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© dpa/Roland Popp Video
Alexander Kluge, Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor
Sehen Sie hier das Video der Sendung 45 Min.) >>

30. April 1945 - die Stunde Null?
Peter Voß fragt Alexander Kluge
Das jüngste Buch des Autors Alexander Kluge erzählt von einem einzigen Tag: dem 30. April 1945, dem Tag, als sich Adolf Hitler erschoss. Kluge versucht zu ergründen, wie dieser geschichtlich so bedeutsame Montag vor rund 70 Jahren weiterwirkt in den Erinnerungen und in unsere Gegenwart hinein. Für ihn markiert dieser Tag die "Stunde Null" und den Beginn der Bindung Deutschlands an den Westen.
Kluges Buch ist eine Sammlung von Geschichten und Fragmenten, ein großes Patchwork aus Erfundenem und tatsächlich Erlebtem. Manches ist bedeutend, anderes scheinbar nebensächlich, aber alles ist auf diesen einen Tag konzentriert, den, wie es im Buch heißt, "letzten Werktag des Dritten Reiches". Kluge interessiert sich für den Mechanismus dieses Tages. Er nähert sich diesem anhand mehrere Dutzend Einzelschicksale. Dabei tritt das eigentliche, in den Geschichtsbüchern stehende Ereignis, der Tod Adolf Hitlers, in den Hintergrund. Das Buch beschreibt vielmehr Geschichte von unten. Er zeigt die Vielfältigkeit der Einzelschicksale und unterschiedliche Realitäten, die dieser eine Tag zusammenführt. Er erzählt somit die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen.

Doch warum hat Kluge gerade den 30. April 1945 ausgewählt, und zum Beispiel nicht den 8. Mai, den Tag der Kapitulation Deutschlands? Am 30. April 1945 herrscht für ihn ein seltsamer Schwebezustand. Zum einen gehe alles noch seinen "gewohnten Gang", wenn man davon in der Kriegs-Endphase überhaupt sprechen kann. Zum Anderen existiere kurz vor der Kapitulation Deutschlands ein "Vakuum mit ungeheurer Potenz". Zwar markiert der 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation den offiziellen Vollzug des Kriegsendes, ähnlich einem Protokoll beim Notar. Doch der Tag der eigentlichen Wende, der Tag an dem alles zu Ende ist, ist für Kluge der 30. April.


Krieg und Frieden liegen sehr eng beieinander
An diesem Tag existieren zahlreiche Welten parallel. In Berlin herrscht das Inferno, während in von den Deutschen besetzten Enklaven wie Kreta quasi noch das Lebensgefühl von 1941 besteht. In den von den Alliierten eroberten Gebieten gibt es dagegen schon einen Neuanfang, eine Art Vorgriff auf den Beginn der Adenauer-Ära. Hier sei laut Kluge bereits eine Hinwendung nach Westen zu verzeichnen, auf die er sich auch im Untertitel seines Buches bezieht. Freilich gilt das nur für den Westen Deutschlands, denn in der späteren sowjetischen Besatzungszone kann von Westbindung keine Rede sein.

In einem so entscheidenden Tag wie den 30. April 1945 läuft laut Kluge sehr viel Vor- und Nachgeschichte zusammen. Die Ereignisse dieses Tages sind nicht ohne die Entwicklungen der Jahre und Jahrzehnte zuvor denkbar. Auf der anderen Seite wirkt der Tag bis heute nach. So stellt er in seinem Buch auch immer wieder Gegenwartsbezüge her, besonders deutlich beispielsweise in der letzten Geschichte: "Über einem Grundstück in Stuttgart, das im April 1945 zerstört dalag und dessen Tiefkeller einst vier Stockwerke umfassten, die auch noch erhalten sind, aber zur Erdoberfläche hin verschlossen und überbaut wurden, ist ein technisches Gebäude entstanden, von dem aus US-Experten Drohneneinsätze planen und steuern, die in Afrika vermutlich Terroristen gezielt umbringen. In dem Kellergewölbe lagern noch jetzt, aber unerreichbar, Vorräte an Kolonialwaren aus der Zeit, bevor das ursprüngliche Gebäude abbrannte. Es handelte sich um ein Geschäftshaus, das sich mit der Einfuhr afrikanischer Produkte befasste." Krieg und Frieden liegen bis heute sehr eng beieinander.


Eine Erzählung verzerrt immer die Realität
Eine Kontinuität des Nationalsozialismus vom Dritten Reich zum Rechtsextremismus von heute sieht Kluge jedoch nicht, wie er im Gespräch mit Peter Voß betont. Der aktuelle Rechtsextremismus habe nichts mit dem damaligen gemein. Die gegenwärtigen Aggressionsphänomene lägen vielmehr in unserer Gesellschaft begründet. Neonazis bedienten sich lediglich der altbekannten Symbolik, um damit zu provozieren und ihre Aggression bzw. ihren Hass auszudrücken. Historische Begründungen aktueller Phänomene hält er deswegen für aufgesetzt. Was jedoch nichts daran ändere, dass die aktuellen Phänomene sehr ernst zu nehmen seien.

Alexander Kluge vermeidet Schuldzuweisungen oder einen Anklagegestus, und er nimmt keine moralische Wertung vor. In seinen Geschichten erzählen sowohl Opfer und Verfolgte, als auch Täter und Verbrecher. Sein Stil ist nüchtern, dennoch fordert er den Leser, indem er in seinen Essays die Beschreibung von realen Vorgängen und Personen neben fiktive Charaktere und Ereignisse stellt. Da er nicht offen legt, welche Geschichten real und welche erfunden sind, soll sich beim Leser das Bewusstsein schärfen, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Denn eine Erzählung verzerre laut Kluge automatisch die Realität. Doch gerade heute sei die Fähigkeit immer wichtiger, zwischen fiktiver Erzählung und tatsächlicher Information zu unterscheiden.

Sehen Sie am Montag, 24. August 2015, 23.45 Uhr die Gesprächssendung "Peter Voß fragt Alexander Kluge" zum Thema "30. April 1945 – die Stunde Null?".


Vita:
Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist eigentlich promovierter Jurist. Anfang der 1960er Jahre wurde er als Schriftsteller und Filmemacher bekannt. Der Zeitgenosse von Adorno, Habermas und Fassbinder hat den Neuen Deutschen Film mitbegründet. Aber mehr noch: er ist Philosoph, Kulturkritiker, Geschichtenerzähler - und Fernsehproduzent. Mit seiner Produktionsfirma dctp.tv produziert Kluge bis heute unabhängige Kulturmagazine für das deutsche Privatfernsehen.

Kluge ist ein "Universalgelehrter". Kein Thema der Zeit- und Kulturgeschichte, das ihn nicht interessiert und das er nicht untersucht. Dabei weckt vor allem das Nebeneinander von Ereignissen, die Gleichzeitigkeit von Episoden und Geschichten, seine Aufmerksamkeit.


Buchtipp
Alexander Kluge: "30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann". Suhrkamp Verlag, 316 Seiten, 24,95 Euro

Sendedaten
Montag, 24. August 2015, 23.45 Uhr
Themenwoche
Kriegsgeschichten
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren zeigt 3sat in der Themenwoche "Kriegsgeschichten" Filme und Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit.
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