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© dpa/Karlheinz Schindler Video
Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn
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Weltfrieden - (r)eine Utopie?
Peter Voß fragt Michael Wolffsohn
Einen Mangel an Idealismus kann man ihm nicht vorwerfen: Michael Wolffsohn schreibt in seinem aktuellen Buch von nichts Geringerem als dem Weltfrieden. Um diesem sehr utopisch erscheinenden Ziel näher zu kommen, plädiert er für ein radikales Umdenken in der Weltpolitik: weg vom traditionellen Staatenmodell hin zu föderativen Systemen.
Viele Staaten sind laut Wolffsohn das Ergebnis reiner Willkür. Ihre Grenzen wurden infolge der Entkolonialisierung oder weltpolitischer Interessen mit dem Lineal gezogen. Rücksicht auf die tatsächliche ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung wurde dabei wenig genommen. "Die neuen Nationalstaaten als Ergebnis der Zerschlagung der Vielvölkerreiche nach dem Ersten Weltkrieg und der Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg waren durchaus menschlich gedacht. Aber sie waren falsch gedacht und haben daher zu unmenschlichen Krisen und Konflikten geführt", so Wolffsohn im Deutschlandradio-Interview.

Wolffsohn folgert daraus, dass die meisten Nationalstaaten eine "Totgeburt" seien, denn man würde von der falschen Annahme ausgehen, dass es eine Deckungsgleichheit zwischen der Bevölkerungsstruktur und den staatlichen Grenzen gäbe. "Da diese Deckungsgleichheit zwischen Demografie, Bevölkerung und Geografie, Staatsgrenzen nicht besteht, zerfallen die meisten Staaten intern, also von der Binnenstruktur her, oder es gibt zwischenstaatliche Auseinandersetzungen." Terrorgruppen wie der Islamische Staat machen sich die innenpolitischen Probleme zunutze. Sie mobilsieren religiöse und ethnische Minderheiten und finden schnell Unterstützung über die willkürlich gesetzten Ländergrenzen hinweg.


Wolffsohn fordert radikales politisches Umdenken
Der Geschichts- und Politikwissenschaftler ist der Ansicht, dass sich viele Konflikte auflösen würden, wenn Nationalstaaten von föderativen Systemen abgelöst und den unterschiedlichen Völkern bzw. Volksgruppen weitestgehende Autonomie gewährt werden würde. Ein solcher Ansatz bedeutet in der Weltpolitik nicht weniger als einen Paradigmenwechsel.

Wolffsohn formuliert seine revolutionäre These nicht zum ersten Mal. Schon 1990 befürwortete er, bezogen auf den Nahost-Konflikt, eine personell-föderale Lösung mit einem ausgeprägten Minderheitenschutz in dieser Region. Das europäische Nationalstaatskonzept entspräche nicht der nahöstlichen Wirklichkeit. Nun weitet er seine These auf alle globalen Krisenherde aus. Er belegt seine Aussführungen mit detaillierten Beispielen aus zahlreichen Ländern und Regionen: dem Balkan, Russland, China oder der Zentralafrikanischen Republik. Überall schwelen mehr oder weniger offen Konflikte, die laut Wolffsohn zum Großteil aus einer willkürlichen Grenzziehung resultieren. Denn die unterschlichen Volks- bzw. Bevölkerungsgruppen und deren Bestreben nach Selbstbestimmung fänden in den nationalstaatlichen Grenzen keine Berücksichtigung.


Föderalismus als Garantie für Weltfrieden?
Doch kann eine Umformung bestehender Staaten tatsächlich Frieden bringen? Die Vergangenheit zeigt, dass Kriege und Konflikte zur Menschheitsgeschichte gehören. Verusacht werden sie in der Regel durch Machstreben und wirtschaftliche Interessen. Die Frage ist jedoch, ob Konflikte mit Gewalt ausgetragen werden, oder ob dies gewaltlos erfolgt. Gelingt es, sie in Institutionen wie Parlamente zu übertragen, ist die Wahrscheinlichkeit einer gewaltfreien Lösung ungleich größer.

Sicher ist Föderalismus alleine keine Garantie für Frieden auf der Welt, und er hat auch seine Schattenseiten. Birgt er doch auch immer das Risko einer rückwärtsgewandten Kleinstaaterei. Nichtsdestotrotz können sich grenzüberschreitende föderale Strukturen in der Tat als friedensstiftend erweisen. Wolffsohn weiß um die Begrenztheit seiner These und räumt denn auch gleich im ersten Satz seines Buches ein, dass er nicht halten könne, was der Titel "Zum Weltfrieden" verspricht. Dennoch liefert er ein bedenkenswertes Konzept, wie sich das zunehmende Chaos, das die internationale Ordnung kennzeichnet, überwinden lassen könnte.


Vita:
Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Geschichts- und Politikwissenschaftler sowie Publizist. 1947 als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten in Tel-Aviv geboren, lebt er seit 1954 in Deutschland. 1966 begann Wolffsohn sein Studium an der Freien Universität Berlin und diente 1967 bis 1970 als Wehrpflichtiger in der israelischen Armee, bevor er wieder er nach Berlin zurückkehrte. Nach einem geschichtswissenschaftlichen Studium promovierte er 1975 an der FU Berlin zum Dr. phil. und arbeitete dann bis zu seiner Doppel-Habilitation im Fach Politik (1980) und Zeitgeschichte (1981) als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Saarbrücken. Von 1981 an bis zu seiner Emeritierung 2012 war Michael Wolffsohn Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniverstität in München. Seine Forschungsschwerpunkte: Internationale Beziehung, israelische sowie deutsch-jüdische Geschichte und Politik.

Sein Lebensthema ist das deutsch-jüdische Verhältnis, wozu zahlreiche Publikationen erschienen sind, unter anderem "Keine Angst vor Deutschland" (1990). Angesichts der Diskussionen zur Wiedervereinigung bescheinigte er der großen Mehrheit der Deutschen sowohl verantwortungsbewusstes Geschichtsbewusstein als auch gelebtes Demokratieverständnis. Als "deutsch-jüdischer Patriot" engagiert er sich politisch und provozierte bewußt. Mit seinen Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen setzt er sich gerne mal zwischen alle Stühle.


Literaturhinweis:
Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf, dtv Verlag, München 2015, ISBN 978-3-423260756

Sendedaten
Montag, 22. Juni 2015, 23.30 Uhr
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