Übersicht
TV-Programm
Mittwoch, 24. Juni
© br
Das Foto aus der Ausstellung zeigt deutsche Soldaten, die sich in Osteuropa mit Juden ablichten lassen
Der unbekannte Soldat
Dokumentarfilm von Michael Verhoeven
Ein Film über eine Ausstellung: Es ist keine normale Ausstellung, sondern eine Ausstellung über die "Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg" und es ist auch kein normaler Filmemacher, sondern der Starregisseur Michael Verhoeven, der sich diesem Thema annimmt.
Die Lüge von der anständigen Wehrmacht
© br Lupe
Wehrmachtsangehörige demütigen Juden
Anständige Soldaten kämpfen ritterlich Mann gegen Mann, versuchen ihr Land und die Bevölkerung vor dem Feind zu schützen. Sie halten sich an die Regeln des Völkerrechts und kämpfen nicht gegen Unbewaffnete, treiben keine Frauen und Kinder zusammen, um sie zu erschießen, anzuzünden oder der SS zur Vernichtung zu übergeben. Anständige Soldaten der Wehrmacht ahnten nichts von Hitlers Absicht im Osten einen Rassen- und Vernichtungskrieg zu führen - so die Geschichte von der "sauberen Wehrmacht". Das Märchen, die deutschen Soldaten hätten an der Ostfront immer wie anständige Soldaten gekämpft, hielt sich lange in Deutschland und wurde erst von einer Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung am 5. März 1995 schwerwiegend erschüttert.

Lupe
Ehemalige Wehrmachtssoldaten sind über die Ausstellung entrüstet
Die Ausstellung zeigt anhand privater Fotos ehemaliger deutscher Soldaten und mit den offiziellen Akten der Wehrmacht, wie die Soldaten der 6. Armee auf ihrem Weg durch die Ukraine 1941 den für den Judenmord verantwortlichen Einsatzgruppen der SS tatkräftige Amtshilfe leistete. Sie trieben Juden zusammen, führten sie ab und halfen beim Erschießen. Die Ausstellung dokumentiert weiterhin, wie die Wehrmacht in Jugoslawien Gräueltaten an der Bevölkerung verübte, sie belegt, dass der Krieg im Osten sich nicht nur gegen eine andere Armee, sondern auch gegen Teile der Zivilbevölkerung richtete.

Dimensionen des Protestes
© br Lupe
Demo gegen die Wehrmachtsausstellung in München
Eine der ersten Stationen der Wanderausstellung war München. Dort schlug die Ausstellung wie eine Bombe ein: Der "Bayernkurier", die Parteizeitung der Christlich-Sozialen Union (CSU), geißelte die Ausstellung: in ihr würde "Millionen von deutschen Soldaten die Ehre abgesprochen". Die für die Ausstellung Verantwortlichen (unter ihnen vor allem Jan Philipp Reemtsma) würden einen "moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk" inszenieren. ("Bayernkurier", 22.2.1997). In der Kritik an der Ausstellung trafen sich - wenn auch mit anderen Argumenten - die Konservativen und die neofaschistischen Politiker. Die Münchner CSU legte aus Protest am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz nieder. Die NPD trug die Kritik an der Ausstellung auf die Straße und rief zu einer Großdemonstration auf.

Unbequeme Fragen über die Wehrmacht
© br Lupe
Der Regisseur Michael Verhoeven fängt die Stimmungen auf der Straße ein
Einer der bekanntesten deutschen Filmemacher, Michael Verhoeven, geriet am 1. März 1997 in diese Protestveranstaltung der NPD gegen die Ausstellung: "Sie stiegen aus immer mehr Bussen, immer mehr Uniformierte mit Fahnen", berichtet der Regisseur. "Ich bin in diesen Naziaufmarsch geraten als Fragender und bin in sieben Jahren der Recherche immer der Fragende geblieben. Nicht selten sind meine Fragen mit Gegenfragen abgewehrt worden, etwa ob ich ein anderes als das deutsche Volk kenne, das seine eigenen Soldaten, die für ihr Vaterland gekämpft haben, in den Dreck ziehen würde. Ich suche nicht nach fertigen Antworten. Jedes Vaterland hat seine eigene Geschichte. Aber ich beharre auf unserer eigenen Geschichte."

Wenn Soldaten Mörder werden
Verhoeven verfolgt im Film die Spuren der Wehrmacht bis in die Ukraine und nach Weißrussland. Anhand von zahlreichen Interviews mit Augenzeugen und Historikern in Deutschland, den USA und an den Orten des Geschehens untersucht Verhoeven den wohl schrecklichsten Teil der Geschichte der deutschen Wehrmacht. In der Ukraine und in Weißrussland wüteten die schlimmsten Pogrome - in Lemberg und Tarnopol. Die Juden wurden von der Bevölkerung gejagt, gefoltert, erschossen, tot geprügelt, und die Wehrmacht, die Hoheit in den besetzten Gebieten, schürte diese Ausschreitungen, beteiligte sich oder schaute ostentativ zu bzw. weg. Natürlich gab es auch die anderen, welche die Befehle nicht ausführen ließen, die sich weigerten, auf Unbewaffnete, Frauen und Kinder zu schießen. Das Erstaunliche ist: Es gibt keinen Hinweis auf nur ein einziges Verfahren gegen einen solchen "Befehlsverweigerer". Auch das machte die Ausstellung deutlich.

Von den 3,4 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen des Jahres 1941 starben bis zum Frühjahr 1942 zwei Millionen schon auf den Märschen oder in den Lagern: Sie verhungerten, erfroren oder wurden erschossen. Auch die Bevölkerung erlitt große Verluste durch die Wehrmacht, denn für deren Ernährung hatte das besetzte Gebiet zu sorgen, die Einwohner wurden regelrecht ausgehungert.


Vernichtungskrieg gegen die jüdische Bevölkerung
Als Arzt wollte Michael Verhoeven eigentlich die Verbrechen der Mediziner in der Wehrmacht dokumentieren. Doch dann, so erzählt er, wurde ihm bewusst, "dass die Deutsche Wehrmacht im Sommer 1941 in die damalige Sowjetunion eingefallen war, um parallel zum Vernichtungskrieg gegen die sowjetische Armee einen bislang wenig bekannten Vernichtungskrieg gegen die jüdische Bevölkerung in den sowjetischen besetzten Gebieten, Polen, Ukraine und Weißrussland zu führen. Ziel dieses asymmetrischen Krieges war die völlige Auslöschung der jüdischen Zivilbevölkerung. Es hatte eine Vereinbarung zwischen der Wehrmacht, der SS und den Einsatzgruppen gegeben, die Juden in Osteuropa zu vernichten. Dieses Abkommen war etwa drei Monate vor dem Überfall geschlossen worden. Konfrontiert mit dieser Ungeheuerlichkeit - hatte ich doch, wie meine gesamte Generation, immer gehört und auch geglaubt, die Wehrmacht sei sauber gewesen - habe ich mir die Frage gestellt, wie es möglich war, die Fama einer untadeligen Wehrmacht 50 Jahre lang aufrechtzuerhalten", so Michael Verhoeven.

Sendedaten
Sonntag, 30. August 2009
22.20 Uhr
Links
disclaimer
mehr zum Thema