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Peter Voß fragt ...
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio. Der Grund: Der Westen verliert seine Identität.
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Denis Scheck
15. Februar
Peter Voß fragt Denis Scheck
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© dpa Video
Die israelische Armee feuert am 16 Juli 2014 mit Artillerie in den Gazastreifen. Sehen Sie das Gespräch mit Michael Wolffsohn als Video (45 Min.)
Naher Osten - ewiger Krieg?
Peter Voß fragt Michael Wolffsohn
Wie lässt sich ein Gordischer Knoten durchschlagen, der derart verworren und blutgetränkt ist wie der im "Nahen Osten"? Die Aussichten, den Israelisch-palästinensischen Konflikt zu beenden, stehen schlechter, als jemals zuvor. Liegt darin vielleicht eine Chance? Ohne Vertrauen, sagt Michael Wolffsohn, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, wird es nicht gehen.
Wolffsohn ist ein scharfsinniger Beobachter und guter Kenner der Lage im "Nahen Osten". Er wurde 1947 als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten, die 1939 vor den Nazis geflohen waren, in Tel-Aviv geboren und 1953 in Israel eingeschult. 1954 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Wolffsohn war schon an der FU Berlin eingeschrieben, als er 1967-1970 freiwillig seinen israelischen Militärdienst ableistete. Wer bei einer solchen Verwurzelung, einer solchen Loyalität zu seinem Geburtsland eine unkritische Haltung gegenüber der israelischen Politik erwartet, liegt jedoch falsch.

Haben sich die Araber mit Israel abgefunden?
Lupe
Zwar verteidigt Wolffsohn die israelische Siedlungspolitik im Rückblick als "positiv, friedensbezogen," sieht aber durchaus, dass die Geschichte des Staates Israel auch auf Vertreibung der Palästinenser beruht. Es ist ein differenziertes Bild, das Wolffsohn vom Nahen Osten zeichnet.

Überrascht ist man von Wolffsohns Aussagen, dass die meisten Staaten der arabischen Welt sich mit der Existenz Israels abgefunden hätten, das schrieb er zumindest 1990. Eine steile These, die angesichts der aktuellen Verlautbarungen der Fatah und Hamas erstaunlich klingt. Doch diese Aussage macht Mut – denn Akzeptanz ist Voraussetzung für alles andere. Doch Frieden wird es nur geben, wenn auch die innerpalästinensischen und innerarabischen Probleme angegangen würden, legt Wolffsohn überzeugend dar.


Die heutigen Schwierigkeiten sind historisch begründet: Es ist eine Geschichte, wie Vertrauen abhanden kam: Die Geschichte der jüdisch-zionistischen Besiedlung seit 1882 habe die Palästinenser schwer verunsichert, so Wolffsohn: Nicht nur, dass die Neuankömmlinge kein arabisch sprachen, sie brachten auch eine moderne jüdische Kultur mit. Das die palästinensischen Eliten den Zionisten Land im großen Stil verkauften, zerstörte das Verhältnis und Vertrauen der einfachen Bevölkerung zu den palästinensischen Eliten grundlegend.

Die Spaltung Palästinas durch die Briten in das spätere Jordanien und in das Westjordanland war die zweite große Verunsicherung der politischen Identität und faktisch auch der Verlust der Selbstbestimmung. Unter dem Joch des jordanischen Königshauses - das haschemitischen Ursprungs ist - konnte sich kein Staat Palästina gründen, obwohl die Palästinenser in Jordanien die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Die Rivalität gipfelte in einem Bürgerkrieg und einem Blutbad, welches die jordanische Beduinenarmee 1970 unter den Palästinensern anrichtete. Israel und Jordanien verbindet also eine Ablehnung eines palästinensischen Staates, jenseits und diesseits des Jordans – ein Fakt, der für das Verständnis der politischen Handlungen grundlegend sei, so Wolffsohn.

"Vertrauen" ist die Währung des Konflikts
Der Politologe verweist zurecht darauf, dass nicht nur Juden und Araber sich nicht vertrauen würden, sondern auch das innerarabische Verhältnis grundlegend gestört sei. Iraner, Libanesen, Schiiten, Sunniten, Palästinenser und Haschemiten – um nur ein paar zu nennen, vertrauen sich nur so weit, wie sie spucken können. Doch Vertrauen, das ist die Währung des Konflikts, nicht Menschenleben oder Boden. Wie oben exemplarisch am Beispiel Jordanien beschrieben, besitzen viele Staaten der arabischen Welt ein Legitimationsdefizit. Das heißt, die Mehrheit der Bevölkerung stimmt ihrem Staatenwesen nicht zu. Das sei, so Wolffsohn, auch ein Grund für das Vertrauensdefizit in der Region. Dazu kommt die tief in der politischen Kultur der jüdischen Israelis verankerte, historisch bedingte Angst vor der physischen Vernichtung. Aus der Erfahrung der Shoa ist ein "nie mehr Opfer werden" der Grund für militärische Intervention als Mittel der Politik - ein für deutsche selten nachvollziehbare Position, die ebenfalls aus der Geschichte resultiert.

Nationalstaat und nahöstliche Wirklichkeit
Doch Wolffsohn sieht die Gefahr, dass sich die israelische Gesellschaft langfristig selbst zerstört, wenn sie das Verhältnis zu den palästinensischen Nachbarn zerstört: Ohne Versöhnung zwischen Israel und den Palästinensern werde der jüdische Staat zu einer Fußnote in der Weltgeschichte, sagte schon der umstrittene Soziologe Baruch Kimmerling.

Die Lösung, die Wolffsohn schon 1990 skizziert, ist eine personell-föderale, mit einem ausgeprägten Minderheitenschutz: Das europäische Nationalstaatskonzept entspräche nicht der nahöstlichen Wirklichkeit. Die nationalen, ethischen, religiösen und staatlichen Grenzen und Territorien seien in der jüngeren Geschichte so unscharf und überlappten sich gegenseitig fast überall, dass nur eine Abkehr vom "Mythos Boden" eine Vertrauensbasis schaffen könne. Eine Sichtweise, die die palästinensische Forderung nach einem Staat in neuem Licht erscheinen lässt.


Viele Frauen und Kinder unter den Opfern
In den Nachrichten dominieren die Schreckensmeldungen und schildern eine ausweglose Lage: Seit Beginn der jüngsten israelischen Angriffswelle vor knapp zwei Wochen sind palästinensichen Angaben zufolge nun insgesamt 425 Menschen getötet worden, unter ihnen 112 Kinder. Seit Beginn der Bodenoffensive vor vier Tagen kamen insgesamt 18 israelische Soldaten ums Leben.

Die Lektüre der Texte Wolffsohns macht in solchen düsteren Zeiten einen Funken Hoffnung. Mit dem Verständnis der Motive der Akteure, lässt sich zumindest erahnen, wie es zum Gordischen Knoten kam, und das ist eine Voraussetzung, ihn zu entwirren. Denn mit dem Schwert lässt sich in Nahen Osten kein Frieden finden - das zeigt die Geschichte.


Vita:
Michael Wolffsohn ist Geschichts- und Politikwissenschaftler sowie Publizist. Von 1981 an bis zu seiner Emeritierung 2012 war Michael Wolffsohn Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität in München. Seine Forschungsschwerpunkte: Internationale Beziehung, israelische sowie deutsch-jüdische Geschichte und Politik. Sein Lebensthema ist das deutsch-jüdische Verhältnis, wozu er zahlreiche Publikationen veröffentlicht hat, unter anderem "Keine Angst vor Deutschland" (1990). Angesichts der Diskussionen zur Wiedervereinigung bescheinigte er der großen Mehrheit der Deutschen sowohl verantwortungsbewusstes Geschichtsbewusstsein als auch gelebtes Demokratieverständnis. Als "deutsch-jüdischer Patriot" engagiert er sich politisch und provoziert bewusst. Durch seine Kommentare zum politischen Tagesgeschehen wurde er bekannt. Schlagzeilen machte er, als er 1998/99 Ignatz Bubis, den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, zum Rücktritt aufforderte. Sehr beachtet wurde Wolffsohns Buch "Wem gehört das Heilige Land?", das 1992 erschien und die historischen Wurzeln des Konflikts zwischen Juden und Arabern erklärt - ein Konflikt, der nichts von seiner Brisanz verloren hat.

In der Gesprächssendung "Peter Voß fragt Michael Wolffsohn", die Sie am Montag, 21. Juli 2014, 23.15 Uhr sehen können, spricht der Geschichts- und Politikwissenschaftler unter anderem über das Thema "Naher Osten - ewiger Krieg"?


Literatur:
Michael Wolffsohn: Über den Abgrund der Geschichte hinweg: Deutsch-jüdische Blicke auf das 20. Jahrhundert. Olzog Verlag 2012, ISBN 3-78-928339-8

Michael Wolffsohn: Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. 7. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15654-5


Sendedaten
Montag, 21. Juli 2014, 23.15 Uhr
nano:
Ins Hirn eingebrannt
Einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und den Palastinensern könne es nur geben, wenn beide Parteien die Traumata loswürden, die sie an die nächste Generation weitergeben.
Kulturzeit:
Hassobjekte
Der Mord an drei jüdischen Jugendlichen und der Vergeltungsakt an einem jungen Palästinenser hat den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern verschärft. Pessimismus, Ratlosigkeit, Verzweiflung, Hass - so die Emotionen. Wie verändert Hass eine ganze Gesellschaft?
Archiv
Peter Voß fragt Michael Wolffsohn
Kann man als Jude stolz auf Deutschland sein? "Ja, natürlich," sagt der Historiker Michael Wolffsohn.
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