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Mittwoch, 24. Juni
© SWR/Sammlung Prinzhorn Lupe
Mit seinen Kalendarien versuchte der Patient J.H. Grebing den Lauf der Welt zu erfassen.
Zwischen Wahnsinn und Kunst
Die Sammlung Prinzhorn
Es ist wahrscheinlich das außergewöhnlichste Museum der Welt: die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. Sie umfasst Bilder von beeindruckender Kraft, extremer Authentizität und verwirrender Schönheit. Es sind Bilder von Künstlern, die nie eine Kunsthochschule besucht haben, die meist wenig "Bildung" genossen haben dürften - es sind die Bilder von Ver-Rückten.
Genie dank Wahnsinn - Kreativität dank Psychose?
© SWR/Sammlung Prinzhorn Lupe
Die Patientin Else Blankenhorn inspirierte Ernst Ludwig Kirchner mit ihren Gemälden.
Wieso haben es diese Bilder nie in den Kanon der "großen Kunst" geschafft, fragt sich der Laie, wenn er vor den Werken der Sammlung Prinzhorn steht. An Ausdruck, Schönheit und Kraft stehen viele der gezeigten Bilder denen "anerkannter Künstler" in nichts nach.

Die weltweit bedeutendste Sammlung bildnerischer Werke von Psychiatriepatienten entstand Anfang der 1920er Jahre in Heidelberg. Hans Prinzhorn, Assistenzarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik, trug diese Kunst zusammen und publizierte 1922 in seinem Buch "Bildnerei der Geisteskranken" einige der 4500 Arbeiten. Im Fokus seiner Tätigkeit stand dabei nicht der künstlerische Aspekt, sondern der therapeutische. Doch die Irrenärzte konnten mit Prinzhorns Ansatz wenig anfangen. Zu sehr waren sie in der Tradition des 19. Jahrhunderts verhaftet, in dem mit Schlägen, Sturzbädern mit kaltem Wasser, Fixierung oder Zwangsstehen "therapiert" wurde, und eine "psychosoziale Fürsorge" unbekannt war. Noch zur Zeit Prinzhorns gehörten Gewaltanwendung und Isolation zum Klinikalltag. Prinzhorn gilt als Wegbereiter einer neuen Therapieform: der Kunsttherapie. Sein Ansatz, den bildnerischen Werken von Anstaltsinsassen einen eigenen Wert beizumessen, war ein mutiger erster Schritt auf einem damals noch ganz unbekannten Terrain.


Der Wahn ist die Kehrseite unserer Schöpfungskraft
© SWR/Sammlung Prinzhorn Lupe
Der Patient Karl Genzel verlieh sexuellen Obsessionen künstlerischen Ausdruck.
Bei den Künstlern der 1020er Jahre dagegen stieß Prinzhorn auf reges Interesse und sorgte für Aufsehen. Vor allem die Künstler der Moderne, namentlich Paul Klee, Alfred Kubin, Max Ernst und mit ihm die surrealistische Bewegung begeisterte sich für die Werke der "Irrenkunst", die der Heidelberger Arzt publizierte. Sie erkannten mit ihrem Subjektivismus den Wert der Arbeiten aus den Heilanstalten.

Die Beziehung von Kreativität und Pathologie ist ein altbekanntes Thema. Ohne biologistisch zu argumentieren, scheint es, dass Genie und Wahnsinn, Kreativität und Psychose, Depression und Euphorie tatsächlich eine besondere Beziehung zueinander haben. An den Grenzen der Erkenntnis, welche die Kunst seit je her beschreibt, gedeihen Wahnsinn, Verzweiflung, Verschwörung und schillernde Theorien. "Manche Störungen beinhalten die kreative Fähigkeit, assoziativ und unkonventionell zu denken", trug der Psychiater Wolfgang Maier unlängst beim Petersberg-Symposium in Königswinter zum Thema "Genie und Wahnsinn" vor.

Die Liste der Künstler mit psychischen Störungen ist lang und die Künstler erfreuen sich trotz, manchmal vielleicht auch grade wegen ihrer Erkrankung großer Beliebtheit. Überproportional viele Psychisch-Gestörte betätigen sich künstlerisch und doch bleiben sie weitgehend unbeachtet: "Outsider-Kunst" oder "Art Brut" werden sie in der Szene der Galerien und Vernissagen genannt.


Bilder, die die Welt offenbaren
Die bekanntesten Werke der Sammlung Prinzhorn stammen von August Nattarer. 1907 wurde er wegen Wahnvorstellungen und Angstzuständen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Der verheiratete Elektrotechniker behauptete, dass ihm innerhalb einer halben Stunde in Tausenden von Bildern die Welt offenbart worden sei. Diese Bilder seiner mutmaßlichen Halluzination zeichnete er nach. Ohne ihn sei der bildliche Surrealismus kaum denkbar, attestieren heute Kunsthistoriker.

Auch Josef H. Grebing (1879 - 1940) ist einer der bekannteren Künstler der Sammlung. Mit seinen faszinierenden Zahlenkolonnen, Systemen, Listen, Plänen und Kalendarien, versuchte er die Welt neu zu erschließen. Vor seiner Erkrankung betätigte sich Grebing als Kaufmann und seine Kunst kann als Versuch verstanden werden, das unsystematische Leben in Reihen zu ordnen, in eine Miniaturschrift mit Zahlen und Buchstaben exakt und pedantisch wiederzugeben.

Grebing teilt das Schicksal vieler Künstler der Sammlung Prinzhorn. Sie wurden von Naziärzten als "unwertes Leben" ermordet. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo 1940 mehr als 10.000 Patienten vergast worden sind, starb der Künstler Josef H. Grebing einen grausamen Tod. Die Bilder der Sammlung Prinzhorn wurden in Ausstellungen als entartete Kunst gezeigt.

Erst viele Jahre nach dem Krieg wiederentdeckt, wandert die mittlerweile 5000 Werke umfassende Sammlung mit ihren wechselnden Ausstellungen um den Globus und bietet ein Forum für die Kunst von Psychiatriepatienten.


Faszinierend und irritierend
In seinem Grimme-Preis gekrönten Film "Zwischen Wahnsinn und Kunst", die Sie am Sonntag, 26. September 2010 von 21.45 Uhr an sehen können, nimmt Regisseur Christian Beetz den Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise durch die Archive der Sammlung Prinzhorn.

Zwei der Künstler von heute stellt der Film vor, ergänzt durch Analysen der ehemaligen Leiterin der Sammlung, Inge Jadi und ihres Mannes, des Psychoanalytikers Frederic Jadi. Weitere Interviewpartner: die Kunsttherapeutin Prof. Karin Dannecker und der österreichische Künstler Arnulf Rainer. Aus dem Off führt die Stimme von Angela Winkler durch den Film. Erstmals zu sehen sind historische Aufnahmen von Hans Prinzhorn auf seiner Hütte im Schwarzwald. Der Outsider starb nach einem ruhelosen Dasein - drei gescheiterte Ehen, wiederkehrende Depressionen und Verlust der Stimme - mit 47 Jahren 1933 in München.


Sendedaten
Sonntag, 26. September 2010, 21.45 Uhr
Themenwoche
Weltenwandler
Wahnsinnskunst in einer Themenwoche vom24.09. - 01.10.2010
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