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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Er verkörpert die deutsch-deutsche Geschichte wie nur wenige Künstler: Schriftsteller Reiner Kunze. Sehen Sie die ganze Sendung als Video (44 Minuten)
Peter Voß fragt Reiner Kunze
Wie schwer fällt der aufrechte Gang?
Die Themen des Schriftstellers und Lyrikers Reiner Kunze sind fast immer autobiografisch: seien es seine Kois im Teich oder das Regime der DDR und die (fehlende) Freiheit. Die Gedichte und Prosatexte des Büchnerpreisträgers wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt - er ist einer der großen Stillen des 20. Jahrhunderts.
Die wunderbaren Jahre als Kind in der DDR
Reiner Kunze war ein Kind der DDR und entwickelte sich als Erwachsener zu einem Freigeist. Am 16. August 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge in einer Bergarbeiterfamilie geboren, bekommt der fleißige und intelligente Schüler die Chance in der DDR eine Aufbauklasse für Arbeiterkinder zu besuchen und das Abitur zu machen. Als überzeugter Sozialist trat er mit 16 Jahren in die SED ein. Kunze studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Journalistik und Philosophie. Nach dem Staatsexamen 1955 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent mit Lehrauftrag an der journalistischen Fakultät der Universität. Er war zunehmend von der DDR und dem "real existierenden Sozialismus" enttäuscht und desillusioniert. In der Universität musste er sich daraufhin mit massiven Anfeindungen auseinandersetzen. In dieser schweren Krise kündigte er 1959 seine Stelle, ohne seine Promotion zu beenden - ein einschneidender Schritt in seinem noch jungen Leben.

Nüchterner und entlarvender Beischreiber
© dpa Lupe
Energiereiche Gespräche bei der P.E.N. - Jahrestagung 1978 in Erlangen. Zu sehen sind (l-r): Thaddäus Troll, P.E.N. - Vorsitzender Walter Jens, Reiner Kunze und Heinz Piontek.
Nach einigen Jahren, in denen er als Hilfsschlosser arbeitete, begann er sein neues Leben als Schriftsteller. 1969 erschien der Gedichtband "Sensible Wege", drei Jahre später "Zimmerlautstärke", 1976 die Prosasammlung "Die wunderbaren Jahre" - alle in westdeutschen Verlagen. Er heiratete eine Tschechin und lebte längere Zeit in der CSSR, wo er tschechische Lyrik ins Deutsche übersetzte. Am Tag des sowjetischen Einmarsches in Prag gab er sein Parteibuch zurück. Obwohl Kunze kein aufrührerischer Dichter, kein Provokateur, sondern ein nüchterner und dennoch entlarvender Beischreiber ist, eckte er mit seinen Büchern auch literarisch an. Die Manuskripte wurden zum Teil heimlich nach Westdeutschland gebracht. Kunze wurde nach der Veröffentlichung seiner DDR-kitischen "wunderbaren Jahre" aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Es war ein langer Leidensweg, bis ins Jahr 1977, in dem er in die Bundesrepublik übersiedeln musste. Seit dem lebt die Familie Kunze in der Nähe von Passau.

Wir haben immer eine Wahl
Im Jahr 1990 fanden Mitglieder eines Bürgerkomitees auf einer Müllkippe bei Pößneck fast 3500 Blätter von Kunzes Stasiakte. Unter dem Titel "Deckname Lyrik" veröffentlichte er Auszüge daraus und entlarvte dabei seinen einstigen Freund, den damaligen Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme als IM. Das Buch dokumentiert auch in erschütternder Weise, wie die Staatssicherheit Kunze psychisch vernichten wollte. Im "Vers zur Jahrtausendwende" hat er rückblickend seinen Leitsatz formuliert: "Wir haben immer eine wahl, / und sei's, uns denen nicht zu beugen, / die sie uns nahmen." Kunze ist ein Meister der schlichten und präzisen Sprache: Abseits der Wörter von den Wühltischen der Sprache formuliert er mit größter Präzision: Dabei "geht es Reiner Kunze immer ums große Ganze, das vom kleinsten Detail abgelesen und auf die kürzeste Formel gebracht werden soll," schreibt treffend Wulf Segebrecht in der FAZ.

Kunze hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter der Georg-Büchner-Preis, der Deutsche Jugendliteraturpreis und der Friedrich-Hölderlin-Preis. 2006 gründeten der Lyriker und seine Ehefrau Elisabeth die Kunze-Stiftung mit dem Anliegen, das Wohnhaus an der Donau zu einer zukünftigen Stätte der Zeitgenossenschaft und einem Ort der Kunst, Poesie und Zeitgeschichte zu gestalten.


Reiner Kunze:

* "Deckname 'Lyrik'. Eine Dokumentation"
S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-596-10854-1

* "Die wunderbaren Jahre"
S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-596-22074-8

* "sensible wege"
S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-596-13271-3

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Montag, 15. Juli 2013, 22.25 Uhr
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