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© dpa Video
Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler legte bisher seinen Schwerpunkt auf die Politische Theorie und Ideengeschichte. --> Sehen Sie die ganze Sendung als Video (44:24 Minuten)
Peter Voß fragt Herfried Münkler
Erster Weltkrieg - wer war schuld?
Der Beginn des Ersten Weltkriegs, der Urkatastophe des 20. Jahrhunderts mit 17 Millionen Toten, jährt sich nächstes Jahr im Juli/August zum 100. Mal. Im Vorgriff erschien kürzlich das Buch des Politologen Herfried Münkler: "Der Große Krieg", eine scharfsinnige Analyse des europäischen Weges in den Abgrund.
Wie konnte es dazu kommen, dass Europa in den Jahren 1914-18 in ein Inferno aus Blut, Gewalt, Seuchen, Hunger und Elend stürzte, dass neun Millionen Soldaten und acht Millionen Zivilisten das Leben kostete und alleine in Deutschland fast drei Millionen verstümmelte und psychisch versehrte produzierte? Wieso waren Deutschland und die anderen europäischen Staaten nicht fähig den Krieg zu einem Zeitpunkt zu beenden, als die Ausweglosigkeit der Lage klar wurde? Diese Ausgangsfragen stellt sich der Autor Herfried Münkler in seinem neusten Buch.

Die Antwort bedarf 800 eng bedruckter Seiten, denn sie ist vielschichtig, und Münkler erarbeitet zunächst die Antwort auf die Frage "Wie schlitterte Europa in den Krieg?", bevor er der Frage nach dem "Warum" nachgeht. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Münkler hält nicht viel von der Kriegsschuld des Deutschen Kaiserreichs. Er positioniert sich damit gegen einige Historiker, die sich 1961 mit dem Thema auseinandersetzen. Der profilierteste von ihnen, der Hamburger Historiker Fritz Fischer, sah "einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch eines Ersten Weltkrieges" bei der deutschen Reichsführung. Deutschland habe den österreichisch-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt und habe auf seine militärische Überlegenheit vertraut, so Fischer.


Zwangsläufig ist kaum ein historisches Ereignis
© dpa Lupe
Mythos Skagerrakschlacht: diese hatte nach Münkler für den weiteren Verlauf des Krieges keine Bedeutung. Ein deutsches Großkampfschiff feuert
Münkler zeichnet ein anderes Bild: Bestimmte gesellschaftliche Konstellationen und auch der Zufall hätten in den Krieg geführt. Historiker haben mit dem Zufall so ihre Probleme, und daher ist es nicht zufällig, dass Münkler aus der Politikwissenschaft stammt: "Das 20-Jahrhundert hätte einen ganz anderen Verlauf nehmen können, wenn es in Sarajevo nicht zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen wäre", schreibt Münkler. Der Zufall soll für 17 Millionen Tote verantwortlich sein? Stefan Reinecke fragt zu recht in der taz: "Ist das überzeugend? Zwangsläufig ist kaum ein historisches Ereignis. (..) Das unübersichtliche Geflecht von Bedingungen, Zufällen, Interessen existiert ja fast immer."

Binnenlogik der Akteure und ihre Ziele
Doch schon Münklers Analyse des Kriegsanlasses, des Attentats auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand, lässt aufhorchen. Ein Erster Attentatsversuch am 28. Juni 1914 misslang. Eine Bombe, die auf seinen Wagen geworfen wurde, prallte am Verdeck ab und detonierte auf der Straße. Der Erzherzog blieb unverletzt und entschied, seinen Besuch fortzusetzen. Doch die Route sollte geändert werden, blieb dann aber bis zu dem Punkt, an dem der Attentäter stand, gleich. Genau an diesem Ort stoppte der Konvoi, um die Route zu ändern, und der Attentäter hatte nun bessere Chancen sein Ziel zu treffen. Zufälle über Zufälle, doch gottlob bleibt Münkler an diesem Punkt nicht stehen: Er analysiert, und hier ist das Buch am stärksten, die Binnenlogik der Akteure, ihre Ziele und legt da, warum die deutsche Regierung es nach Kriegsausbruch nicht schaffte, den Ansprüchen der Militärs entgegenzutreten.

Ein Kompendium der Fehler
Der Erste Weltkrieg sei "ein Kompendium für alles das, was man falsch machen kann", so Münkler. Deswegen sei es so ungemein lehrreich, sich mit dem "Großen Krieg" zu beschäftigen: Die Deutschen Intellektuellen hätten komplett versagt und einen Krieg mit überwiegender Mehrheit überschwänglich begrüßt. Der Schlieffenplan, also Besetzung des neutralen Belgien, habe Deutschland moralisch ins unrecht gesetzt und war Anlass für den Kriegseintritt Englands. Und auch die Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, die von den Militärs gegen die politische Führung durchgesetzt wurde und den Kriegseintritt der USA zufolge hatte, sind nur einige Beispiele für das Versagen der Eliten.

© Rowohlt Lupe
Münkler, der sparsam mit Vergliechen ist, die in die heutige Zeit hereinreichen, sieht Parallelen zwischen dem aufstrebenden Deutschen Reich und der rasch aufstrebenden Wirtschaftsmacht China heute. Beide seien nicht stark genug, um den Kontinent zu beherrschen, aber auch nicht schwach genug, um zu verstehen, dass sie auf Frieden angewiesen sind.

Alles in allem gelingt dem Autor eine monumentale und meisterliche Studie über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, und es ist die erste umfassende Studie über den Ersten Weltkrieg von einem deutschen Autor, die seit vielen Jahren herauskommen ist. Münkler versucht erfolgreich eine Lücke zwischen der These der "alleinigen Kriegsschuld" der deutschen und einer "alle sind Schuld" These zu schießen.


Sendedaten
Montag, 16. Dezember 2013, 22.25 Uhr
Kulturzeit:
Die Urkatastrophe
"Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben", heißt es in Herfried Münklers neuem Buch "Der große Krieg".
Buchmesse Frankfurt
Die Schlafwandler - von Christopher Clark
Es gilt als ausgemacht, dass die Großmachtträume des deutschen Kaiserreich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich sind. In seinem Buch "Die Schlafwandler" zeichnet der Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ein ganz neues Bild.
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