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Gewalt als Handlungsoption - hier in der Region Donetsk in der Urkaine: ein Mitglied der "Selbstverteidigungskräfte der Volksrepublik Donezk" Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.)
Immer wieder Krieg?
Peter Voß fragt Sönke Neitzel
Ist es eine Ideologie wie Faschismus und Stalinismus, die aus braven Bürgern gewalttätige Bestien macht? Ist es die Persönlichkeit, die brutale Exzesse zulässt oder verhindert? Der Historiker Sönke Neitzel forscht über Kriege und Gewalt. Er ist der erste und einzige Professor für Militärgeschichte in Deutschland.
Wie kommt es dazu, dass die Handlungsoption "Gewalt", die in der zivilisierten Gesellschaft zurecht geächtet ist, in bestimmten Situationen als einziger Ausweg erscheint? Der Historiker Sönke Neitzel ist ein Experte für die Geschichte des Krieges und der Abgründe der menschlichen Psyche. Als Deutscher forscht Neitzel zu dieser Frage vor allem am Beispiel des Zweiten Weltkriegs: Wehrmachtsangehörige und Soldaten der SS, oft selber oft Väter, massakrierten wehrlose Zivilisten, Frauen und Kinder. Der Frage nach dem "Warum" ging er unter anderen in seinen Büchern "Abgehört" (2005) und "Soldaten" (2011) nach. Eindrucksvoll wird darin auch die Legende von der "sauber" gebliebenen deutschen Wehrmacht widerlegt.

Erschreckende Einblicke: deutsche Kriegsverbrecher unter sich
© dpa Sönke Neitzel forscht über Kriege und Gewalt.
Sönke Neitzel forscht über Kriege und Gewalt.
Dafür hatte Neitzel erstmals die Abhörprotokolle des britischen Geheimdienstes aus dem Kriegsgefangenenlager "Trend Park" ausgewertet. Dieses Camp war eine Einrichtung der Engländer, in der sie deutsche Offiziere und hohe Militärs nach mehreren eingehenden Befragungen zur näheren "Beobachtung" einquartierten. Die Räumlichkeiten des Camps waren alle verwanzt. Von dem Abhören der ausgewählten Soldaten versprachen sich die Engländer wichtige militärische Geheimnisse für den noch tobenden Weltkrieg. Alles Wichtige wurde auf Wachsplatten mitgeschnitten und transkribiert. Auch die Amerikaner hatte eine solche Einrichtung.

"Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht"
© dpa Gewaltdarstellung im Theater - "Gewalt ist immer eine Handlungsoption", sagt Sönke Neitzel.
Gewaltdarstellung im Theater - "Gewalt ist immer eine Handlungsoption", sagt Sönke Neitzel.
Sönke Neitzel interessierten nicht die Kriegsgeheimnisse, als er diese 150.000 Seiten umfassenden Transkripte im britischen Nationalarchiv fand. Er war an der Mentalitätsgeschichte der deutschen Militärelite im Zweiten Weltkrieg interessiert. Zügellos und prahlerisch unterhielten sich die Soldaten, was ihnen an dem Krieg gefiel: Völlig enthemmt sprachen sie von Gewaltexzessen an Gefangenen, von Kriegsverbrechen und vom Vergnügen, das die Gewalt den Tätern bereitet. "Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht", ist da bei einem Piloten zu lesen, der Zivilisten abschoss. Neitze betont in seiner Analyse, dass die Ideologie des Nationalsozialismus nur einen geringen Anteil daran habe, dass die Männer Kriegsverbrechen begingen. Viel mehr sei das Umfeld wichtiger, das Corp von Soldaten und deren Grad an Verrohung. Der Professor an der Universität Potsdam erläutert immer wieder, das Gewalt und Krieg nichts ist, was über einen Menschen als Täter hineinbricht, sondern "die Gewalt gehöre zur Grundausstattung der menschlichen Gattung, sie widerspreche der Kultur nicht, sie sei ein Teil von ihr."

Ausgang des Referendums in Großbritannien richtig vorhergesagt
Als Historiker ist Neitzel auch ein scharfsinniger Analytiker unserer Gegenwart. Er hat als einer der wenigen den Ausgang des Referendums in Großbritannien vorhergesagt, während die meisten Experten davon ausgingen, dass die Mehrheit der Wähler für den Verbleib in der EU votieren würden. Er nimmt unter anderem auch Stellung zu den deutschen Militäreinsätzen in Afghanistan und den Waffenlieferungen nach Saudi Arabien.

Der Öffentlichkeit ist Neitzel vor allem aus dem Fernsehen bekannt. Als Fachberater ist er seit 1996 regelmäßig für Redaktionen von historischen Fernsehdokumentationen tätig. Er war unter anderem auch für die Filme "Stauffenberg", "Die wahre Geschichte" (2009), "Rommel" (2012) und "Unsere Mütter, unsere Väter" (2013) tätig. Neitzel ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge. Sehen Sie am Sonntag, 28. August 2016, 13.30 Uhr eine Sendung, in der Peter Voß den Gewaltexperten Sönke Neitze fragt: "Immer wieder Krieg?".


Literatur:
Sönke Neitzel: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 978-3-549-07261-5.

Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-089434-2.


Sendedaten
Sonntag, 28. August 2016, 13.30 Uhr
Info
Peter Voß fragt ...
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