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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© Jens Kalaene dpa/lbn Video
Eine Patchwork-Familie als Silhouetten aufgeklebt auf das Fenster des Bundesministeriums für Familie in Berlin. Sehen Sie die Sendung mit Felicitas von Lovenberg als Video (45 Min.)
Patchwork - die Familie der Zukunft?
Peter Voß fragt Felicitas von Lovenberg
Patchwork - also Flickwerk, so wird eine Art des Zusammenlebens genannt, die zwar für immer mehr Paare Alltag ist, an dem aber ein gesellschaftlicher Malus haftet. Seit Schneewittchen haben Stiefmütter keinen guten Ruf. Felicitas von Lovenberg, Literaturkritikerin und Moderatorin, hat dagegen angeschrieben und berichtet von ihrer Zeit, als sie in eine Familie hineinkatapultiert wurde.
Stiefmutter? Eine Schlange ist mir lieber
© Christian Charisius/dpa Lupe
"Symbolbild" zum Thema "Familie" der Nachrichtenagentur dpa
Schon der griechische Dramatiker Euripides soll gesagt haben, eine Schlange sei ihm lieber. Die grässlichen Stiefmütter der Märchenwelt füllen ganze Bücher: "Aschenputtel", "Schneewittchen", "Frau Holle" und "Die drei Männlein im Walde" seien nur erwähnt. Woher kommt der schlechte Ruf, den Stiefmütter und, schwächer, Stiefväter haben? Oder haben sie den Ruf vielleicht sogar zurecht? Das kanadische Forscherehepaar Martin Daly und Margo Willson will herausgefunden haben, dass in den 1980er Jahren die Sterblichkeit von Kindern in Patchwork-Familien höher war, als von Kindern in "normalen" Familien. Die Kinder, die bei Stiefeltern aufwuchsen, wurden der Untersuchung zufolge signifikant häufiger Opfer von Misshandlungen.

Aschenputtel-Effekt - sterben Stiefkinder früher?
Auch in Deutschland gib es eine historische Untersuchung anhand von alten Kirchenbüchern, die zu dem Ergebnis kam, dass die Sterblichkeit von Kindern stieg, sobald eine Stiefmutter ins Haus zog. Psychologen schreiben das dem sogenannten Aschenputtel-Effekt zu. Evolutionsbiologisch würde die Bindung zu den eigenen Kindern enger sein, als zu den Kindern, die nicht die Gene der Eltern tragen. Stiefkinder haben diese Gene nicht und würden deswegen nicht so viel Zuneigung und Fürsorge erhalten.

Untertourig in der Stieffamilie
© SWR Lupe
Moderatorin Felicitas von Lovenberg
Felicitas von Lovenberg sieht in der Distanz zu den Stiefkindern sogar einen Vorteil: Sie habe sich des öfteren gefragt, ob sie mit schlechtem Benehmen der Stiefkinder so gelassen umgegangen wäre, wenn es ihre eigenen Kinder wären. In einer Stieffamilie würde man emotional nicht so hochtourig fahren. Die Argumentation von Felicitas von Lovenberg stammt aus unmittelbaren Erfahrungen, die sie mit zwei Stiefkindern gemacht hat, sozusagen aus erster Hand. In dem Buch "Und plötzlich war ich zu sechst - Aus dem Leben einer ganz normalen Patchwork-Familie" beschreibt sie die vielen Facetten der Annäherung an einen Mann mit Familie und das schlüpfen in eine vollkommen neue Rolle als Stiefmutter. Sie selbst glaubt, Stiefmütter seinen meist Über-Performer, weil sie nicht nur einem Mann gefallen wollen, sondern auch den Kindern und so würden diese heute eher verhätschelt als misshandelt. Und auch andere Forscher mit anderen Statistiken weisen aus, dass in Zeiten, in denen keine wirtschaftliche Not herrsche, der Aschenputtel-Effekt nicht auftrete.

Hälfte aller Ehen wird nach 7 Jahren geschieden
© SWR Lupe
Felicitas von Lovenberg
Aber das Vorurteil, das alles mit dem Präfix "Stief" etwas schlechtes sei, halte sich hartnäckig. Etymologisch kommt die Vorsilbe "Stief" aus dem Germanischen und bedeutet "beraubt". Deswegen habe sich auch im deutschen der neutralere Begriff "Patchwork" eingebürgert, genauso wie oft von "Bonusfamilie, Zweitfamilie, bi-nukleare Familie, Second-Hand-Familie, Hotel Papa, Kängurueltern oder Wochenendzuhause gesprochen werde, so von Lovenberg.

Stiefeltern konnte es früher nur geben, wenn Kindsmutter oder Kindsvater starben. Eine schnelle Wiederheirat nach deren Tod war selbstverständlich und wichtig für die Absicherung der Nachkommen. Heute werden 50 Prozent aller in Deutschland geschlossenen Ehen innerhalb der ersten sieben Jahre wieder geschieden. Vor allem die Männer binden sich nach der Trennung schnell an eine, meist jüngere Frau: Von Lovenberg zitiert Zahlen des Familienministeriums, dass es in Deutschland 47 Prozent Stiefvaterfamilien gibt, aber nur 27 Prozent Familien, bei denen die Frau die Kinder mitbringt. Heute ist nur noch bei zwei Prozent der Stieffamilien ein Todesfall eines Elternteils ursächlich.


Bildung: Angebote zwischen Leitplanken
Es ist diese Mischung aus eigenem Erleben, Statistik und Literatur, die von Lovenbergs Buch nicht nur für Partner in Stieffamilien lesenswert macht. Die Autorin, selbst Literaturkritikerin, Moderatorin und inzwischen auch leibliche Mutter (zur Verstärkung im ungleichen Familienkampf) besitzt die intellektuelle Tiefe, eine Art von Nicht-Ratgeber-Literatur mit praktischen Tipps zu schreiben. Euripides wird dabei so mühelos eingestreut, wie Jean-Jaques Rousseau oder eigene Weisheiten: "Erziehung besteht nun einmal vor allem in zwischen Leitplanken platzierten Angeboten, die angenommen werden können, aber nicht müssen." Das Patchwork nicht schlechter oder besser als "normal" ist, haben viele geahnt, nun bekommen wir den Background, um es zu verinnerlichen.

Vita und Literatur
Felicitas von Lovenberg studierte Neuere Geschichte in Bristol und Oxford, 1994 bekam sie durch ein Praktikum bei Christie's in New York erste Einblicke in die Ware Kunst. Sie begann im Juli 1998 als Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zunächst im Ressort Kunstmarkt. 2001 wechselte sie in die Literaturredaktion, wo ihre Aufmerksamkeit vor allem angelsächsischen Autoren galt. Ab November 2006 war sie verantwortliche Redakteurin für die Samstagsbeilage "Bilder und Zeiten". Seit 1. November 2008 ist sie für das Ressort Literatur und Literarisches Leben verantwortlich – und ist damit die erste Frau, die bei der F.A.Z. Literaturchefin ist.Seit November 2008 moderiert sie – im Wechsel mit Thea Dorn – die Literatursendung im SWR Fernsehen: zunächst "Literatur im Foyer", seit September 2013 "lesenswert".Felicitas von Lovenberg ist außerdem Jury-Mitglied der renommierten Bestenliste des SWR.

Felicitas von Lovenberg: Und plötzlich war ich zu sechst. Aus dem Leben einer ganz normalen Patchwork-Familie, Sachbuch, ISBN: 978-3-10-080033-6


Sendedaten
Montag, 14. Juli 2014, 22.55 Uhr
scobel - Porträt
Felicitas von Lovenberg
Aufgewachsen im Münsterland, verließ Felicitas von Lovenberg bereits nach der elften Klasse ihre Heimat. Von einem humanistischen Gymnasium wechselte sie auf das United World College in Wales ...
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