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Der Historiker Dan Diner verknüpft in seinem Werk europäische Geschichte und mit der des Nahen und Mittleren Ostens.
Peter Voß fragt Dan Diner
Die Atmosphäre ist eisig: Die Vertreter Deutschlands betreten den Saal, fünf Minuten nach denen Israels. Dieses wurde so verabredet, damit die Delegationen sich nicht die Hand zur Begrüßung geben müssen. Der Handschlag, diese nonverbale, körperliche Geste, die zum Ausdruck der friedlichen oder freundlichen Gesinnung ausgeführt wird, ist schon zu viel. Kein "Guten Tag" wird gewünscht; keine Begrüßung formuliert. Die Israelis haben auf diese Choreographie der Distanz bestanden. Wir schreiben das Jahr 1952, als die Deutschen und die Israelis das erste Mal nach der Shoa in dieser Atmosphäre aufeinander treffen.
Die "Rituelle Distanz" lautet der Titel des neusen Buches des deutschen Historikers Dan Diner, das passend zum 50. Jahrestags der Aufnahme diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel erschien. Das Zusammentreffen der beiden Gruppen von Diplomaten vor 50 Jahren fand zu dem Zweck statt, ein Wiedergutmachungsabkommen auszuhandeln. Die Deutschen, die in einem beispiellosen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg 5,6 Millionen europäische Juden ermordeten, waren bestrebt, sich dem Staat Israel und den Juden anzunähern.

Viele Israelis lehnen "Blutgeld" ab
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Dan Diner
Die Israelis ihrerseits mussten in den 1950er Jahren zahlreiche Zuwanderer aufnehmen und waren deswegen finanziell überlastet. Sie traten an die Bundesregierung heran, um die Lasten der Emigration der Holocaustüberlebenden nach Israel zu verteilen. Teile der Bevölkerung Israels lehnten die Verhandlungen prinzipiell ab. Die Ehre Israels würde befleckt, und die Würde der Opfer missachtet, wenn sich die Mörder mit "Blutgeld" von ihrer Schuld loskaufen könnten. Das israelische Parlament diskutierte drei Tage lang hitzig über die Kontaktaufnahme.

Adenauers Partei verweigerte teilweise die Zustimmung
Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer war bereit, bilaterale Gespräche aufzunehmen. Er ging auch auf eine Vorbedingung der Israelis ein und gab im Bundestag eine förmliche Erklärung zur Bereitschaft der Wiedergutmachung ab. Teile der CDU weigerten sich allerdings, ihm zu folgen und die oppositionelle SPD sorgte für die nötige Mehrheit im Parlament. So kam es zu dem denkwürdigen Aufeinandertreffen der Delegationen im März 1952. Dan Diner beschreibt in seinem Buch aber auch, dass die Distanz nicht lange aufrecht erhalten werden konnte. Die beiden Delegationen vereinte nicht nur das Band der Deutschen Sprache. Diese Ambivalenz zwischen "Ablehnung und Anlehnung zeichnet das jüdisch-israelische Verhältnis Deutschland gegenüber aus", so Diner. Kaum ein anderer Wissenschaftler kennt sich so gut im Verhältnis beider Staaten aus wie er.

Ein international gefragter Wissenschaftler
Auf Grund seines Namens wird häufiger für einen Amerikaner gehalten, doch Diner, 1946 als Sohn einer osteuropäisch-jüdischen Familie geboren, wuchs in Israel und Deutschland auf. Er studierte Rechtswissenschaften, Orientalistik und Sozialwissenschaften in Frankfurt am Main und promovierte 1973 in Völkerrecht. 1980 folgte die Habilitation.Dan Diner gehört zu den international gefragtesten Wissenschaftlern auf dem Gebiet. Seine Forschungs- und Themenschwerpunkte liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, des Nahen Ostens, der deutschen Geschichte, insbesondere des Nationalsozialismus und des Holocaust sowie der jüdischen Geschichte. "Aus dem vermeintlich engen Blickwinkel jüdischer Geschichte heraus erschließt sich eine umfassende europäische Perspektive", sagt Diner. Und so warnt er auch vor den Folgen einer Desintegration der Europäischen Gemeinschaft. Er analysiert die Umbrüche und Konflikte der Gegenwart und beschäftigt sich mit der deutschen Frage und der europäischen Idee. Sehen Sie am 17. Juli 2016, Uhr Dan Diner in der Sendung "Peter Voß fragt....".

Sendedaten
Sonntag, 17. Juli 2016, 13.30 Uhr

Peter Voß fragt Dan Diner: Zerbricht Europa?

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