. Oktober 2010
Der Kabeljau stirbt still
LupeBye, bye Kabeljau
Es war nur eine kleine Meldung aus Brüssel zum Jahresende 2004: Der Kabeljau, einer der traditionsreichsten deutschen Speisefische, ist vom Aussterben bedroht.
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