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Sonntag, 28. August
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Rauch über dem Reaktor 3 von Fukushima am 14.3.2011 - ist es hier zu einer "prompten Kritikalität" in einem Abklingbecken gekommen - also zu einer schnellen und ungeplant Energie freisetzenden Kettenreaktion?
Fukushima und die Wahrheit hinter dem Super-Gau
Wissen wir alles, was im März in den Reaktorblöcken 1 bis 4 des Atomkraftwerks in Fukushima passierte? Die Frage ist berechtigt, denn die Verantwortlichen in Japan haben nichts unversucht gelassen, um die Details und den Umfang der Katastrophe vor der eignen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit zu verbergen.
Der Supergau, der keiner sein durfte
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Bildschirmfoto einer Explosion im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, aufgenommen am 14.03.2011
Am 9. März 14.46 Uhr ereignete sich vor der Küste Japans eines der schwersten, jemals gemessenen Erdbeben. Das Atomkraftwerk Fukushima wurde aufgrund der Erdstöße automatisch schnell-abgeschaltet. Die Belastungen der Erdbewegungen lagen teilweise über dem, was das Kraftwerk verkraften konnte. Doch das schlimmste folgte erst: Mehrere vom Erdbeben ausgelöste Tsunamiwellen - bis zu 15 Meter hoch - zerstörten das Atomkraftwerk so gravierend, dass es in Block 1 bis 3 zu Kernschmelzen kam. Doch die Betreiberfima Tepco, die japanische Atomaufsichtsbehörde und die Regierung versuchten lange, das wahre Ausmaß des Unfalls und seine Ursachen zu vertuschen. Zu einem Zeitpunkt, als ausländischen Experten schon davon ausgingen, dass die Lage außer Kontrolle geraten war und es zu einer Kernschmelze gekommen sein musste, verlautbarten die offiziellen stellen beschwichtigende Statements. Die Atomaufsicht Nisa bestritt noch Monate später, dass es zu Kernschmelzen gekommen sei. Ein unglaublicher Vorgang, der selbst die unzureichende Informationspolitik der UdSSR bei dem Reaktorunglück von Tschernobyl in den Schatten stellte.

Werden noch heute wichtige Details zurückgehalten?
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Feuerwehrleute verteilen Wasser über dem Gebäude des Reaktor Nr. 3 in Fukushima.
Bis heute besteht der Verdacht, dass die Verantwortlichen in Japan die Details und das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe verbergen wollen. Nahezu reflexartig sprang die Maschinerie des Abwiegelns und der Verschleierung an, versuchten Betreiber, Regierung und Aufsichtsbehörden das wahre Ausmaß der Katastrophe herunterzuspielen. Erst mit wochenlanger Verzögerung gestanden die Verantwortlichen ein, dass es einen atomaren Unfall gegeben hatte, der in den Dimension mit der Katastrophe von Tschernobyl vergleichbar ist.

Doch kennen wir heute tatsächlich das ganze Ausmaß dieser nuklearen Apokalypse? Es gibt Anhaltspunkte, dass die Verantwortlichen in Japan bis heute einige, wichtige Details und das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe verbergen. Vor allem die extrem heftige Explosion in Reaktorblock 3 lässt Experten wie Professor Yukio Yamaguchi von der Universität Tokyo vermuten, dass es sich auch um eine nukleare Explosion handelte. Bisher war man davon ausgegangen, dass sich "nur" Wasserstoffexplosionen ereigneten, die Brennelemente in den Reaktorkernen und Abklingbecken zwar geschmolzen aber nicht explodiert seien. Die Annahme von Professor Yamaguchi wird vom Nuklearingenieur Arnold Gundersen gestützt: Auf Bildern sei über Reaktor 3 einen hellen Blitz zu sehen, und die Explosion sei wesentlich stärker gewesen als die Wasserstoffexplosion von Reaktor 1. In Block 3 sei sehr viel mehr Energie freigesetzt worden.


Hat es eine unkontrollierte Kettenreaktion gegeben?
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Der Screenhsot eines Videos, das von der japanschen AKW-Betreiberfirma Tepco aufgenommen wurde (17.03.2011)
Auch die Amerikanische "Nuclear Regulatory Commission" vermutet früh, dass es sich bei der Explosion in Block 3 um Dramatischeres handelte, als nur um eine chemische Wasserstoffexplosion. In einer internen Mail heißt es bereits am 25. März 2011, dass die Menge an Dampf eher auf Wärmeenergie aus einem radioaktiven Zerfallsprozess hindeutet. Wörtlich heißt es: "Das kann wirklich nukleare Hitze von einer unerwünschten Kritikalität sein."

Es könnte sein, dass sich im Abklingbecken im oberen Stockwerk des Reaktorgebäudes 3 eine "prompte Kritikalität" ereignet hat – also eine schnelle, kurzfristig stattfindende und ungeplant Energie freisetzende Kettenreaktion. Diese könnte durch eine kurz zuvor sich ereignende Wasserstoffexplosion ausgelöst worden sein. Ist das der Fall, so ist weitaus mehr hoch radioaktives Material aus den dort lagernden Brennstäben in die Umwelt gelangt, als bisher angenommen. Anhaltspunkte dafür sind auch die Analysen von Luftfiltern von Motoren aus Japan. Diese legen nahe, dass 200 Km vom Reaktor viel größere Mengen Radioaktivität aufgetreten sind, als von der Regierung eingestanden. Plutonium 238 sei 45 Km von den Reaktoren entfernt gefunden worden. Das sei ein starkes Indiz für eine nukleare Explosion. Doch Tepco bestreitet, dass es zu einer Kettenreaktion in einem Abklingbecken gekommen sei.


Gefahren werden massiv heruntergespielt
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Das zerstörte Gebäude des Reaktor 4 des AKW Fukushima Daiichi
In kaum einem Land der Erde war der Glaube an die Sicherheit der Kernenergie so tief verwurzelt wie in Japan. In kaum einem anderen Land der Erde ist die Verflechtung zwischen Nuklearindustrie, Regierung und Aufsichtsbehörden so stark wie in Japan. Bis heute gaukeln die japanische Regierung und die Betreibergesellschaft Tepco der Öffentlichkeit vor, die Lage in den zerstörten Reaktoren kontrollieren zu können. Gleichzeitig spielen sie die Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung massiv herunter. Kritische und unabhängige Journalisten werden unter druck gesetzt und kaltgestellt.

Ein jüngeres Beispiel für die Desinformation: Ende 2011 wurde der Cold Shutdown durch die Regierung verkündet. Diesen Zustand erreicht zum Beispiel ein abgeschaltetes AKW nach mehreren Wochen, nachdem es heruntergefahren wurde. Die Temperatur im Reaktor beträgt dann unter 100 °C. Doch Experten, wie das Mitglied der Untersuchungskommission über die Reaktorkatastophe Hitoshi Yoshioka, bezweifel, dass die Voraussetzungen dafür stimmen. Bei zerstörten Druckbehältern könne man nicht von einem "Cold Shutdown" reden, so Yoshioka. Eine ausgebrannte, mehrfach explodierte, vollkommen verwüstete Atomanlage mit einem geschmolzenen Reaktorkern als "heruntergefahren kalt" zu bezeichnen, ist wohl tatsächlich fragwürdig.


Was ist in den Reaktorblöcken tatsächlich passiert?
Der Film von Peter F. Müller, Michael Mueller und Philipp Abresch, den Sie am Mittwoch, 6. März 2013, 20.15 Uhr sehen können, geht der Frage nach, was in den Reaktorblöcken 1 bis 4 des Atomkraftwerks in Fukushima tatsächlich passiert ist und inwieweit die Verantwortlichen in Japan die Details und den Umfang der Katastrophe vor der eignen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit verborgen haben und bis heute verbergen. Mit Hilfe internationaler Experten analysieren die Autoren die tatsächlichen Abläufe in Fukushima am Tag der Havarie und in den Wochen danach und zeichnen ein Bild des Krisenmanagements und der Krisen-PR der japanischen und internationalen Atomlobby, die alles daran setzt, dass auch nach dem Super-Gau in Japan das globale Multimilliardendeschäft mit der Kernenergie weitergehen kann. Die Dokumentation zeigt, wie das Zusammenspiel der japanischen und internationalen Atomlobby funktioniert und wie selbst die internationalen Aufsichtsbehörden das Spiel mit der vermeintlich sicheren Atomkraft mitspielen.

Sendedaten
Mittwoch, 6. März 2013, 20.15 Uhr
Kulturzeit
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