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Mittwoch, 24. Juni
Urwaldlaboratorium am Orinoco © dpa
"Urwaldlaboratorium am Orinoco": Humboldt und Bonpland.
Der zweite Kolumbus - die Wiederentdeckung Amerikas
Im Sommer 1799 bricht Alexander von Humboldt in die feucht-heißen Regenwälder Mittel- und Südamerikas auf. Es ist eine waghalsige Expedition, die fünf Jahre dauern soll und ihn fast 3000 Kilometer bewältigen lässt. Humboldt und sein Kollege und Leidensgenosse, der Arzt und Botaniker Aime Bonpland, werden die Reise nur mit Glück lebendig überstehen. Noch nie zuvor hat ein Weißer diese unzugängliche Wildnis betreten und auch Humboldt kann bei seinem Aufbruch nur ahnen, was ihn erwartet: eine Natur von sagenhafter Schönheit und voller Geheimnisse, ein Universum aus Pflanzen und Tieren, perfekte Harmonie und große Gefahren.
Das Gefühl, mitten in der Schöpfung zu sein
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Oberlauf des Rio Negro
In sein Tagebuch schreibt Humboldt nach dem Eintreffen im Regenwald: "Stunden um Stunden, Tage um Tage brachte ich damit zu Tiere zu beobachten. Dazu hatten wir mit Hilfe der Indios einen Hochsitz gebaut, eine Art Baumhaus. Ich hatte dort oben das Gefühl mitten in der Schöpfung zu sein, aber noch lange nicht zu verstehen, wie alles zusammenhängt."

Humboldts Verständnis der Zusammenhänge in der Natur war dabei seiner Zeit weit voraus. Als Erster Forscher verdeutlicht er, auf welch faszinierende Weise die Naturkräfte, Klima, Pflanzen, Tiere und Menschen zusammenspielen und wie alles eine Einheit bildet, die nicht zerstört werden darf. Mit Unmengen von Messinstrumenten, ungefähr 50 Stück, unter ihnen Teleskope, Theodoliten (Winkelmesser), Thermometer, Hygrometer, Barometer, Sextanten und Quadranten, untersucht er alles, was ihm vor die Füße kommt. Seine spanischen und indianischen Führer setzt er in Erstaunen, weil er jeden Stein umdreht, jeden Wurm zeichnet, die Temperatur der Gewässer misst, den Umfang einer Staude, die Höhe eines Baums, das Gewicht einer Frucht bestimmt, Bodenproben nimmt, den Luftdruck, die Feuchtigkeit im Dschungel und in der Wüste ermittelt.


Alles hängt zusammen - Humboldt beschreibt "Ökosysteme"
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Aime Bonpland
Humboldt kommt zu dem Schluss, alles hänge irgendwie zusammen. Tausende Beispiele findet er im Dschungel dafür, dass die eine Tierart nicht ohne jene Pflanzenart leben kann, dass sich alles auf einander bezieht. Am Ende seines Lebens wird er die unglaubliche Fülle an Messergebnissen und Proben in einem Mammutwerk, das er "Kosmos" nennt, zusammenfügen. Die Überfülle an Material macht ihm bei der Niederschrift schwer zu schaffen:

"Ich komme von Sinnen, wenn die Wunder nicht bald aufhören. Damals war ich wirklich wie von Sinnen. Ich war überwältigt von der Überfülle an Leben im tropischen Wald. So, und jetzt bin ich tatsächlich verrückt geworden. Es liegt daran, dass mein Körper in der Realität ist, mein Geist aber nur noch in Erinnerung lebt. Die Gegenwart wird von der Vergangenheit verschluckt. Es ist die verdammte Sehnsucht nach den Tropen, die mich verrückt macht."

Vor allem die Ureinwohner, deren Sprache er lernt, öffnen Humboldt die Augen für eine Natur, die bis dahin kein Weißer gesehen hat. Alexander von Humboldt ist der Erste, der nicht als Eroberer, sondern als Erforscher eines völlig fremden Kontinents gekommen ist. Tausende von tropischen Tier- und Pflanzenarten und deren Zusammenspiel beschreibt er detailliert. Er machte sich Gedanken zu ihrer Verteilung über den Kontinent und zum Einfluss des Klimas. Im Lauf der vielen Jahre in Südamerika findet das Forscherteam immer neue Rätsel, die gelöst werden wollten.

Mit Humboldts "Vermessung der Welt" entsteht in tausend Tagen eine gigantische Wissenssammlung auf Papier und in tausenden von Proben, die die immer größer werdende Expedition mit sich führt. Zuhause in Europa wird das alles ganze Forschungszweige bereichern.


Alles hängt zusammen - auch Orinoco und Amazonas
Lupe
Rio Casiquiare auf einer alten Karte
Humboldt will in dieser ersten Expedition wissen, wie die Lebensadern des Urwalds - die Flüsse, die ihn durchziehen - zusammenhängen. Es muss, so ist er überzeugt, ein System geben. Aber um es zu finden, muss man tausende von Kilometern bewältigen. Humboldt und Bonpland sind ein ganzes Jahr zu Fuß und zu Wasser unterwegs. Ziel ist das geheimnisvolle Flusssystem von Orinoco und Rio Negro. Der Orinoco entspringt in Venezuela und durchzieht den ganzen Kontinent. Er übt eine ungeheure Faszination auf Humboldt aus; schon als Kind in Deutschland hat er von ihm gelesen.

Alexander von Humboldt schreibt in sein Tagebuch: "Alle Geografen in Europa waren sich sicher, dass es keine Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonasgebiet, mit seiner ganz anderen Klimazone, geben könne. Woher dann aber die Gemeinsamkeiten zwischen Flora und Fauna, ja, sogar zwischen den Kulturen der Ureinwohner? Sie hatten mir von der sagenumwobenen Wasserstraße erzählt. Und ich war überzeugt es musste sie geben. Immer tiefer drangen wir auf dem Orinoco in den Dschungel vor. Er war so wild und so wenig von Menschen betreten, dass die Indianer, ein paar Flüsse ausgenommen, keinen der Punkte, die ich mit meinen Instrumenten bestimmen konnte, mit Namen zu nennen wussten.

Mehr als einmal glaubte selbst ich an das vorzeitige Ende unseres Vorhabens. Wir gerieten in Stromschnellen und schwere Wetter. Einmal kenterte unser Boot in einem Gewitter und die Arbeit von Jahren schien dahin zu sein. Instrumente und Aufzeichnungen versanken in den Fluten, ebenso wie unser letzter Proviant. Das hätte das Ende sein können, wenn nicht mutige Indios mit Geschicklichkeit und Schnelle reagiert hätten."

Als sie an die Granitfelsen von Kulimaka gelangen, sind sie fast am Ziel. Nach Humboldts Berechnungen muss hier in der Nähe ein Flussarm vom Orinoco abgehen und bis zum Amazonas führen. Auch die Beschaffenheit des Wassers spricht dafür. Humboldt wird Recht behalten: Eine natürliche Wasserstraße verbindet die gigantischen Flusssysteme miteinander. Die Natur selbst hatte sich einen Kanal gebaut, den Rio Casiquiare. 25 Prozent des Wasser des Orinoco fließen nicht in sein Mündungsgebiet, sondern in den Rio Negro, der wiederum in den Amazonas mündet.


Unmenschliche Strapazen und viele Gefahren
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Alexander von Humboldt
Oft drohen sie zu scheitern, durch Krankheit, Naturgewalten oder die Ureinwohner, die in jedem neuen Gebiet die Fremden argwöhnisch beobachten. Weiße bedeuten Gefahr, Lebensgefahr. Aber auf rätselhafte Weise gelingt es Humboldt immer wieder engen Kontakt zu den Indios herzustellen. Statt die vermeidlichen Feinde zu jagen, weihen sie Humboldt und Bonpland in ihre Jagdtechniken ein.

Doch die Qualen und Strapazen, denen Sich die Forscher aussetzen sind unvorstellbar. Sandflöhe und Moskitos zehren an ihren Nerven. In manchen Gegenden soll es mehr Moskitos als Luft geben, erzählt Humboldt später. "Ihre Stiche hinterlassen entzündete, eitrige Schwellungen, also besonders bei uns Weißen. Dieses Gefühl des allgegenwärtigen Kribbelns und Krabbelns und Wimmelns und Schwirrens verließ uns selbst in den Baumwipfeln nicht. Also, wir trugen Lehm auf unsere Gesichter auf und Schildkrötenöl, selbst Kuhmist. Ja, wir versuchten alles gegen Mückenstiche. Diese Insektenschwärme waren so dicht, dass wir nicht durch unsere optischen Geräte schauen konnten. Schließlich kapitulierten wir und gewöhnten uns daran, am Summen der Mücken und an der Schmerzhaftigkeit ihrer Stiche festzustellen wie spät es ist."

Ende des Jahres 1800 können sich Humboldt und Bonpland auf Kuba etwas erholen, arbeiten sich aber auch an Geologie und Klima der Insel ab. Der Essay, den Humboldt später über die Insel schreibt, sorgt dort für einige Furore, weil er ihm ein Kapitel über die Sklaverei anhängt.


Humbold - ein Pazifist und Humanist
Die Behandlung der Indios und der Sklaven durch die Kolonialherren stößt bei Humboldt auf krasse Ablehnung. Die Französische Revolution liegt zehn Jahre zurück, als Humboldt Südamerika bereist. Er weiß, dass eine neue Zeit angebrochen ist und macht sich die Ideale der Freiheit und der Menschenrechte mehr und mehr zu eigen. Nur schwer kann er ertragen, dass die Indianer Amazoniens, deren Kultur er schätzt, keinerlei Rechte haben.

Diese Freiheitsliebe steht jedoch mit Humboldts weiteren Werdegang in Widerspruch. Nach seiner Südamerikareise nimmt er eine Anstellung am Hof des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. an und muss dort wieder und wieder seine Abenteuer zum besten geben:

"Die Abende in Potsdam gehörten zu jenen Pflichtübungen, die ich absolvieren musste, weil der König meine Arbeit finanzierte. Ich war ein Gefangener im Goldenen Käfig. Er hielt mich wie eine Art Paradiesvogel. Wenn wir nicht an der Tafel saßen, musste ich dennoch bei seiner Majestät sein, erzählen oder vorlesen. Irgendwann begann die Königin zu sticken. Immer wieder musste ich zur Unterhaltung der königlichen Gäste Geschichten von meinen Reisen erzählen."


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