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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa/Jens Kalaene Video
Der Schriftsteller Jan Wagner auf der Buchmesse Leipzig Sehen Sie die ganze Sendung
Peter Voß fragt Jan Wagner
Gute Zeiten für Lyrik?
Jan Wagner ist Lyriker, Sprachspieler und Naturbeobachter. Die Wochenzeitung "Die Zeit" sieht in ihm "einen der virtuosesten Lyriker, die wir gegenwärtig haben". In seinen Gedichtbänden widmet er sich den kleinen alltäglichen Dingen und wurde dafür jüngst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Mit der Präzision eines Naturforschers vermisst Jan Wagner poetisch die Welt. Der Garten, in dem eine Regentonne steht, zum Beispiel kann diese Welt sein. Es ist eine Welt im Kleinen, aber dennoch weit, reich und offen. Jan Wagner bedichtet Schlehen im Frost, den "gierigen Giersch", sizilianische Esel, Koala Bären oder einfach nur Mücken. Wagner verfasst zeitgemäße Naturlyrik und sieht das Gedichte schreiben als "Magie zweiter Ordnung".

Staunen über das, was uns umgibt
Schon der Titel seines aktuellen Gedichtbands, "Regentonnenvariationen", weist auf die Essenz seiner Gedichte hin. Er verknüpft das Banale eines Alltagsgegenstands mit dem sprachmusikalischen des Gedichts. Seine Gedichte sind "Sehstücke", mit denen er die Dinge der Welt dem Leser neu vor Augen führen will, so dass dieser die Welt neu sieht. Wagner meint hierzu im Kulturzeit-Interview: "Ein gelungenes Gedicht kann uns neu lehren, zu staunen über das, was uns umgibt. [Es] lädt dazu ein, die Dinge neu zu sehen und neu in Sprache zu fassen. Und die neue Sprachgefasstheit lädt dazu ein, sie neu zu sehen und damit fängt auch im Grunde ein neues Denken über die Welt an, über das, was uns umgibt". Wenn man gute Gedichte lese, erfahre man laut Wagner im selben Moment ein Gefühl von großer Berauschtheit und Nüchternheit. Es eröffne einen neuen Blick auf die Welt und sei eine Art magisches Erleben.

Zum ersten Mal ein Lyriker ausgezeichnet
© dpa/Hendrik Schmidt Lupe
Jan Wagner wird am 12.03.2015 für sein Buch "Regentonnenvariationen" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
In Wagners Gedichten zeigt die Natur dem Menschen die Grenzen auf, jedoch nicht aggressiv, sondern auf eine beiläufige und selbstverständliche Weise. So wie der "Giersch" im Auftaktgedicht von Wagners "Regentonnenvariationen". Der Giersch - eine gewöhnliche Unkrautpflanze - lässt sich nicht aufhalten und bahnt sich überall im Garten seinen Weg. Er wiedersetzt sich beharrlich menschlicher Einflussnahme - wie auch die Esel in dem Gedicht "drei esel, sizilien". Diese lassen sich nicht ans Gatter locken und zeigen dem enttäuscht abziehenden Besucher mit ihren Ohren schließlich drei "Victory"-Zeichen.

Für den Gedichtband "Regentonnenvariationen" hat der Autor kürzlich in Leipzig den Buchpreis in der Sparte Belletristik verliehen bekommen. Überraschend und zum ersten Mal in der elfjährigen Geschichte dieses Preises wurde ein Lyriker ausgezeichnet. Die Jury sah in der Gedichtsammlung "Lyrik voller Geistesgegenwart" und ergänzt: "Jan Wagners Gedichte haken sich im Gedächtnis fest. Sie sind anschaulich, spezifisch, von zurückhaltender Intelligenz. Flora, Fauna und menschliche Debakel nimmt er freundlich in den Blick, ohne allzu viel Aufhebens um seine Wahrnehmungsfähigkeit zu machen."


Wagner erntet (fast) überall höchstes Lob
Die "Zeit" ist voll des Lobes und sieht in Wagners Lyrik "ein Stück verdichteter Wirklichkeitsbetrachtung". Und die FAZ meint, der Autor "findet auf einfachen Wegen zur größten Meisterschaft". Diesem überschwänglichen Urteil wollen sich jedoch nicht alle Kritiker anschließen. Georg Diez kritisierte in einer launigen "Spiegel"-Kolumne Wagners Auszeichnung durch die Leipziger Jury als "symptomatisch [...] für eine Geisteshaltung, die Literatur immer noch, immer wieder, im großen Germanistenland als Schutz vor der Gegenwart sieht." Und nannte den Gedichtband eine "Poetologie der Überflüssigkeit". Ist Wagners Poesie also doch weniger Wirklichkeitsbetrachtung, als vielmehr Eskapismus? Das Urteil muss sich der Leser wohl selbst bilden.

Unter der Eingangsfrage "Gute Zeiten für Lyrik?" diskutiert Peter Voß mit dem Schriftsteller, welchen Stellenwert Lyrik heute noch hat.


Sendedaten
Montag, 20. April 2015, 22.45 Uhr
Buchmesse Leipzig
Ein Lob der Lyrik
Leipziger Buchpreis für den Dichter Jan Wagner
Mediathek
© dpaVideoKulturzeit-Gespräch mit Jan Wagner
(12.03.2015)
Mediathek
© ZDFVideoJan Wagner liest "Giersch"
Gedicht des Leipziger Buchpreis-Trägers
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