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© dpa Video
Herta Müller --> Sehen Sie die ganze Sendung (43 Minuten)
Peter Voß fragt Herta Müller
Diktatur und aufrechter Gang - wie ist das möglich?
Überleben in der Diktatur, Verrat und Verlust, das sind Herta Müllers Themen. Die Literaturnobelpreisträgerin hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, unfrei zu sein. In Rumänien geboren, geriet sie nach dem Studium in das Fadenkreuz der berüchtigten Geheimpolizei Securitate.
Verstörendes wie Verrat und Verlust ist ihr Thema
"Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr." So eröffnete Herta Müller ihre Tischrede anlässlich der Überreichung des Nobelpreises für Literatur. Wer ihren Lebensweg kennt, der wird ihr beipflichten: 1953 im dörflichen Nitzkydorf in Rumänien geboren, sah alles so aus, als werde Herta Müller in dieser kleinen engen "Kiste", wie sie ihr Dorf nennt, geboren, heiraten und sterben. Schneiderin sollte sie einmal werden, sagt sie. Doch es kam anders: Gegen den Willen ihrer Mutter ging sie ins Gymnasium und in die Stadt, um sich "verderben" zu lassen. Erst auf der Schule lernte sie Rumänisch, denn ihre Eltern waren, wie viele Banater Schwaben, deutschsprachig. "Als ich die [rumänische] Sprache gelernt habe, war ich schon 15; es war, als würde ich sie essen. Sie hat mir geschmeckt, ich kann es nicht anders sagen," so Müller. Ihr Vater, erzählt sie, war ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS, Alkoholiker und Lastwagenfahrer. Ihre Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu jahrelanger Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.

Müller arbeitete als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde jedoch wegen ihrer Verweigerung, mit der Geheimpolizei Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Nach vielen Jahren konnte sie 1987 zusammen mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Das Exil war auch ihr schriftstellerischer Antrieb: "Als ich hier in Deutschland ankam, dachte ich, es den Freunden in Rumänien schuldig zu sein, darüber zu schreiben - jenen, die man umgebracht hat, und jenen, die noch immer im Land waren. Es war das Mindeste, was ich tun musste," erklärte sie im Kölner Stadtanzeiger.

Auch in Deutschland ging die Schikane weiter: Der Geheimdienst versuchte die Schriftstellerin politisch zu verunglimpfen. Er streute Gerüchte, sie sei gar kein Opfer, sondern selbst Spitzel mit dem Ziel Freundschaften zu zerstören, Misstrauen zu säen und die Persönlichkeit zu verletzen.


"Hast du ein Taschentuch?"
Den menschenverachtenden Erfahrungen stellt die Schriftstellerin Müller eine außergewöhnliche Sprache in ihren Büchern entgegen. Es gelingt Müller mit einer präzisen, intensiven und einfachen Sprache kleine Geschichten zu erzählen, die von großer Kraft sind: In ihrer Textsammlung "Immer derselbe Onkel, immer derselbe Schnee" schreibt sie über die rituelle Frage ihrer Mutter "ob sie ein Taschentuch dabei habe". Mit dieser versteckten, liebenswürdigen Geste, der Müller in ihrem Leben noch des Öfteren begegnet, erfahren die Leser sehr viel über die harte Kindheit auf dem Land und die Unmenschlichkeit der rumänischen Diktatur. Das Taschentuch kündigt die Qualen und Erniedrigungen an, die kommen werden, die Tränen, die das Taschentuch trocknen muss, die subtilen tröstenden Gesten, zu denen sich die Menschen nur noch trauen, angesichts des übermächtigen Staatsapparates.

Neigung der Deutschen zu Komposita
Müllers bildersatte Sprache ist voller Wortspiele, fernab von muttersprachlichen Selbstverständlichkeiten: Wer hat sich schon über den "Antritt" und den "Austritt" einer Treppe Gedanken gemacht, auf dem die Autorin zeitweise als "Arbeitsplatz" - geschützt durch ein Taschentuch als Unterlage - sitzen musste. "Ich war ein Treppenwitz", kommentiert sie die perfide Art des Mobbings in der Maschinenfabrik. Der Umgang mit den Wörtern ist ein besonderer und der Leser meint ab und zu den banatschwäbischen Dialekt ihrer Heimat durchzuhören: Woher kommen sonst diese poetischen Sprachschöpfungen und Metaphern. Müller fügt einfache Begriffe zu eigenwilligen Wortgeschöpfen zusammen. Ein Verfahren, das ihr auch die Titel einiger ihrer Romane lieferte, wie "Herztier" (1994) oder "Atemschaukel" (2009). Dabei hat sie eine Vorliebe für Komposita, eine Besonderheit im Deutschen. "Das ist im Deutschen das Schönste, die zusammengesetzten Wörter." In den romanischen Sprachen gäbe es nur erklärende Präposition: Es hieße "das Eisen zum Bügeln", wobei doch "Bügeleisen" viel schöner ist.

Herta Müller sammelt schöne Wörter
Sie sei auf Wörter fixiert, sagt Müller. Und dass sie Wörter aus der Zeitung ausschneidet und in Karteikästen hortet, passt ins Bild. Früher hat sie aus diesen gesammelten Wörtern Collagen gemacht und an Freunde verschickt. Sie könne nichts mehr lesen, ohne das Gefühl zu haben, dieses oder jenes Wort zu brauchen: eine Nobelpreisträgerin mit einer Wörterobsession. Als Grund für den Spleen, der nun auch als Buch erschienen ist (Vater telefoniert mit den Fliegen), nennt sie den verschwenderischen Umgang mit Papier, der ihr bei ihrer Immigration in den Westen aufgefallen war. In dem jüngsten Werk nimmt sie alte Zeitungen und Zeitschriften, schneidet wohlklingende Worte aus und arrangiert sie so lange, bis daraus ein Gedicht geworden ist.

Herta Müller ist auch heute eine engagierte Autorin: In ihrem fulminanten SPIEGEL-Artikel "Herzwort und Kopfwort" fordert sie zuletzt eine Gedenkstätte für die deutschen Exilanten des 20. Jahrhunderts, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden und bei ihrer Rückkehr nach Deutschland nicht willkommen waren, sondern sich, wie der Dichter Hans Sahl es nennt, im "Exil nach dem Exil" wiederfanden. Diese Erfahrungen haben Herta Müller für das Phänomen des Heimatverlusts empfänglich gemacht. Jetzt hofft sie, dass die Exilanten des 20. Jahrhunderts wenigstens im Gedächtnis der Nachgeborenen eine Heimat finden. Sehen Sie am Sonntag, 11. August 2013, 10.35 Uhr eine Folge der Sendereihe "Peter Voß fragt …" mit Herta Müller. "Diktatur und aufrechter Gang ..." ist das Thema, zu dem Herta Müller die ideale Gesprächspartnerin ist.


Literatur von Herta Müller:
Vater telefoniert mit den Fliegen, 192 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-10: 3446238573, 19.90 Euro

Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel, 256 Seiten Verlag: Carl Hanser Verlag , ISBN-10: 3446235647, 19.90 Euro


Sendedaten
Sonntag, 11. August 2013, 10.35 Uhr

(Erstsendung 18. März 2013)
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