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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Kardinal Marx vor der Büste von Papst Benedikt XVI. Dieser ernannte ihn 2007 zum Erzbischof von München und Freising. Sehen Sie die Sendung in der Mediathek (45 Min.)
Peter Voß fragt Kardinal Reinhard Marx
Die Menschenrechte und die Religion sind ein schwieriges Thema: In vielen islamisch geprägten Ländern verletzen Todes- und Körperstrafe die "Würde des Menschen", man denke an den Fall des Bloggers Raif Badawi in Saudi-Arabien. Doch auch die Katholische Kirche hat ihre Probleme mit den Menschenrechten: Der Vatikan lehnt diese als "unvereinbar mit der katholischen Lehre" ab. Stellen nicht nur Islamisten göttliches Recht vor das Menschenrecht?
Die Katholische Kirche hält auf den ersten Blick von den Menschenrechten als Norm nicht viel: Alle Staaten, die den Vereinten Nationen (UN) angehören, sind verpflichtet, die Menschenrechte in ihren nationalen Rechtssystemen umzusetzen.

Göttliches Naturrecht als oberstes Recht?
© dpa Lupe
Die Menschenrechte werden vom Vatikanstaat nicht umgesetzt
Nur der Vatikan, ständiger Beobachter bei den Vereinten Nationen, hat die Menschenrechte bis heute nicht anerkannt. Der Skandal, so Kirchenkritiker, sei vor allem die Begründung, dass das göttliche Naturrecht als höherwertig angesehen wurde und teilweise noch werde als die Menschenrechte. In dieser Weise, so die Kritiker, werde auch teilweise im radikalen Islam argumentiert. Das göttliche Recht des Korans hat für Salafisten den Vorrang vor nationalen Gesetzen westlicher Staaten.

Menschenrechte: ein Angriff auf die Kirche?
Dies mag eine überzogene und verkürzte Darstellung sein, doch: Seitdem mit der Französischen Revolution 1789 erstmalig Menschenrechte proklamiert wurden, lehnt die Katholische Kirche diese tatsächlich vehement ab. Theologisch ist sogar nachvollziehbar: Nicht der Mensch ist die Quelle des Rechts, sondern Gott. "Das stellt natürlich eine Herausforderung für die Kirche dar", sagt der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Es habe eine Weile gedauert, bis die Kirche die Menschenrechte nicht mehr als Angriff auf sich selbst und ihre Sicht von Welt und Mensch sehen musste. Marx räumt ein, dass in der Geschichte "die Menschenrechte durch die Kirche aggressiv abgelehnt" wurden. Es sei von einer "'Selbstermächtigung des Menschen", der sich plötzlich an die Stelle Gottes setzen wolle" die Rede gewesen. Doch in den letzten Jahrzehnten könne ein Wandel in der Kirche beobachtet werden, so Marx, der sie schließlich "zu einer entschiedenen Anwältin für die Menschenrechte werden ließ", so der Kardinal.

Papst Benedikt irritierte den Bundestag
© Klaus D. Wolf/ Bistum München Lupe
Kardinal Reinhard Marx
Marx erwähnt nicht, dass die letzten beiden Päpste vor Franziskus, Johannes Paul II. und Benedikt XVI, nicht die Progressivsten waren. Beide, so sieht es Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Pisa, hätten das "Primat des göttlichen Naturrechts" obsessiv betont. Auch der Journalist Thomas Migge pflichtet dem bei: 2011 habe Papst Benedikt viele Abgeordnete des Deutschen Bundestags merklich irritiert, berichtet der Deutschlandfunk. Der Papst hätte in einer Rede das Naturrecht als Wertefundament einer modernen Gesellschaft präsentiert.

Nur das göttliche Naturrecht ist vernünftig?
Der Jurist und Hochschullehrer Stephan Rixen kommentiert das so: "Diese Haltung erstaunt. Erstaunt hat auch die (…) Behauptung, wer wirklich vernünftig sei, könne sich der Logik des Naturrechts nicht entziehen. Das bedeutet umgekehrt: Wer das vom Papst verwaltete Naturrecht ablehnt, ist unvernünftig." (…) Theologisches Naturrecht droht zum Erkennungszeichen einer "Parallelgesellschaft" zu werden, deren Beziehung zur modernen Welt grundlegend gestört erscheint.

"Parallelgesellschaft" der Katholiken?
Harte Worte, denen der weltoffene und progressive Kardinal Marx sicher nicht folgen kann. Für ihn ist, wie für seine Vorgesetzten, die Unterscheidung in sich diametral entgegenstehende Naturrechte und Menschenrechte veraltet: "Wenn der Mensch zunächst als ein Wesen gedacht wird, das als Geschöpf von seinem Schöpfer mit natürlicher Würde ausgestattet ist, liegt die Schlussfolgerung der Menschenrechte nahe: Von Natur aus ist der Mensch mit Vernunft und Willenskraft begabt, deshalb gibt es Rechte – und freilich auch Pflichten – die der menschlichen Person ebenfalls 'von Natur aus' zukommen. Diese zu erkennen und – als Menschenrechte – zu formulieren, liegt dann in der Logik der naturrechtlichen Argumentation. So handelt es sich bei den Menschenrechten nicht um irgendwelche a-theologischen Freiheitslehren, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hätten."

Der neosoziale Kardinal
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk führte er den Gedanken weiter und verteidigte auch die Rede Benedikts im Bundestag: "Papst Benedikt will mit dem Begriff Naturrecht deutlich machen, dass die Vorstellung unveräußerlicher Menschenrechte an der Vorstellung einer gemeinsamen, gottgegebenen Natur des Menschen hängt und dass diese Rechte der Verfügung der Gesellschaft und des Staates entzogen sind.In dieser Frage der Bedeutung der Menschenrechte steht er meist in Konsens mit dem Heiligen Stuhl. Doch Reinhard Marx galt lange Zeit als Querdenker. Als Mitautor des gemeinsamen Sozialworts der Kirchen von 1997 ging er auf Konfrontation zu der Konservativen Regierung von Helmut Kohl. Das Papier betont den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital! Doch der einstige Sozialethik-Professor ist sicherlich kein Linker. Die Katholische Nachrichtenagentur hat für ihn das schöne Wort "neosozial" geprägt.

An diesem Freitag (20.3.) gab es für den Kardinal etwas zu feiern: Marx wurde für weitere drei Jahre Präsident der katholischen europäischen Bischofskonferenz"Comece". Der 61-Jährige wurde auf der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe aus 28 EU-Ländern am Freitag in Brüssel wiedergewählt.

Eine gute Wahl, denn Reinhard Marx ist einer der profiliertesten Kardinäle Deutschlands. In seinem 2013 erschienenen Buch "glaube!" stellt er die Freiheit in den Mittelpunkt: "Für mich ist der Schritt zum Glauben ein Schritt in eine größere Freiheit, er birgt ein erweitertes Blickfeld und eine intensivere Lebensmöglichkeit in sich", notiert der Kardinal. Er plädiert in dem Werk für einen aufgeklärten Glauben, für ein Miteinander von Glaube und Vernunft. Der Glaube und die aktuellen Entwicklungen in der katholischen Kirche stehen im Mittelpunkt des Gesprächs von Peter Voß mit dem Kirchenmann Reinhard Marx in der 3sat-Themenwoche "Woran glaubst Du?". Die Sendung "Peter Voß fragt ..." ist am Montag, 23. März, 23.10 Uhr, zu sehen.


Vita und Literatur:
Der Westfale Reinhard Marx, der 1953 als Sohn eines Schlossers zur Welt kam, studierte Theologie und Philosophie in Paderborn, Münster, Bochum und Paris. In Paderborn wurde er später auch Weihbischof. Nach einem Ausflug in die Wissenschaft und der Erhebung zum Weihbischof stieg Marx 2002 zum Bischof von Trier auf - Marx profilierte sich als Sozialethiker. Er schrieb ein Buch über christliches Wirtschaften und nannte es "Das Kapital". Im Oktober 2010 wurde Marx zum Kardinal ernannt und einen Monat später in das Kardinalskollegium aufgenommen. Seit März 2012 ist er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Reinhard Marx
"Das Kapital: Eine Streitschrift"
Pattloch 2009
ISBN-13: 978-3629021557


Sendedaten
Montag, 23. März 2015, 23.10 Uhr
Themenwoche
Woran glaubst Du?
22. - 28. März 2015
Peter Voß fragt...
Mord als Gottesdienst?
Friedrich Wilhelm Graf vertritt eine, für einen evangelischen Theologen ungewöhnliche Meinung: Dem innigen Glauben wohnt im Kern etwas Gewalttätiges inne. "Gewaltbereitschaft und aggressive Enthemmung haben ihren Ursprung im Zentrum des religiösen Glaubens", sagt er. Wie kommt ein Kirchenmann zu dieser Einstellung?
Kulturzeit
Ansichtssache Menschenrecht?
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz wird gerne zitiert, er steht an erster Stelle unseres Grundgesetzes. Doch wie lassen sich die Menschenrechte begründen?
Kulturzeit
Kirche, Krise, Kapital
Klimakatastrophe, Erderwärmung, Hungersnöte, Wasserknappheit - die Menschheit tut ihr möglichstes, um das Ende der Welt zu beschleunigen. Auch Gier und Ausbeutung können die Erde ruinieren. Davor warnt der kämpferische Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx in seinem Buch "Das Kapital".
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