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Dienstag, 20. April
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"Ich habe eine Hassliebe zum Film"
Regisseur Todd Haynes im Interview
Auszüge aus dem Kinomagazin "Ich ist ein anderer"
Todd Haynes über seine Liebe zum Glamrock, die weibliche Seite bei Bob Dylan und warum seine TV-Serie "Mildred Pierce" voyeuristisch ist.
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"Velvet Goldmine"
Ganz allgemein gesagt habe ich eine Hassliebe zum Film. Zumindest ist mein Verhältnis zur Tradition des Erzählens eine Hassliebe. Geschichten bringen Regeln und Erwartungen mit sich, die uns einengen. Sie erzeugen Erwartungen, von denen wir nicht wollen, dass sie sich ändern. Wir wollen, dass sie beim Erleben der Geschichte erfüllt werden. Aber gleichzeitig spiegeln diese Erwartungen und formalen Traditionen oft kulturelle Formen, die restriktiv sind und uns gefangen halten in den immer gleichen Identitäts-Modellen.

Sicher sind meine eigene sexuelle Orientierung und Identität wichtig dafür, wie ich auf Geschichten und Themen schaue. Aber natürlich gibt es auch Traditionen schwuler Identität, die nichts lieber wollen als eine authentische, sichere und nicht hinterfragte Beziehung zur Gesellschaft. Nach dem Motto: “Wir sind wie jeder andere auch.” In diese Richtung haben sich schwule Themen in den letzten 10, 20 Jahren entwickelt. Das gilt besonders in den USA, wo man sich dagegen sträubt anzuerkennen, dass die sexuelle Orientierung einen außerhalb der Mehrheit der Gesellschaft stellt. Aber wenn überhaupt, dann ist es doch ein Vorteil, außerhalb der gesellschaftlichen Mehrheit gestellt zu werden. Für mich war das immer ein Ort, den ich gerne besetze, weil er einen kritischen Blick auf das eröffnet, was man „normal“ nennt.


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"Velvet Goldmine"
„Velvet Goldmine“, meinen Film über die Glamrock-Ära, habe ich aus Liebe zum Thema gemacht. Er geht verschiedenen Traditionen nach, die meist aus England stammen, die die Künstlichkeit feiern und die Männlichkeit hinterfragen. Dieser einzigartige Moment in der Popkultur, als es Mode wurde, sich zu kostümieren und Frauenkleider anzuziehen, unterwanderte die Macho-Traditionen, die so tief in der Rock-Geschichte verwurzelt sind. Ich fand das einzigartig, diese offensichtliche Traditionslinie von Oscar Wilde direkt zu David Bowie. Für mich war das ein einzigartiger visueller Moment der Rock-Geschichte und daher wie gemacht für das Kino. Aber ebenso warf diese Zeit alle möglichen Fragen auf zu den Themen Identität, Künstlichkeit und Selbst-Erfindung.

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"Velvet Goldmine"
Ich glaube, für Film gilt, ebenso wie für intellektuelle und artifizielle Musiker wie Roxy Music, dass die emotionale Komponente das Publikum auf einer parallelen Ebene anspricht. Film ist musikalisch. Beides sind zeitbasierte Medien und sie haben eine intuitive Ebene, die man respektieren und auf bestimme Weise verstehen muss - selbst wenn das beim Filmemacher unbewusst passiert. Die besten Regisseure verstehen etwas, das jenseits der Konzeption, der Geschichte und des Dialoges liegt. Etwas, das auf einer visuellen und musikalischen Ebene funktioniert, das flüchtig ist, das dich mitnimmt und Gefühle benutzt.

Ich vermute, dass alle Filmemacher neidisch sind auf das direkte Erleben. Trotz all meines Redens über eine post-humanistische, postmoderne oder wie-auch-immer-Trennung von der Realität, bin ich der Überzeugung, dass die direkte Verbindung zwischen Musikern und ihrem Publikum, mit dem sie Zeit und Ort teilen, etwas ist, das Filmemacher nie erreichen können. Selbst Theaterschauspieler müssen so tun, als sei das Publikum nicht da. Musiker dagegen haben diesen freien Austausch. Das ist selten. Ich glaube, in den Filmen, die ich über Musiker gemacht habe, ziehe ich eine Art zusätzlicher Energie und Inspiration aus diesen Geschichten über Menschen auf der Bühne.


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"I'm not there"
"I'm Not There", mein Film über Bob Dylan, ist absichtlich aufgesplittert in die Geschichten verschiedener Personen. Dylan wurde auf mehrere Figuren aufgeteilt. Darin spiegelt sich der Widerstand dieses Künstlers im Besonderen und dieser bestimmten Zeit gegen die Idee, festgelegt zu werden und damit einer Art unvermeidlichem Selbst zuzustimmen, mit dem wir wie selbstverständlich zufrieden sein sollen. Ich denke, wir alle ringen mit dieser Vorstellung von Kontinuität in unserem Leben und damit, wer wir sind.

1966 arbeitete Dylan rund um die Uhr. Und unter dem Einfluss bestimmter Substanzen in seinem Körper war er geschrumpft zu dieser knochendünnen Person mit riesiger Frisur. Die elektrische Musik, die zu der Zeit aus ihm herauskam, war so punkig, wie man es sich niemals hätte vorstellen können von diesem Sänger, zu dieser Zeit, an diesem Ort. Was daran so bizarr war, war die Seltsamkeit von Dylan, seine Affektiertheiten, die Musik. Gerade weil das ein so bekannter Moment in der Rock-Überlieferung ist, der so kanonisiert wurde, wollte ich die ursprüngliche Fremdheit zurückbringen. Ins Zentrum wollte ich wieder etwas Rätselhaftes und Seltsames stellen. Wenn ich Filme von ihm aus der Zeit sehe, wie er spricht, wie er sich bewegt, sieht er für mich einfach aus wie eine Frau.


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"Far from Heaven"
Ich interessiere mich immer dafür, meine Geschichten durch einen historischen Rahmen zu sehen, von verschiedenen vergangenen Zeiten aus. Häufig werden diese Fenster in die Geschichte von der filmischen Sprache bestimmt. Mein Film "Far from Heaven" etwa versucht die filmische Sprache des Melodramas zu übernehmen und die der großen amerikanischen Filme von Douglas Sirk aus den 50er Jahren. Das heißt, der Film spielt in den 50er Jahren und benutzt zugleich die filmische Sprache der Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. In jedem Fall bietet mir jede Periode, in die ich zurückgehe, eine Chance, die Sprache dieser Zeit wiederzuentdecken. Dazu nutze ich die formbare und wechselnde Rhetorik des Filmemachens und der Kunstproduktion, die mit der jeweiligen Zeit verbunden ist.

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"Far from heaven"
Zur Vorbereitung von "Far from Heaven" haben wir uns die visuelle Sprache von Sirks Filmen genau angeschaut. Farbe spielt in ihnen eine herausragende Rolle. Alle Aspekte des Dekors legen offen oder drücken aus, was die Figuren nicht selbst über ihre emotionalen Probleme sagen können. Das gilt für Farbe in einer Art und Weise, wie sie nur wenige besser oder schöner eingesetzt haben als der Kameramann Russell Metty unter Sirks Regie. Man kann von Film zu Film die Unterschiede im Gebrauch dieser Farbpalette erkennen, je nach Thema. Aber an einem bestimmten Punkt gibt es immer etwas Unausgesprochenes zwischen den Figuren, das nur ausgedrückt werden kann durch Dekor, Farbe und Musik.

Musik ersetzt Dinge, die nicht gesagt werden können. Es gibt eine Art Sprachlosigkeit im melodramatischen Drehbuch. Die Figuren haben keine Kontrolle über ihren Diskurs, also bekommen die visuellen und musikalischen Mittel viel Raum, Bedeutung zu transportieren. Das ist nicht immer der Fall in anderen Genres, in denen Bedeutung oft gedoppelt oder wiederholt wird durch den Schnitt, Dialoge, Handlungen der Figuren und durch alle anderen Aspekte der Filmsprache. Im Melodrama gibt es dagegen weite Räume, die sich für die Rolle der Musik öffnen. Diese Geschichten sind für mich wirklich die Geschichten unserer aller Leben.

Das Melodrama wird in gewisser Weise abgetan und verbannt auf eine niedere Stufe des Geschichtenerzählens. Genres, die mehr mit Männern assoziiert werden, mit Eskapismus und dem Bestehen von Abenteuern, wie Krimis, Western, Fantasy, haben einen action-reicheren und optimistischeren Verlauf. Sie sind in der Filmgeschichte bevorzugt worden. Gerade deshalb setze ich mich vielleicht um so leidenschaftlicher mit diesen herabgesetzten Formen auseinander. Weil ich eben glaube, dass das ganze Leben in ihnen enthalten ist.


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"Mildred Pierce"
"Mildred Pierce" folgt in vielerlei Hinsicht den Definitionen eines Melodramas, es ist eine Familiengeschichte. Aber es gibt auch interessante Unterschiede zu den traditionellen Melodramen und zu denen, die ich früher gemacht habe, wie "Far from Heaven" und "Safe". Die Titelheldin ist nicht einfach nur machtlos durch ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Da sie gezwungen ist, einen Job anzunehmen, bewegt sie sich in zwei Welten: der der Reproduktion und der der Produktion. Geld, Geschäft und Arbeit verbinden sich untrennbar mit der Gefühlswelt aller Figuren.

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"Mildred Pierce"
Der filmische Stil von "Mildred Pierce" reflektiert nicht den der 30er Jahre, so wie wir den Filmstil der 50er Jahre in "Far from Heaven" nachgeahmt haben. Stattdessen habe ich mich am Kino der 70er Jahre orientiert, das für mich eine neue Ära repräsentiert, in der traditionelle Genres neu erfunden wurden, mit diesem Sinn für einen modernen Naturalismus. Ich bin aufgewachsen mit diesen Filmen: mit dem "Godfather"-Epos, mit "Chinatown" und "The Exorcist". All diese klassischen Genre-Filme, bei denen man spürte, dass sie etwas über die Gegenwart aussagten. Heute würde man eine Handkamera benutzen und schneller schneiden, um Details zu zeigen. Die Filme der 70er Jahre haben dagegen den Mechanismus des Geschichtenerzählens verlangsamt. Die Einstellungen wurden länger gehalten, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, in den Bildern die Bedeutung zu entdecken. Dadurch wurde ihnen das Gefühl gegeben, dass ihre intellektuelle Neugier respektiert wird und ihre politische Lesart der Geschichte. Es wurde Raum für Interpretationen gelassen. Deshalb halten wir uns zurück. Dieses Gefühl eines beobachtenden Stils gibt es auch in "Mildred Pierce". Die Figuren werden ständig durch Türen und Fenster gerahmt oder durch Glas gefilmt. Zeitweise wirkt der Film fast voyeuristisch.

Ich finde das Verlangen nach Identifikation, den Wunsch des Publikums, eine Figur mit Leben zu füllen, verblüffend. Was im Kino passiert, kommt alles vom Zuschauer. Das Publikum projiziert etwas auf die Leinwand, etwas, das lebendig ist, voller Bedeutung und voller Emotionen. Dieser Hunger, etwas mit Bedeutung zu füllen, ist so stark, dass ich festgestellt habe, dass man Barrieren und Hindernisse vor diesen Prozess setzen kann. Das Publikum wird sie umgehen und alle möglichen verblüffenden Dinge tun, um in die Story hinein zu kommen. Ich finde diesen Prozess wirklich interessant. Er zeigt unser Bedürfnis, uns zu identifizieren und uns in den Geschichten wiederzufinden, die wir auf der Leinwand sehen. Und auf ähnliche Weise wollen wir auch unbedingt an so etwas wie Identität glauben.


Interview: Sven von Reden
Auszug aus dem Interview zum Kinomagazin "Ich ist ein Anderer - Der Filmemacher Todd Haynes“
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung
© Sven von Reden 2011

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