Übersicht
Kalender
Dezember 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
25. September
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
Navigationselement
Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
Navigationselement
© dpa Video
"Die Landwirtschaft ist vom Umweltschutz weitestgehend ausgenommen", sagt der Ökologe Josef H. Reichholf. Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.)
Peter Voß fragt Josef H. Reichholf
Naturschutz - Top oder Flop?
Die Natur, also das, "was nicht vom Menschen geschaffen wurde", ist in Deutschland nicht existent. Die Landschaft um uns herum, die wir als Natur betrachten, ist eine Kulturlandschaft. Schützenswert ist sie allemal, doch stillstehen wird sie niemals - sie wandelt sich - oft nicht zu Guten. Der Naturschutz habe versagt und gehe von falschen Voraussetzungen aus, sagt der Biologe Josef Reichholf, und macht sich damit sehr unbeliebt.
© dpa Lupe
Josef H. Reichholf
"Einer der Renommiertesten" oder "einer der Profiliertesten" heißt es immer, wenn es um den Biologen Josef Reichholf geht. Das heißt übersetzt: Fachlich kann ihm kaum einer das Wasser reichen. Seit früher Kindheit beschäftigt er sich mit Artenvielfalt und Naturschutz - aber er ist kein Freund der herrschenden Meinung.

Was den Ökologen Reichholf am heutigen Naturschutz stört? Der Naturschutz sei romantisiert, und die dringenden Probleme würden nicht erkannt und nicht angegangen. So zum Beispiel werde der Artenschwund durch Klimaerwärmung als Problem sehr hoch gehängt, spiele in der Realität aber keine Rolle. Die Landwirtschaft sei der Großvernichter der gefährdeten Arten und unterliege oft nicht einmal dem Naturschutzgesetz. So sei es nicht verwunderlich, dass sich in der Stadt mehr Tiere und Pflanzen tummeln, als in der "Natur".


Naturschutz opfert manche Tiere und Pflanzen
© dpa Lupe
Raps wird gespritzt: Insektizide töten meist Nützlinge wie Schädlinge.
Die großen landwirtschaftlichen Flächen stellen in der Tat biologische Wüsten dar. Keine Artenvielfalt, keine Tiere, keine Bodenlebewesen und Insekten - nur Raps oder Mais. Viele Pflanzen und Tiere haben sich auf magere Böden spezialisiert. Sie werden von Nährstoff liebenden Arten großflächig verdrängt. "Der Stickstoff", sagt Reichholf und meint den Dünger, "wurde zum 'Erstick-Stoff' für die Artenvielfalt." Auch Gift werde in rauen Mengen eingesetzt, um Kornblume und Käfer zu dezimieren. Das EU-Agrarsystem müsse geändert werden - es muss sich lohnen, etwas für den Artenschutz zu tun.

Schlimmer sei, so Reichholf, dass der Naturschutz selber Opfer unter den Arten produziere: Ein Kahlschlag in einem Waldgebiet werde durch den Naturschutz unterbunden. Das sei aber falsch. Nur wo das Blätterdach aufgebrochen werde, dort ist Platz für Blumen, Insekten, wärmeliebende Schlangen, Nager, Vögel. Die Vielfalt sei größer als im Wald. Landwirtschaft und Forstwirtschaft seien für 90 Prozent aller Rückgänge von Pflanzen und Tieren verantwortlich - nicht die üblichen Verdächtigen Industrie, Straßen- und Siedlungsbau.


Kein natürlicher Zustand ist von Dauer
© dpa Lupe
Mähdrescher töten seltene bodenbrütende Vögel wie den "Großen Brachvogel".
Die Klimaerwärmung streitet Reichholf zwar nicht ab, aber für uns in Deutschland und für viele Arten sei das kein größeres Problem. Die Welt um uns herum verändere sich - mit und ohne unser Dazutun. Naturräume könnten nicht erstarren, sie unterlägen permanentem Wandel. Das treffe auch aufs Klima zu. Es gebe keinen natürlichen Zustand von Dauer, keine vorgegebene Temperatur. Veränderungen seien oft ein Quell für Artenreichtum. Und tatsächlich: Schwierige oder abwechslungsreiche Lebensräume bringen oft spezialisierte Pflanzen hervor.

Naturschutz jenseits der Verbotsschilder
© dpa Lupe
So sehen die Wüsten in Deutschland aus.
Eine solche Meinung verstört zuweilen auch Naturliebhaber. Auch Reichholfs Standpunkt, dass Bestimmungen, die einen Naturliebhaber einschränken, quatsch sind. Dass man geschützte Schmetterlinge nicht einfangen dürfe, falle gegenüber der Massenvernichtung von Insekten in der herkömmlichen Landwirtschaft nicht ins Gewicht. Jedes Kind solle mal versuchen, ein paar Kaulquappen großzuziehen. Dass diese nach einigen Tagen tot im Glas rumliegen, fällt mengenmäßig nicht ins Gewicht. Fungizide killen bei unsachgemäßer Anwendungen jedes Leben in ganzen Gewässern. Generell prangert Reichholf an, dass der Mensch durch den Naturschutz vom Umgang mit Tieren und Pflanzen ferngehalten werde. Es sei zum Beispiel verboten, bestimmte in der Mauser abgeworfene Federn zu sammeln. Nur Jäger und Angler dürfen mit einem althergebrachten Recht in das Umfeld eingreifen – das sei falsch. Menschen, die sich an Blumen oder Vögeln erfreuen, hätten ein mindestens gleichrangiges Recht, Naturschutzgebiete abseits der Wege zu betreten.

Vita:
Prof. Dr. Josef Reichholf gilt als einer der renommiertesten und profiliertesten Biologen Deutschlands. Seit seiner Kindheit interessiert er sich für die Natur. Er hat Biologie, Chemie, Geografie und Tropenmedizin studiert, lebte ein Jahr als Forschungsstipendiat in Brasilien. 1974 wurde Josef Reichholf Wissenschaftler an der Zoologischen Staatssammlung in München, 1985 folgte eine Lehrtätigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität (Zoogeografie, Ornithologie, Evolutionsbiologie).

Bisher hat er rund 30 Bücher veröffentlicht, insbesondere greift er darin die Themen der Evolutionsbiologie und der Ökologie auf. Er vertritt die These, dass sich Natur und Ökosystem in stetem Wandel befinden und es deshalb keine "besten" oder einzig richtigen Zustände gibt, und er prangert die Landwirtschaft als "Artenkiller" an (Überdüngung, Flurbereinigung etc.). Josef Reichholf ist Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland und Generalsektretär der Ornithologischen Gesellschaft Bayern.


Sendedaten
Montag, 19. Mai 2014, 23.00 Uhr

Ein Video der Sendung können Sie am Montag, 15.00 Uhr in der Mediathek sehen.

Peter Voß fragt ...
Schlägt die Natur zurück?
Peter Voß im Gespräch mit Josef Reichholf (April 2008)
Für Sie gelesen
Neuer Blick auf die Natur
Josef H. Reichholf will den Naturschutz von der Vorstellung vom "Ökologischen Gleichgewicht" befreien. In zwei Büchern bietet er dazu interessante Denkansätze.
nano spezial
Das Ende der Natur
Der Blick auf "die Natur" ist oft schwarz-weiß: Danach ist Natur gut, der Mensch dagegen ist ein Zerstörer. Doch diese Haltung ist überholt, wenn sie nicht zur Illusion geworden ist.
Links