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Freitag, 28. April
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Für die einen war sie die "Richterin Gnadenlos", für die anderen die "Mutter Courage" der Berliner Justiz: Kirsten Heisig
Tod einer Richterin
Auf den Spuren von Kirsten Heisig
Kirsten Heisig war Jugendrichterin in Berlin Neuköln. Für ein hartes Durchgreifen bei heranwachsenden Straftätern war sie bekannt und wurde deshalb von der Boulevardpresse auch "Richterin Gnadenlos" genannt. Im Juli 2010 beging die 48-jährige Selbstmord. Wer war Kirsten Heisig? Und warum endete ihr Leben so tragisch?
Schnelle und konsequente Strafverfolgung
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Heisig: Das Jugendstrafrecht reicht vollkommen aus um Härte zu zeigen.
Als Jugendrichterin war Kirsten Heisig für schnelle und konsequente Strafen gegen heranwachsende Straftäter bekannt, besonders wenn es um Gewaltdelikte ging. Sie hatte sich ihren Gerichtsbezirk - Berlin Neukölln - eines der bundesweit bekannten Problemviertel - selbst gewählt und sah ihren Beruf vor allem als Berufung. Der von ihr beobachteten Brutalisierung der Gewaltdelikte, die von Kindern oder Jugendlichen ausgeht, versuchte sie mit Härte zu begegnen.

Ihr Anliegen war es, dass der Tat die Strafe schnell hintenan folgt, sodass die Jugendlichen aus ihren Fehlern lernen können. Das von ihr angeregte "Neukölner Modell" bestand deshalb aus beschleunigten Verfahren: Spätestens vier Wochen nach der Tat sollte das Gerichtsverfahren für kleinere Delikte stattfinden. Auch auf einen Täter-Opfer-Ausgleich wurde im Rahmen des Verfahrens gesetzt.


Raus aus der Amtsstube - rein in die Familie
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Heisig erfuhr sogar Bestätigung aus der türkischen Gemeinde Neuköllns
Durch ihr Buch "Das Ende der Geduld" wurde sie bundesweit bekannt. Besonders den - ihrer Meinung nach - laxen Umgang des Staates mit straffälligen Migranten kritisierte sie vehement. Die strenge Jugendrichterin hatte sich viele Feinde gemacht. Doch Angst zeigte sie nie, weder vor den Vorgesetzten - denen sie ihre Schwerfälligkeit vor Augen führte, noch vor den Familienclans, deren Kinder sie verurteilte.

Kirsten Heisig war auch rast- und ruhelos, wenn es darum ging, mit Lehrern, der Polizei und Sozialarbeitern über auffällige Jugendliche ins Gespräch zu kommen. Die Juristin wollte sich nicht nur mit Paragrafen beschäftigen, sie suchte auch den Kontakt zum Milieu, sprach mit türkischen und arabischen Eltern und mit den Jugendlichen selbst. Die Richterin wusste genau: wenn sich etwas ändern sollte, dann nur mithilfe der Eltern. Deswegen empfing sie für ihr Vorgehen auch Zuspruch aus der türkischen Gemeinde. "Raus aus der Amtsstube" war ein Teil ihres Konzepts. Viele Nachmittage verbrachte sie im Gespräch mit der Polizei, mit Jungendarbeitern, den Opfern und den Familien der Täter. Trotz der Härte, die sie im Gerichtssaal zeigte, war sie keine Verfechterin einer Verschärfung des Jugendstrafrechts: Die Mittel, die den Richtern zur Verfügung stehen, seien vollkommen ausreichend.

Doch die ebenso resolute wie lebensfrohe Karrierefrau, Mutter, Juristin und zuletzt auch Autorin ging bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Heinz Buschkowsky sagte, Kirsten Heisig sei ein Mensch ohne Ausschalter gewesen. Dass sie allem Anschein nach an Depressionen litt und 2008 schon einmal einen Suizidversuch unternommen haben soll, verstand sie geschickt zu verbergen. 2008 war ein schweres Jahr für Kirsten Heisig. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, einem Staatsanwalt. Sie war von zu Hause ausgezogen. Ihre beiden Töchter im Teenager-Alter blieben beim Vater wohnen.


Erschöpft und des Lebens müde?
Dann war Kirsten Heisig plötzlich verschwunden, von Entführung und Mord wurde gemunkelt. Wenige Tage später fand man ihre Leiche. Das Obduktionsergebnis: eindeutig Suizid. Doch warum nimmt sich eine Frau kurz vor Erscheinen des Buches und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere das Leben? Bekam sie genügend Unterstützung? War sie überfordert? Am Freitag 22. März 2013, 20.15 Uhr zeigen wir einen Film von Nicola Graef und Güner Balci, der versucht, der Frau und Richterin näher zu kommen. Er zeigt das Bild einer prominenten und streitbaren Juristin, die viele zu kennen glaubten, und versucht eine Annäherung an eine Frau, von der doch die wenigsten wussten, wie es in ihr aussah.

Literatur:
Kirsten Heisig
"Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter"
Herder 2010
ISBN-13: 978-3451302046

Sendedaten
Freitag 22. März 2013, 20.15 Uhr
Kulturzeit
Bitterer Erfahrungsbericht
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