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Peter Voß fragt ...
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio. Der Grund: Der Westen verliert seine Identität.
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Denis Scheck
15. Februar
Peter Voß fragt Denis Scheck
Für Bücher, die ihm nicht gefallen, findet er deutliche Worte. Entzückt spricht er von Lektüre, die er gut findet: Scheck ist einer der wichtigsten Köpfe des Literaturbetriebes.
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© dpa/Vladimir Chuchadeev Video
Was bringt Menschen dazu, andere zu töten? Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.)
Gewalt - und kein Ende?
Peter Voß fragt Jörg Baberowski
Warum tun Menschen einander Gewalt an? Laut Jörg Baberowski ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Weil sie es können. Der Mensch sei zur Empathie genauso fähig, wie zur Gewalt. Letztlich entschieden die jeweiligen Rahmenbedingungen über sein Handeln.
Jörg Baberowskis jüngstes Buch "Räume der Gewalt" ist eine Studie über den sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Umgang mit Gewalt. Es ist die Quintessenz seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema. Der Historiker gilt als ausgewiesener Experte für den Stalinismus und gelangte über die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu seinem neuen Forschungsgebiet. Baberowski glaubt, dass rechtsfreie Räume ursächlich für die Entstehung von Gewalt sind. Diese "Räume der Gewalt" entstünden, wenn staatliche Ordnung zusammenbreche, aber auch, wenn der Staat die Anwendung Gewalt durch "planmäßig eröffnete Räume" wie Kriege, Straf- und Vernichtungslager und Gefängnisse legitimiere. Er schließt daraus: Zur Gewaltausübung führe nicht die Ideologie oder soziale Motive, sondern die aktuelle Situation, in der sich der Täter befände.

Gewalt braucht keine Ideologie
Allerdings erklärt Baberowski im Kulturzeit-Interview, er sei nicht mit jenen Soziologen einer Meinung, die glauben, im Mensch schlummere die Bestie, die herausgelassen werde, wenn Ordnungen zusammenfallen und das "Gehäuse" der Kultur einen nicht mehr daran hindere, gewalttätig zu werden. Er ist vielmehr der Ansicht, dass die meisten Menschen Sicherheit, Ordnung und Frieden wollen. Und er glaubt an die Wahlfreiheit: Menschen könnten sich immer entscheiden, auch gegen ihre Neigungen. Aber es gebe Situationen, wie z. B. Bürgerkriege, in denen man nicht mehr die Verfügungsgewalt über sich selbst habe. Die Gewalt von außen diktiere in jenen Fällen die Ausübung der eigenen Gewalt bzw. verhindere die eigene Autonomie.

Ideologie oder Religion spielten für die Entstehung bzw. Ausübung von Gewalt hingegen eine untergeordnete Rolle. "Ich glaube nicht, dass das Töten leichter fällt, wenn man an irgendwas glaubt", erklärt Baberowski dazu in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er widerspricht damit jenen, die grausame Gewaltexzesse wie die der IS-Terroristen vor allem auf die soziale Herkunft und den religiösen Hintergrund zurückführen. Der Islam diene den Tätern in diesem Beispiel vielmehr dazu, die Gewalt rückwirkend zu rechtfertigen. "Warum Menschen einander Gewalt antun, darauf gibt es eine ganz einfache Antwort: Weil sie es können. Sie müssen es nicht, aber sie können es. Und manchmal dürfen sie es und manchmal müssen sie es", erklärt Jörg Baberowski hierzu in einem Interview mit dem Radiosender SWR2.

Gewalt brauche keine Ideologie, keine Religion. Sie fände statt, sobald es den Raum dafür gäbe. So zum Beispiel im Herrschaftsbereich des Islamischen Staats: "Selbstverständlich verwenden die den, in Anführungszeichen, Islam als eine Rechtfertigungsstrategie, um zu sagen, das ist richtig, was wir tun. Am Ende sind diese ganzen ideologischen Konstrukte eigentlich nur dazu da, ex-post zu legitimieren, was man getan hat. Und die meisten Menschen wissen instinktiv, dass das, was sie da tun, eigentlich nicht richtig ist."


Auch der Staat muss kontrolliert werden
© dpa Lupe
Jörg Baberowski
Menschen seien überdies nicht gewalttätig aus Sadismus, also weil ihnen Gewalt Lust bereite, sondern aus Angst, insbesondere vor der Gewalt der Anderen. Frieden schaffen, so Baberowski, könnten lediglich klare Machtverhältnisse. Doch in jede friedliche Ordnung sei der Gedanke an die Gewalt mit eingeschrieben. Frieden funktioniert seiner Meinung nach also durch Abschreckung.

Hinzu kommt: Hat der Staat das Gewaltmonopol inne, schütze das die Bürger vor sich selbst, bzw. vor ihrem Gewaltpotenzial. Allerdings bedürfe es wiederum einer Kontrolle des Staates, um den Frieden zu sichern. Denn auch staatliche Gewalt kann ins Extrem umschlagen und zu noch weit größeren Gewaltexzessen führen – wie die Regimes von Hitler, Mao, Stalin, oder Polpot eindringlich belegen.

Baberowskis Sicht auf die Menschheit ist also eher pessimistisch. Sein Blick habe sich durch die jahrelange Beschäftigung mit den Auswüchsen der Gewalt verdüstert, wie er selbst bekennt. Er wolle daher mit dem Thema abschließen. Ihn interessiere nun die Frage, wie man traumatisierte, von Gewalt verseuchte Gesellschaften wieder stabilisiert, und wie man Menschen Hoffnung und Vertrauen wiedergibt. In seinem nächsten Buch will er darstellen, wie Chruschtschow die Sowjetunion langsam aus der stalinistischen Gewaltspirale befreite.


Vita:
Jörg Baberowski ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität in Berlin und Verfasser zahlreicher Studien, vor allem zum Thema Stalinismus. Der 1961 am Bodensee geborene Historiker studierte Geschichte und Philosophie in Göttingen, erlernte selbstständig die russische Sprache und verfasste Studien über die politische Justiz im ausgehenden Zarenreich und den Stalinismus im Kaukasus. 2012 erhielt er für sein kontrovers diskutiertes Buch "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik". Nach seinem preisgekrönten Buch über das stalinistische Terrorsystem legt der Historiker Jörg Baberowski nun eine weitere Studie zum Thema Gewalt vor: "Räume der Gewalt", über den sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Umgang mit Gewalt.

Buchtipp:
Jörg Baberowski: Räume der Gewalt, Verlag S. Fischer, 263 Seiten, ISBN: 978-3-10-004818-9, 19,99 Euro

Sendedaten
Montag, 14. Dezember 2015, 23.15 Uhr
Peter Voß fragt Jörg Baberowski
Wohin steuert Russland?
Unsere Welt sieht sich mit Dutzenden von Bürgerkriegen und permanenter Gewalt konfrontiert. Gewalt sei immer eine "attraktive Handlungsoption", sagt Jörg Baberowski, Historiker und Stalinismusforscher an der Humboldt-Universität Berlin.
Peter Voß fragt Jörg Baberowski
Verstehen wir Russland?
"Die Ukraine (war) das Kernland des alten Imperiums. Der russische Gründungsmythos beginnt in Kiew", sagt der Historiker Jörg Baberowski. Was hat die Vergangenheit mit der aktuellen Krimkrise zu tun? Wie hat der Westen beim Konflikt in der Ukraine versagt?
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