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Samstag, 17. November
Starten Sie das interaktive Special © Lufthansa/SWR
Vor 35 Jahren wurde die Lufthansa-Maschine Landshut entführt. Starten Sie das interaktive Special und sehen Sie die Landshut-Entführung aus Sicht der Geiseln.
Im fliegenden Sarg
Die Landshut-Entführung aus Sicht der Geiseln
"Man sitzt in einem kleinen Sarg. Ein Außenstehender kann sich nicht vorstellen, wie so was ist", beschreibt die Stewardess Gabriele von Lutzau (ehem. Dillmann) in einem Interview die Situation der Menschen an Bord der Lufthansa-Maschine Landshut, die im Oktober 1977 entführt worden sind. Die 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder, die sich in der Gewalt von palästinensischen Terroristen befanden, schwebten 108 Stunden zwischen Leben und Tod.
Pistolen, Handgranaten und Plastiksprengstoff
© dpa Lupe
Die Landshut auf dem Flughafen von Dubai. Am Fenster des Cockpits ist einer der Entführer mit einer Waffe in der Hand zu sehen.
Die Entführung der Landshut beginnt am 13. Oktober 1977. Die Passagiere befinden sich auf dem Heimflug von Mallorca nach Frankfurt, als vier palästinensische Terroristen die Maschine in ihre Gewalt bringen. Es sind fünf Wochen vergangen, seit Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt wurde. Das palästinensische Terrorkommando will die RAF-Terroristen in Deutschland unterstützen. Den vier Entführern ist es gelungen, versteckt in einem Kosmetikkoffer und einem Radio, zwei Pistolen, vier Handgranaten und etwa 500 Gramm Plastiksprengstoff an Bord zu bringen. Damit drangsalieren und schikanieren sie auf einer 108 Stunden dauernden Odyssee die Insassen der Landshut.

Unheilige Allianz zwischen RAF und Palästinensern
Lupe
Die Boeing Landshut steht am 14.10.1977 auf dem Rollfeld des Flugplatzes von Dubai.
Zunächst zwingen die Entführer die Piloten, in Rom zwischenzulanden, um die Maschine aufzutanken. Der Anführer Zohair Youssif Akache, der sich selbst "Kapitän Mahmud" nennt, verkündet die Forderungen: die Freilassung von elf in Deutschland inhaftierten RAF-Mitgliedern und zweier Gesinnungsgenossen aus der türkischen Haft sowie 15 Millionen US-Dollar Lösegeld.

Von Rom aus fliegt die Maschine über Larnaka und Bahrain weiter nach Dubai. Über Funk gelingt es dem Piloten Jürgen Schumann durch einen Trick, den Behörden Informationen über die Anzahl der Entführer mitzuteilen, doch die Entführer bekommen davon Wind. Der Anführer droht Schumann zu erschießen. Wenn das Flugzeug tagsüber auf den Rollfeldern in der Wüste steht, herrschen Temperaturen bis zu fünfzig Grad. Die hygienischen Verhältnisse an Bord sind katastrophal. Mit Schlägen und Tritten halten die Terroristen ihre Geiseln in Schach. Nach dem Auftanken fliegt die Landshut weiter nach Aden, wo jedoch alle Landebahnen auf Anweisung der Regierung mit Militärfahrzeugen blockiert sind.


Die Piloten müssen neben der Bahn landen
© dpa Lupe
Hans-Jürgen Wischnewski führte die Verhandlungen in Mogadischu
Fast ohne Treibstoff entscheiden die Piloten, auf einem Sandstreifen neben der Startbahn notzulanden. Nach dem gefährlichen Manöver erlauben die Entführer dem Kapitän das Verlassen des Flugzeugs, um dessen Zustand zu prüfen. Jürgen Schumann kehrt erst nach einiger Zeit zum Flugzeug zurück. Der Kapitän hat offenbar versucht, die lokalen Behörden davon zu überzeugen, den Weiterflug der möglicherweise beschädigten Maschine zu verhindern. Die jemenitischen Behörden bringen Schumann jedoch zurück ins Flugzeug. Mahmud erschießt Schumann im Mittelgang des Flugzeugs mit einem Kopfschuss.

Mogadischu wird der letzte Akt des Dramas
© SWR Lupe
Kopilot Jürgen Vietor
Nach dem neuerlichen Auftanken startet der Kopilot Jürgen Vietor die Maschine und fliegt die somalische Hauptstadt Mogadischu an. Die Leiche des Piloten ist mit an Bord. In Mogadischu wird sie über eine Notrutsche aus dem Flugzeug geschafft. Es ist allen Beteiligten bewusst, hier in Mogadischu wird der letzte Akt des Dramas stattfinden. An einen Weiterflug ist nicht mehr zu denken: Der Zustand der Maschine ist zu schlecht. Die Entführer setzten ein Ultimatum bis 15 Uhr MEZ, um die RAF-Mitglieder zu entlassen. Die Terroristen treffen alle Vorbereitung zur Sprengung der Maschine, übergießen die Passagiere mit Alkohol aus dem Duty-free-Verkauf und machen die Sprengkörper scharf.

Die geglückte Befreiung grenzt an ein Wunder
© dpa Lupe
Befreite Geiseln verlassen auf dem Frankfurter Flughafen das Flugzeug
Was die Entführer nicht ahnen: Seit Tagen fliegt ihnen in einer Sondermaschine ein Spezialkommando der GSG9 hinterher. Nach langen Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und dem somalischen Staatspräsidenten bekommt die deutsche Spezialeinheit des damaligen Bundesgrenzschutzes den Auftrag, die Maschine zu stürmen. Die Entführer werden getäuscht, um die Zeit für die Vorbereitungen zu gewinnen. Angeblich würde die Bundesregierung auf die Forderungen eingehen, benötige aber für die Überführung der RAF-Gefangenen nach Mogadischu mehr Zeit.

Mit Leitern schleichen die Mitglieder der Eliteeinheit im Schutz der Dunkelheit erst unter die Maschine, dann an die Türen. Um 0.05 Uhr MEZ beginnt der Sturm über alle Notausgänge. Drei der vier Geiselnehmer sterben bei dem Schusswechsel - doch wie durch ein Wunder wird keine der Geiseln lebensbedrohlich verletzt. Alles geht so schnell, dass die Flugzeuginsassen kaum wissen, wie ihnen geschieht.


Die ehemaligen Geiseln berichten
Beate ZerbstLupeBeate Zerbst
Cäcilie Meijer-WernerLupeCäcilie Meijer-Werner
Hannelore PieglerLupeHannelore Piegler
Hartwig FabyLupeHartwig Faby
Karl HankeLupeKarl Hanke

Hauchdünne Grenzlinie zwischen Leben und Tod
© SWR Lupe
Hannelore Piegler, die Chefstewardess der Landshut
Sehen Sie am 17. Oktober 2012, 20.15 Uhr den Dokumentarfilm "Im fliegenden Sarg - Die Landshut-Entführung aus Sicht der Geiseln" von Ebbo Demant und Ingo Helm (2012). Dieser neue Dokumentarfilm besteht zum großen Teil aus Interviews mit den damaligen Geiseln.

Was machten die Demütigungen durch die Terroristen, die Erschießung des Kapitäns und das Zittern von Ultimatum zu Ultimatum mit ihnen? Weshalb glaubten sie, von der Welt vergessen worden zu sein? Hatten sie Angst vor dem Tod? Die Gespräche mit den Geiseln wurden 1980, also relativ kurz nach dem Ereignis, von dem Dokumentarfilmer Ebbo Demant geführt. Die zeitliche Nähe, aber auch die empathische Gesprächsatmosphäre, sorgen für eine Authentizität der Schilderungen, die bei späteren Produktionen über die Entführung nicht mehr erreicht wurde. Ingo Helm, als Filmemacher im Umgang mit historischen Stoffen vielfach ausgewiesen, hat aus Demants komplettem Material, einen Film komponiert, der unter die Haut geht. Durch seine Montage wird die teils unerträgliche Spannung, die auf den Geiseln lastete, neu erlebbar. Neben den körperlichen und psychischen Leiden stehen Reflexionen an einer hauchdünnen Grenzlinie zwischen Leben und Tod.


Ängste, Fassungslosigkeit und Wut
© SWR Lupe
Das Archivmaterial von 1980 wird gesichtet und neu geschnitten
Für den Film "Im fliegenden Sarg" konnte der Autor Ingo Helmaus dem kompletten Material der Interviews von Ebbo Demant schöpfen. 35 Jahre nach der Entführung des Flugzeugs versucht nun seine Produktiondas, "was man sich nicht vorstellen" kann, erfahrbar zu machen. Mit zum Teil noch nie gezeigten Gesprächen und Ausschnitten aus den damaligen Nachrichtensendungen verfolgt der Dokumentarfilm die Odyssee der Landshut – von Mallorca über Rom, Dubai, Aden bis nach Mogadischu und der Befreiung dort am 18. Oktober – konsequent aus Sicht der Geiseln. Sie erzählen von ihren Gefühlen und Ängsten, von ihrer Fassungslosigkeit und ihrer Wut auf die Entführer und die deutsche Regierung, die scheinbar nichts getan hat.

Zwischen den Interviews werden Ausschnitte aus den damaligen Nachrichtensendungen "Tagesschau" und "heute" gezeigt, ebenso wie Teile des Materials, das der ARD-Nahostkorrespondent Kurt Stenzel seinerzeit aus Mogadischu mitgebracht hat.


Sendedaten
Mittwoch, 17. Oktober 2012, 20.15 Uhr
Themenwoche
Der Deutsche Herbst
Vom 14. bis 17. Oktober 2012
Link
"Operation Feuerzauber"
Die GSG 9 befreit die Geiseln in Mogadischu [SWR]
DVD-Hinweis
Die DVD zum Film ist ab dem 30. November 2012 im Handel erhältlich.
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