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Der Pygmäen-Junge Samedi besucht New York - die Stadt, aus der sein Vater stammt.
Song from the Forest
Als junger Mann hat der Amerikaner Louis Sarno im Radio einen Gesang gehört, der ihn nicht mehr losließ. Er verfolgte die Spur der Musik bis in den zentralafrikanischen Regenwald und fand dort ihren Ursprung bei den Bayaka-Pygmäen. Er verlor sich im Urwald und kam nicht mehr zurück: "Sie führten mich in ihre Musik ein, im Gegenzug verlangten sie mein Leben. Ich denke, das ist ein fairer Tausch", sagt Sarno.
Schon bald nach seiner Ankunft ging Sarno das Geld aus. Wochenlang fütterten ihn die Jäger und Sammler mit gekochten Kaulquappen, die wie Schlamm schmecken, während sie selbst geröstetes Stachelschwein und in Blut gekochte Antilopen-Innereien verspeisen. Doch Sarno reiste nicht ab. Und so erschlossen sich ihm ganz allmählich immer neue Lebenskreise der Bayaka: nächtliche Gesangs- und Tanzrituale zu Geburt, Initiation und Tod, die Beschwörung der Waldgeister, die Jagd, die komplexen Hierarchien und Verwandtschaftsbeziehungen. Er spürte, dass er keine Wahl mehr hatte: Er musste bleiben.

Samedi und sein Vater Louis  © WDR/Siri Klug Samedi und sein Vater Louis
Louis zeichnete rund tausend Stunden Bayaka-Musik auf © WDR/Siri Klug Louis zeichnete rund tausend Stunden Bayaka-Musik auf
Vater und Sohn in New York © WDR/Siri Klug Vater und Sohn in New York

Er überlebte Malaria, Typhus und Lepra. Verliebte sich in eine Frau, die zwei Köpfe kleiner ist als er und bekam mit ihr zwei Kinder. Er zeichnete rund tausend Stunden Bayaka-Musik auf, um sie für die Nachwelt zu konservieren. 25 Jahre später war Louis ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. Sein Sohn, der 13-jährige Samedi, lag als Baby im Sterben. Louis versprach ihm: "Wenn du überlebst, zeige ich dir eines Tages die Welt, aus der ich komme." Im Jahr 2013 löste er sein Versprechen ein und reiste mit ihm aus dem afrikanischen Regenwald in einen anderen Dschungel aus Beton, Glas und Asphalt - nach New York City. Hier trafen sie auf Familienangehörige und alte Weggefährten wie seinen Studienfreund Jim Jarmusch, in dessen Filmen Dead Man (1995) und Ghost Dog (1999) sich Anklänge an Sarnos Lebensgeschichte finden.

Der Riesenpygmäe besucht New York
© WDR/Siri Klug Louis  überlebte Malaria, Typhus und Lepra und verliebte sich in eine Frau, die zwei Köpfe kleiner ist als er.
Louis überlebte Malaria, Typhus und Lepra und verliebte sich in eine Frau, die zwei Köpfe kleiner ist als er.
Schon bald nach ihrer Ankunft stellte sich heraus: Samedi, der den Regenwald bis dahin nie verlassen hatte und kein Wort Englisch sprach, kam in Amerika sehr viel besser zu Recht als Louis. Die Annäherung an die Welt, die der Vater vergessen wollte und die der Sohn nun eroberte, verlief langsam, leise und mit Rückschlägen. Getragen vom Kontrast zwischen dem Regenwald und dem urbanen Amerika, wuchs das ungleiche Paar unterwegs immer schicksalhafter zusammen. Begleitet hatte sie der deutsche Journalist und Filmemacher Michael Obert. Sein Film "Song from the Forest" erzählt von ihren Siegen, aber auch von ihren Niederlagen. Ein modernes Epos, das am Ende der gemeinsamen Reise von Vater und Sohn auf einen überraschenden Rollentausch zusteuert.

Nach seinem Ausflug in die westliche Welt tauchte Samedi mit seiner Mutter für fünf Wochen in den tiefsten Regenwald ab. "Danach hat der Junge die Reise nie mehr erwähnt. Die Verbindung zum Wald ist viel stärker als die Anziehungskraft, die unsere Welt auf ihn ausübt", sagt Michael Obert.

Bedrohte Welt
Doch die Welt der Bayaka-Pygmäen, der zentralafrikanischen Regenwald, ist stark bedroht. Sägewerke entstehen und große Flächen werden abgeholzt. Der Filmemacher Obert beschreibt es so: "Das ist einer der letzten reich gedeckten Tische der Welt." Das Hauptproblem seien auch die Wilderer und die Holzkonzerne, die Straßen bauten. So werde der Zugang in die abgeschiedenen Regionen leichter. Auf denen folgten dann Glücksritter, Diamantensucher und Lastwagenfahrer. Sie brächten die globalisierte Warenwelt (wie Telefon, Fernsehen und Video) in die Nähe der traditionellen indigenen Gesellschaften. Das bedrohe die Lebensgrundlagen der Waldnomaden, so Obert.

Sehen Sie am Montag, 16. Januar 2017, 22.25 Uhr einen Dokumentarfilm über die Reise des Pygmäen-Junge Samedi und die Musikalische Welt der Bayaka.


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Montag, 16. Januar 2017, 22.25 Uhr

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