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Wie mit Sexualstraftätern umgegangen wird, lässt Rückschlüsse auf das Rechtssystem zu.
Monster, lasst sie ja nicht mehr raus
Sexualstraftäter polarisieren und lassen keinen kalt. Ihre Taten sind meist unverzeihbar, ihre Schuld ist nicht zu bewältigen, das angerichtete Leid groß. Die Forderung, dass Menschen, die solche Straftaten begehen, für immer weggesperrt werden müssen, ist aus Sicht der Opfer verständlich.
In totalitären Systemen ist Einsperren und "den Schlüssel wegwerfen" eine Methode, mit Straftätern umzugehen und die Gemeinschaft so zu schützen. In allen westeuropäischen Ländern dagegen wird ein solches Vorgehen seit vielen Jahren abgelehnt.

Teil der DNA des Rechtsstaates
Eine Haftstrafe bis zum Tod, so entschied schon 1977 das Bundesverfassungsgericht, widerspricht der rechtsstaatlichen Grundordnung und der Menschenwürde. In der Regel nach maximal 25 Jahren muss es einem Straftäter möglich sein, wieder "auf Bewährung" das Gefängnis zu verlassen. So werden "Deutschlands bekannteste Verbrecher", die Geiselnehmer von Gladbeck, in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich aus dem Gefängnis entlassen werden.

Die Idee, dass auch der Täter eine Menschenwürde besitzt, stammt aus der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Genau wie andere Rechtsgrundsätze, zum Beispiel die "Gleichheit vor Gericht", ist sie ein Teil der DNA des Rechtsstaates. Die Gedanken der Rache, Vergeltung und der Anspruch an eine "absolute Gerechtigkeit" sind über die Jahrhunderte den Gedanken des Schuldausgleichs und der Prävention gewichen. Wer also körperliche Züchtigung, Genitalverstümmlung oder Einsperren bis zum Tod fordert, agiert mittelalterlich und außerhalb unserer heutigen Rechtsnormen.


Besserung und Sicherung
Die maximale Haftdauer beträgt in Deutschland 25 Jahre. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Für Menschen, bei denen eine Wiederholung von Straftaten wahrscheinlich ist, kann der Richter eine "Maßregel der Besserung und Sicherung" anordnen. Diese richtet sich nur nach der Gefährlichkeit des Täters für die Allgemeinheit. Solange er eine Gefahr darstellt, bleibt er hinter Gittern. Doch dem Täter muss es möglich sein, sich zu ändern. So wird im Gesetz das Ziel bestimmt, bei diesen gefährlichen Gefangenen eine Resozialisation durch Therapie zu ermöglichen. Die Unterbringung im sogenannten Maßregelvollzug erfolgt deshalb auch in einer psychiatrischen Klinik (forensische Psychiatrie). Im Gegensatz zum Justizvollzug ist für die Straftäter die Unterbringung in der forensischen Psychiatrie immer unbefristet und in keinem Fall kürzer als die "reguläre" Strafe.

Es wird regelmäßig begutachtet, ob von dem Gefangenen immer noch eine Gefahr ausgeht. Dabei spielen psychische Erkrankungen eine Rolle. Denn diese sind oft die Ursache, dass die Straftäter ihre Triebe nicht kontrollieren können. In dem Dokumentarfilm von Katrin Bühlig, die über lange Zeit in einer forensischen Psychiatrie in der Nähe von Dortmund filmte, stellt die Autorin im Gespräch mit der Leitung der Psychiatrie fest: Die Straftäter "wirken auf den Außenstehenden vollkommen ungefährlich. Täusche ich mich da?" Die Beamtin antwortet, man könne einem Menschen die Gefährlichkeit nicht ansehen: "Es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass man ungefährlichen Menschen gegenüber sitzt, nur weil sie freundlich sind und sich benehmen können."


Therapie, der beste Schutz der Bevölkerung?
In der Psychiatrie Eickelborn leben Menschen, die auf den ersten Blick nicht böse, triebgesteuert oder krankhaft wirken, das zeigt der Dokumentarfilm. Da ist der freundliche etwas zu rundliche Mann, der für Mitgefangene kocht. Vermutlich haben die agressionsdämpfenden Medikamente etwas mit seiner Figur zu tun. Glück ist für den jungen Mann nur hinter Gitterstäben vorstellbar. Wie die normalen Menschen über ihn denken würden, fragt die Filmemacherin: "Monster, lasst sie ja nicht mehr raus", sagt er und scheint ein Stück weit die Einschätzung zu teilen. Im Maßregelvollzug wird er dazu genötigt sich mit seiner Tat zu beschäftigen, denn hier besteht ein Zwang zur Therapie. Er hat eine Frau ermordet und eine andere beinahe umgebracht.

Psychiatrische Gutachten entscheiden, wer den Maßregelvollzug verlassen darf und wer in seiner Therapie noch nicht so weit ist. Auch wenn die Psychologen eine wissenschaftliche Methode anwenden, um die Verfasstheit eines Menschen erfassen zu können, so können auch sie nicht in die Köpfe der Gefangenen blicken. Es bleibt ein Restrisiko, dass sich ein noch so sorgfältiges Gutachten am Ende als falsch herausstellt. Eine gelungene Therapie und eine gute Integration in die Gesellschaft nach der Haftentlassung sei die beste Vorbeugung gegen einen Rückfall, so die einhellige Meinung der Fachleute.


Glück hinter Gittern?
Am Montag, den 10. Juli 2017, um 22.25 Uhr können Sie den mit dem Grimmepreis ausgezeichneten Dokumentarfilm "Restrisiko" von Kathrin Bühlig sehen. Noch nie zuvor konnte ein Filmteam sich wochenlang in einer Einrichtung des Maßregelvollzugs aufhalten, um dort den Alltag zu beobachten und zu dokumentieren. Mit wenigen persönlichen Habseligkeiten versuchen die Gefangenen hier, so normal zu leben, wie es unter den Umständen geht. Der vielbeachtete Dokumentarfilm taucht ein in eine fremde Welt, die uns sonst verschlossen bleibt. In ihr leben Menschen, die auf den ersten Blick nicht krankhaft, böse oder triebgesteuert wirken. Für ihre filmische Auseinandersetzung mit psychisch kranken Tätern im Maßregelvollzug wurden Autorin und Regisseurin Bühlig sowie Produzentin Dagmar Biller mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet: "Bühlig zeigt in einer konzentrierten, nie manipulierenden Bildsprache, wo und wie diese Menschen untergebracht sind, was sie denken, wie man versucht, sie zu verstehen und gegebenenfalls zu therapieren", heißt es in der Jurybegründung. "Befragungen, Töpferarbeiten und geselliges Grillen - Ist es das, was wir, die Gesellschaft, erwartet? Genau hier liegt die große Kunst des Films: Nie lässt er den Schluss zu, dass man Verständnis für die Taten der Täter haben sollte, die Opfer vergessen könne. "

Der Spiegel schreibt über den Film: "Für viele Zuschauer dürfte der Film von Katrin Bühlig eine Zumutung sein. Er taucht 90 Minuten in die Welt von Pädophilen und Sadisten ein, zeigt ihr (relatives) Glück hinter Gittern. So stößt 'Restrisiko' gleich zwei Gruppen vor den Kopf: jene Zuschauer, die es ungeheuerlich finden, dass man Mörder und Vergewaltiger dabei zeigt, wie sie ein würdevolles Leben leben. Aber auch jene, die an eine Heilung der Triebtäter um jeden Preis glauben wollen …"


Sendedaten
Montag, 10. Juli 2017, 22.25 Uhr

"Restrisiko"
Dokumentarfilm von Kathrin Bühlig
Übersicht
Dokumentarfilmzeit
Montags ab 22.25 Uhr: Dokumentarfilme in 3sat
Info
Im Maßregelvollzug (auch Forensik genannt) werden nach Paragraph 63 und 64 des Strafgesetzbuches psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter untergebracht. Maßregelvollzug soll der Therapie und der Sicherung dienen. Davon zu unterscheiden ist die Sicherungsverwahrung gefährliche Straftäter, die fast ausschließlich dem Schutz der Bevölkerung dient. Sie wird nur selten erhängt (2010 waren 521 Männer und drei Frauen in Sicherungsverwahrung).
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