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Thea Dorn
8. Mai
Ewig jung - Sehnsucht oder Alptraum?
"Thea" ist die weibliche Version von "Theós", also "Gott", und der Nachname klingt nicht einlullend harmonisch: "Dorn", wie Stachel, spitz, gefährlich. Der Name "Thea Dorn" passt einfach zu ihr ...
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Rüdiger Safranski
25. Januar
Zeit - oft zu viel, nie genug?
In seinem jüngsten Buch, einem philosophischen Essay, ist Rüdiger Safranski dem Phänomen der Zeit auf der Spur. Was macht die Zeit mit uns? Und was machen wir aus ihr?
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© FAZ Video
Der Journalist und Autor Dr. Frank Schirrmacher. Sehen Sie die ganze Sendung als Video (45 Minuten)
Peter Voß fragt Frank Schirrmacher
Zum Tod des Publizisten
Sein letzter Tweet war der Link zu einem Guardian-Artikel über den Irak-Krieg. Er sorgte sich um die Welt, die moderne, komplexe, vernetzte Welt, um die gefährliche Verquickung von Ökonomie und Militär und immer wieder um die Zukunft des Internets. Am 12. Juni verstarb Frank Schirrmacher. Aus diesem Grund wiederholen wir das Gespräch mit Peter Voß vom 27. Januar 2014.
Das Netz - die große Falle?
Frank Schirrmacher war einer der großen Visionäre des deutschen Feuilletons: Im Juli des vergangenen Jahres kam die NSA-Affäre langsam ins Rollen. Schon Monate zuvor war Schirrmachers neues Buch "Ego - das Spiel des Lebens" herausgekommen. Darin hatte er - quasi im Vorgriff zu den Enthüllungen des NSA-Mitarbeiters Snowden - über die Verbindungen des Militärischen mit der ökonomischen Lehre der Spieltheorie geschrieben. Dessen egoistisches Handlungsmodell sei die vorherrschende Ideologie geworden, mit Wirkung weit über die Wirtschaftswissenschaften hinaus.

Mathematische Formel der Nutzenmaximierung
© dpa Lupe
Dr. Frank Schirrmacher 1991 in seinem Büro
Die Spieltheorie sei im Kalten Krieg entwickelt worden, um die Szenarien der gegenseitigen Abschreckung zu analysieren, zu wissen was der Gegner denkt und daraus seinen Vorteil zu ziehen. Diese Theorie der Nutzenmaximierung in einer Konfrontationssituation sei mittlerweile, so Schirrmacher, Maßstab der Vernunft. Diese Theorie und die Computertechnik seien mit dem militärischen Denken stark verwoben, so der verstorbene Mitherausgeber der FAZ. Die "Think-Tanks" der Kalten Kriegs hätten ihre Handlungs- und Computermodelle auf die Realwirtschaft transferiert. Entsprechend dieses mathematischen Formalismus der Nutzenmaximierung spielen "Werte" keine Rolle mehr.

Prognosen sind das Ziel der Überwachung
In einem Artikel im Juni 2013 führte Schirrmacher weiter aus: Die "digitale Börsen-, Kommunikations- und Geheimdienstsysteme wollen nicht wissen, was war (…), sondern was sein wird. Sie wollen Risiken einpreisen und minimieren: vom Aktienkurs über die Kreditwürdigkeit, die Gesundheitsprognose bis hin zur Frage, ob man im Begriff ist, ein Verbrechen zu begehen." Die statistischen und mathematischen Verfahren, mit denen die NSA Prognosen über das Verhalten von Terroristen macht, unterscheiden sich vermutlich nur geringfügig von denen der Firmen Google, Amazon und Facebook, die unser Konsumentenverhalten vorhersagen wollen. Sowohl Unternehmen, wie auch der Geheimdienst wühlen in den Datenfragmenten, die wir hinterlassen. Mit den Methoden von "Big Data" und "Data-Mining" können sie gespeichert und ausgewertet werden. "Überwachung (ist) Bestandteil fast aller sozialen und ökonomischen Transaktionen geworden", so Schirrmacher. George Orwells Visionen vom "Big Brother" in seinem Roman "1984" sind längst überholt, und mit der Faszination, die das Internet ausübt und unseren Alltag bestimmt, liefern die meisten freiwillig die Daten, die uns zum gläsernen Menschen werden lassen.

Neben der Kritik an der Technik des Machbaren bekommen aber auch der Neoliberalismus, der entgrenzte Kapitalismus und der Homo Ökonomicus in dem "grandios einseitigen Traktat" (Martin Mayer - NZZ) ihr Fett weg: Die Ökonomie würde zu einem "Monster", das auch die privateste Welt des Einzelnen durchdringt, so Schirrmacher. Die Monster, das sind auch die Computer und ihre Routinen, die in Nanosekunden mit Kapital handeln, die das 20-fache des Bruttosozialprodukts der Erde übersteigt. Die Staaten und die Politik sind zu reinen Zuschauern verkommen – schlimmer noch, sie sind von diesen Systemen abhängig. Damit scheint die Kritik am Diktat der Ökonomie bei den Konservativen angekommen.

Die Antwort von Handelsblatt, Welt und anderen konservativen Zeitungen fiel harsch aus. "Die Thesen in Schirrmachers neuem Buch zeugen von Paranoia. Seine Quellenarbeit ist unseriös, sein Menschen- und Geschichtsbild fragwürdig," schrieb Cornelius Tittel in der Welt. Aber auch die Linken gingen auf Distanz, nahmen seine Thesen nicht ernst und fürchten sich vor einer konservativen Kapitalismuskritik. Schirrmacher schien sich zwischen alle Stühle gesetzt zu haben – und genau das macht ihn lesenswert.


Einer der führenden deutschen Intellektuellen
© dpa Lupe
Frank Schirrmacher ist der Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki bei der FAZ
Peter Voß diskutierte am 27. Januar 2014, 22.25 Uhr, mit dem Mitherausgeber der FAZ, Journalisten und Autor Frank Schirrmacher über die Frage: "Das Netz – die große Falle?" Frank Schirrmacher galt als einer der führenden deutschen Intellektuellen und prägte politische Debatten. In "Das Methusalem-Komplott" rief er zum Widerstand gegen die Alters-Diskriminierung auf, in "Minimum" beklagte er die Auflösung klassischer Familienstrukturen und damit den Rückgang sozialer Bindungen, in "Payback" zeigte er die zunehmende Überreizung durch moderne digitale Informationsmedien auf, wie z.B. Internet oder Mobiltelefone. Schirrmacher studierte u. a. Germanistik und Literatur an der Universität Heidelberg. 1989 wurde er Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki und leitete die Redaktion "Literatur und literarisches Leben" bei der FAZ und war dort seit 1994 einer der fünf Herausgeber. Am 12. Juni verstarb Frank Schirrmacher im Alter von 54 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Programmhinweis
Montag, 16. Juni 2014, 18.35 Uhr
Peter Voß fragt Frank Schirrmacher
Nachruf
Der Debattengeber
Der Publizist und Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), Frank Schirrmacher, ist tot - das teilte der Verlag am 12. Juni 2014 mit. Wie die FAZ vermeldet, starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Er wurde 54 Jahre alt.
Kommentar
Tränen sind Pflicht
FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher starb am 12. Juni 2014 überraschend an den Folgen eines Herzinfarkts. Kulturzeit-Redaktionsleiter Armin Conrad über den Tod eines Ausnahmejournalisten.
Archiv (2010)
Peter Voß fragt Frank Schirrmacher
Ist Frank Schirrmacher ein Cyborg? Also ein Mensch, der sich mit Hilfe von elektronischen Modifikationen an neue Umweltbedingungen angepasst hat? Sie finden es abwegig, dass der Herausgeber der Frankfurter allgemeinen Zeitung durch computertechnische Bauteile ergänzt wurde? Dann haben Sie anscheinend noch nicht sein neues Buch "Payback" gelesen.
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