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Montag, 26. September
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Die Welt auf Pump
Reißen uns die Schulden in den Abgrund?
Es ist eine verrückte Welt: Jährlich werden Güter und Dienstleistungen im Wert von über 56 Billionen Euro produziert. Die Umsätze der Börsen mit Aktien sind geringfügig geringer. Doch unglaubliche 810 Billionen Euro bewegen die Devisenhändler, und auf den hoch-riskanten Derivatemärkten werden jährlich 569 Billionen Dollar umgesetzt.
Spekulation überflügelt Wirtschaft um ein Vielfaches
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Auf der Mitgliederversammlung von Finance Watch
Das Geld, welches in spekulativen Derivaten und Devisen steckt, überseigt heute die Realwirtschaft um ein Vielfaches. Doch das war nicht immer so. Erst seit Mitte der 1980er Jahre ist das Verhältnis zwischen Realwirtschaft und Finanzmarkt aus den Fugen geraten. Davor war es meist so, dass die Banken der Wirtschaft "dienten". Brauchte ein Unternehmer Geld, gab er Wertpapiere heraus. Verkaufte er Maschinen ins Ausland, tauschte die Bank Devisen und sicherte die Risiken der Währungsschwankungen ab. Mitte der 1980er Jahre setzt mit Ronald Reagan und Margret Thatcher die Deregulierung der Kapitalmärkte ein. Dementsprechend explodierten die Aktienkurse und stiegen z.B. in den USA um das Dreizehnfache. Dazu sanken die Zinsen, zu denen sich die Banken beim Staat Geld leihen konnten, seit 1996 auf ein bis dahin beispielloses Rekordtief. All das führte dazu, dass die spekulativen Märkte anschwollen.

Deutschland: täglich 80 Mio. Euro neue Schulden
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Grafik zur Relation zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft
Vor 20 Jahren betrug die gesamte Wertschöpfung der Wirtschaft weltweit 15 Billionen Euro. Circa 1,5 Billionen Euro steckten in spekulative Produkte der Finanzwirtschaft, also ein Zehntel des Gesamtbetrags. 2010 betrug die Wertschöpfung der Weltwirtschaft ungefähr 50 Billionen Euro. Die spekulativen Finanzmärkte stiegen aber auf 500 Billionen Euro. Das heißt: Während sich die Wertschöpfung der Weltwirtschaft verdreifacht hat, ist die der spekulativen Finanzwirtschaft um das Dreihundertfache gestiegen.

Dazu kommt, dass sich die Staaten an den Geldmärkten auch einen guten Schluck aus der Pulle der billigen Kredite genehmigten. Die Staatsverschuldung stieg mit der Einheit Deutschlands auf ein extremes Maß an. Auf jedem Deutschen lastet eine Staatsschuld von fast 26.000 Euro. Weltweit stehen die Industrieländer mit 55 Billionen Euro in der Kreide. Die Stadt Oberhausen muss jeden Tag 400.000 Euro neue Schulden aufnehmen, Deutschland verschuldete sich täglich mit 80 Millionen Euro, und die Vereinigten Staaten nehmen täglich eine halbe Milliarde an neuen Krediten auf.


Gefahr für Gemeinwesen und die Demokratie
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Rathaus von Oberhausen - eine der am höchsten verschuldeten Städte Deutschlands.
Wer die Gläubiger sind, darüber gibt es keine genauen Angaben. Die Bundesbank schätzt, dass Deutschland vorwiegend bei Kreditinstituten im In- und vor allem Ausland verschuldet ist. Privatleute, Sozialversicherungen, Bausparkassen und Versicherungen stellen nur einen kleinen Teil der Gläubiger dar.

Die Staatsverschuldung und die Dominanz der Finanzoligarchie ist eine Gefahr für unser Gemeinwesen und die Demokratie, urteilt der kritische Wirtschaftsexperte Prof. Max Otte. Es gäbe einfach zu viel Geld auf den Finanzmärkten: Die Geldgeber beherrschen die Realwirtschaft. "Es kann nicht angehen, das Finanzmärkte sich verselbstständigen und der Politik diktieren, was gut für sie ist," sagt auch Andreas Botsch, Mitglied von Finance-Watch, einer Vereinigung kritischer Finanzexperten. Auch der Mittelstand beklagt sich inzwischen bitter. Ihre Hausbanken würden immer strenger, was die Vergabe von Krediten anbelangt: Derjenige, der kein Geld braucht, dem werden die Milliarden hinterher geschmissen. Der Mittelstand, der in neue Maschinen und Arbseitsplätze investiert, hat große Probleme, auch nur einen kleinen Kredit zu bekommen.


Kein Naturereignis, sondern Konsequenz von Fehlern
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Oberhausen
Wie wurde die Welt zum finanziellen Tollhaus? Darauf gibt es Antworten, die gar nicht so kompliziert sind. Und Fragen in die Zukunft: Kommen die Industriestaaten je wieder raus aus den Schulden? Deutschland, die USA, Japan? Kommt der große Crash? Gibt es eine Hyperinflation? Hilft nur noch ein Schuldenschnitt? Wer bezahlt am Ende die Zeche?Die Dokumentation von Tilman Achtnich und Hanspeter Michel, die Sie am Freitag, 6. Juli 2012, 20.15 Uhr sehen können führt zu den Personen, die mit den Schulden kämpfen: zum Stadtkämmerer von Oberhausen, der deutschen Schuldenhochburg. Zu einer Familie in den USA, der die Bank zwei Drittel ihres Einkommens für Zins und Tilgung des Hauskredits abnahm. Zu einem früheren schwäbischen Banker, der sich fragt, wie Verantwortung, Moral und Augenmaß in der entfesselten Finanzwelt unter die Räder gekommen sind. Die Welt auf Pump ist kein Naturereignis - sie ist die Konsequenz einer entfesselten Finanzbranche und vieler menschengemachter Fehler.


Adam Fergusson, "Das Ende des Geldes" von: Max Otte, FinanzBuch VerlagISBN 978-3-89879-627-9

"Die Krise hält sich nicht an Regeln", Max Otte im Gespräch mit Thomas Helfrich, Verlag: Econ, ISBN: 987-3-430-20112-4

"Schulden ohne Sühne?", von Kai A. Konrad / Holger Zschäpitz, Verlag: C.H.Beck, SBN: 978-3-406-60-688-5

"Das Gespenst des Kapitals", von Joseph Vogl, Verlag: Diaphanes, ISBN: 978-3-03734-116-2

"Wir sind viele", von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung Edition Streitschrift


Sendedaten
Freitag, 6. Juli 2012, 20.15 Uhr
Mediathek
"Die Welt auf Pump"
Sendung in der ARD-Mediathek (43 Min.)
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