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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
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Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Udo Reiter, präsentiert auf der Leipziger Buchmesse 2013 sein Buch "Gestatten, dass ich sitzen bleibe". --> Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.)
Peter Voß fragt Udo Reiter
Karriere im Rollstuhl - na und?
Udo Reiter war einer der profiliertesten Medienmacher Deutschlands, beim MDR wurde er nach der Wiedervereinigung der erste Intendant. Nun ist er im Alter von 70 Jahren gestorben: Am 10. Oktober 2014 wurde der Journalist erschossen auf der Terrasse seines Hauses bei Leipzig gefunden.
Text der Sendung vom 27. Mai 2013:
Udo Reiter, langjähriger Intendant und Gründer des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), sitzt seit 47 Jahren im Rollstuhl. Mit 22 hatte er einen schweren Autounfall und ist seitdem querschnittsgelähmt, doch eingeschränkt fühlte er sich selten: "Ich war Hochseefischen und Tiefseetauchen und habe den Dalai Lama im Himalaja besucht" sagt er. Trotz seines Handicaps gelingt Udo Reiter mit Charme, Fleiß und Hartnäckigkeit eine außergewöhnliche Karriere in der Medienbranche. Seine Lehrjahre verbringt Reiter beim Bayerischen Rundfunk (BR) in der Wissenschaftsredaktion.

Reiter trifft Dalai Lama halbrasiert
© dpa/Klaus Winkler Lupe
Udo Reiter (2.v.r.) im Gespräch mit Bayerns ehem. Ministerpräsident Edmund Stoiber (r) bei einer Benefizgala 2002
Reiter lässt sich durch nichts abschrecken. Er reist mit Rollstuhl nach Indien, um den Dalai Lama zu interviewen. Damals war schon in Deutschland das Wort "Barrierefreiheit" unbekannt, wie sollte das erst in Indien erst sein? Dass jeder Europäer dort Durchfall bekommt - "eine Schreckensvision für Rollstuhlfahrer" so Reiter - hielt ihn nicht ab. Vor dem Interview fiel dann beim Rasieren der Strom aus, und Reiter hatte erst die Hälfte des Gesichts vom Bart befreit. "Also machte ich mich halbrasiert auf den Weg zu meinem ersten Treffen mit dem Oberhaupt der Buddhisten. Er hat lange glucksend gelacht und sich gefreut wie ein kleiner Junge." Nachzulesen sind solche interessanten Geschichten in der jüngst erschienenen Autobiografie Reiters "Gestatten, dass ich sitzen bleibe - Mein Leben".

Entdecker von Thomas Gottschalk
Der als CSU-nah geltende Reiter steigt im BR schnell auf, wird 1986 sogar Hörfunkdirektor und entdeckt nebenbei Thomas Gottschalk, der damals den Verkehrsfunk vorliest. Reiter ist von Gottschalks Entertainerqualitäten und seiner Herzlichkeit so begeistert, dass er ihm gemeinsam mit Günther Jauch die später legendäre "B3-Radioshow" machen lässt. Nach fünf Jahren als Direktor bekommt er ein ungewöhnlich kurzfristiges Angebot: Er solle Intendant des neuaufzubauenden MDR werden, müsse aber in zehn Minuten "Ja" oder "Nein" sagen.

Die Entscheidung fällt ihm nicht schwer: 20 Jahre lang lenkt er als Intendant die Geschicke des MDR. Zunächst wird der Sender als Boulevard- und Volksmusiksender angeprangert, der anhaltende Erfolg als beliebtestes "Drittes Fernsehprogramm", bestätigt Reiters Strategie im Nachhinein. Kritiker werfen Reiter seine "kreative" Methode der Mittelbeschaffung für die Anschubfinanzierung des neuen Senders vor: Der MDR investiert kräftig in riskante argentinische und russische Wertpapiere. Ergebnis war, dass dem MDR sein Geld von 560 Millionen Mark mehr als verdoppelt konnte.


Die letzten Amtsjahre sind nicht die angenehmsten
Im Oktober 2000 gehen andere Geschäfte allerdings schief. 2,6 Millionen Mark Verluste muss der MDR bei riskanten Spekulationen mit Anleihen in der ecuadorianischen Währung verbuchen. Reiter will von diesem Verlustgeschäft aus der Zeitung erfahren haben. Die letzten Amtsjahre sind für Reiter sicherlich nicht die angenehmsten: Eine festliche Gala zum 20. Sender-Jubiläum wird wegen des Millionenbetrugs beim MDR ansässigen ARD/ZDF-Kinderkanal abgesagt und Unterhaltungschef Udo Foht muss entlassen werden, weil ihm Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit und Betrug vorgeworfen werden. In mehreren Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Einige Kritiker sehen in Reiters Buch den Versuch, die "Deutungshoheit über seine und die Geschichte des MDR zurückerlangen". Im Feuilleton der Berliner Zeitung war weiter zu lesen, er wolle sich mit dem Buch sogar an denjenigen rächen, welche die Skandale "ans Licht gebracht haben. Journalisten sind für ihn Leute, die 'vom hohen moralischen Ross' herab 'angebliche Skandale mit inquisitorischem Eifer' und 'anklägerischer Geste' 'aufblähen'."

Reiter gesteht inzwischen selbst ein, dass er sein Amt früher abgeben hätte müssen, um Schaden von seinem Lebenswerk abzuwenden. Die Vorwürfe eines ungenügenden Führungsstils treffen Reiter schwer. "Ich bin sicher, dass ich der richtige Mann für den Aufbau des Senders war. Ich bin aber genau so sicher, dass Frau Wille heute die Richtige ist", sagt er unlängst der Nachrichtenagentur dpa. Die Beweggründe für Reiters Buch seien dahingestellt, dass ein sehr unterhaltsames und gut zu lesende Publikation dabei herausgekommen ist, stellt einen Beleg für Reiters journalistischen Fähigkeiten dar.


Sendedaten
Montag, 27. Mai 2013, 22.25 Uhr
Kulturzeit Nachruf
Tragischer Tod
20 Jahre lang stand Udo Reiter an der Spitze des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Am 10. Oktober 2014 wurde der 70-Jährige erschossen auf der Terrasse seines Hauses bei Leipzig gefunden. Reiter nahm sich nach Erkenntnissen der Polizei das Leben...
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