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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Harald Martenstein: "Ich glaube, man darf als Autor keine Angst davor haben, moralisch ambivalent zu sein." Sehen Sie die Sendung (45 Min.) in der Mediathek.
Der Gutmensch - eine Landplage?
Peter Voß fragt Harald Martenstein
Kolumnisten sind die Hippies des Journalismus: Einmal pro Woche arbeiten sie einen Vormittag und haben den Rest der Woche frei, so die Vorurteile der Kollegen. Einfach Sachen aufschreiben, die einem auffallen oder über die man sich ärgert, das muss der beste Job auf Erden sein. Während Otto-Normal-Menschen einen Beschwerdebrief an die Bahn schreiben, weil ihr ICE drei Stunden Verspätung hatte, schreiben Kolumnisten den Text darüber für ihre Zeitung. Den Rest der Woche liegen Kolumnisten mit einem Joint auf dem Sonnendeck des Lebens
Ein solcher, überaus erfolgreicher Kolumnist ist Harald Martenstein. Mit seinen langen Haaren und schmalen Statur sieht er fast so aus, als würde er gerne mal einen Durchziehen. Auch wenn Martenstein für liberalere Drogengesetze plädiert; dass er kifft, ist unwahrscheinlich. Denn Haschisch macht milde, damit kann man wunderbar Nachrufe auf Verstorbene schreiben, aber keine Kolumnen. Vor allem keine so guten und so bissigen wie es Martenstein seit vielen Jahren im Magazin der "Zeit" macht.

Kolumnisten müssen im Wind stehen können
© dpa Lupe
2007 erhielt Harald Martenstein den Corine Buchpreis.
Dabei ist auch seine politische Agenda nicht die eines "linken", kiffenden Gutmenschen. Obwohl in seinen Jungendjahren Mitglied der DKP, nimmt Marteinstein gerne die Position des vermeintlich konservativen Machos ein: Er polemisiert gegen die überbordende "Sozialindustrie", gegen Radfahrer, Vegetarier, Genderforschung und die Frauenquote. Er verteidigt die Reichen, die zu "Volksfeinden" geworden seien. Er habe sich darauf eingerichtet "im Wind zu stehen", wer das nicht aushalte, dürfe kein Kolumnist sein.

Wachsende Sehnsucht nach Meinungsvielfalt
Martenstein ist überaus authentisch. Er kennt die Befindlichkeiten seiner linksliberalen, leicht angeökten, Saab fahrenden Leserschaft sehr gut. Er reibt sich an den politischen Überzeugungen seiner Klientel. Nicht nur weil er in diesen Kreisen verkehrt, sondern weil er - auch der Eindruck drängt sich dem Leser auf - gedanklich nicht so weit von ihnen entfernt ist oder war. "Na ja, wenn du so Allerweltssachen schreibst, zum Beispiel 'Krieg ist schlecht' oder 'Armut ist schlimm', wird dir jeder zustimmen. Meine Aufgabe als Kolumnist sehe ich schon darin, mich auch mal ein bisschen neben den Mainstream zu stellen", sagte er in einem Interview. Und andere attestieren ihm, er habe "eine amüsante wie erhellende Blickfeld-Erweiterungen zu bieten, als Übungen im Pluralismus, ohne ideologische Verbissenheiten."

Was, wenn es die DDR heute noch geben würde?
Aus scheinbar banalen Begebenheiten macht er überraschende Texte, bürstet seine Themen gegen den Strich. Kluge Gedanken um Nebensachen und Alltäglichkeiten sind das, irgendwo zwischen "Ikea", "Veggie-Tag" und "Altersvorsorge". Diese Kolumnen haben ihn und seinen besonderen Sound deutschlandweit berühmt gemacht. Doch der umtriebige Martenstein arbeitet keineswegs nur einen Vormittag in der Woche. Der Vielschreiber ist neben seiner wöchentlichen Kolumne in der "Zeit" auch Redakteur und Kolumnist beim "Tagesspiegel" und schreibt Bücher und Romane, wie "Schwarzes Gold aus Warnemünde", dass er gemeinsam mit Tom Peuckert verfasste. In einem Art Gedankenexperiment fragen die beiden, was wäre, wenn es die DDR heute noch geben würde.

"Erdölsozialismus" kehrt die Verhältnisse um
"Schwarzes Gold" steht für das Erdöl, das 1998 in der Ostsee vor Warnemünde gefunden wurde. Der Roman beginnt mit einer Pressekonferenz von Günter Schabowski, der die freudige Nachricht verkündet und auch im Roman den berühmte Nachsatz: "So weit ich weiß, gilt das ab sofort. Unverzüglich" sagt.

Es ist ein Buch dass die Verhältnisse zwischen Ost und Westdeutschland umkehrt: Die DDR schwimmt wegen des Öls im Geld und die Wessis machen rüber zum Arbeiten. Das sind die Stärken von Martensteins Texten. Sie stellen alles auf den Kopf und haben dabei immer auch einen selbstironischen Blick auf die eigenen Person und die Profession des Journalismus, auf Eitelkeiten und Verführbarkeit.


Mario Barth für Zeit-Leser?
Zur DDR und den Ossis hatte Martenstein lange ein angespanntes Verhältnis: "Die Erfahrung der realen DDR hat mich abgeturnt," beschrieb er seine Beziehung zum zweiten deutschen Staat. "Die DDR wirkte auf mich bizarr, so wie Österreich, aber schräger." Auch nach der Wende blieben Ressentiments: "Die meisten Ostdeutschen können überhaupt keine Kritik vertragen. Damals habe ich bei den Ostdeutschen eine Verletzlichkeit und latentes Beleidigtsein gespürt. Und sicher habe ich manchmal gedacht: Was wollt ihr denn eigentlich? Hat der Westen die DDR haben wollen? Nein, hat er nicht. Die DDR wollte die Einheit, also die Mehrheit der Bevölkerung, um genau zu sein. Wenn ihr jetzt nicht zufrieden seid, dachte ich, fasst euch doch an die eigene Nase."

Das klingt manchmal böse und ist oft auch so gemeint. Kolumnisten anderer Zeitungen bescheinigen Martenstein, diesen "Sound" perfektioniert zu haben. Böse Zungen behaupten über ihn er sei so etwas wie der Mario Barth für Zeit-Leser. Fest steht allerdings: Kaum einer kann Harald Martenstein das Wasser reichen.


Vita:
Geboren 1953 in Mainz, lebt und arbeitet der Journalist und Autor seit Längerem in Berlin. Er hat zahlreiche Preise bekommen, darunter 2004 den Egon-Erwin-Kisch-Preis für seine Reportage über die Erb- und Führungsstreitigkeiten im Suhrkamp Verlag. Seit April 2010 ist er Träger des Curt-Goetz-Rings. Im März erscheint sein neuster Kolumnenband mit dem Titel "Nett sein ist auch keine Lösung".

Sendedaten
Sonntag, 20. März 2016, 13.30 Uhr

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