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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
-> Sehen Sie die ganze Sendung mit Petra Bahr
Peter Voß fragt Petra Bahr
Ist Gott evangelisch?
Ein Samstag in einer deutschen Fußgängerzone: Muslimische Salafisten verteilen ihren Koran. Ultrakonservative Katholiken verteilen Flugblätter gegen den Schulzwang und für ein Recht auf "Homeschooling". Atheisten drängen Passanten zum Kirchenaustritt, und Neonazis demonstrieren gegen den Bau einer Mosche.
Von dem samstäglichen Spießrutenlauf durch ein obskures Angebot von Weltbildern und Glaubensangeboten berichtete Petra Bahr, die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche, vor kurzem in einem Zeitungsartikel. Diese Begegnungen sind wohl jedem bekannt, und viele scheuen sie zurecht, denn wer sich an einem Samstag in die Fußgängerzone stellt und für scientologische Dianetik oder die Zeugen Jehovas wirbt, mit dem möchte man eigentlich kein längeres Gespräch führen.

Streit über die Rolle der Religion verschärft sich
© dpa Lupe
Petra Bahr in der St. Michaelis-Kirche in Hamburg
Missionarischer Eifer, gepaart mit einem hermitisch geschlossenen Weltbild, scheinen die Voraussetzung für diese Fußgängerzonenarbeit zu sein. Petra Bahr beobachtet, dass sich der Streit über die Rolle der Religion nicht nur in den Fußgängerzonen, sondern in der gesamten Öffentlichkeit deutlich verschärft. Warum - könnte man fragen - sind es eigentlich die Extremisten, die hier den öffentlichen Raum besetzen und nicht die etablierten Kirchengemeinden? Ist es, weil die Katholische und die Evangelische Kirche andere institutionelle Räume haben, in denen sie wirken können? Die Autorin und Pfarrerin Petra Bahr legt in vielen Veröffentlichungen aber noch einen anderen Grund nahe.

Viele Wahrheiten und kein Bürgerkrieg
Petra Bahr fordert, diese Widersprüche, die eine demokratische Öffentlichkeit mit sich brächte, auszuhalten: Zwar sei die "geglaubte Wahrheit der Christenmenschen unverhandelbar." Sie treffe aber im öffentlichen Raum zum Teil auf diametral entgegenstehende Meinungen. "Demokratie ist die Gesellschaftsform, wo Wahrheitsansprüche aufeinandertreffen können, ohne dass es zum Bürgerkrieg oder zur totalitären Verdrehung der Machtverhältnisse käme." Und die "Demokratie zwingt dazu, die eigene Wahrheit nicht mit dem Rechthabenwollen zu verwechseln. Christen müssen ertragen, dass andere anders glauben und andere Wahrheiten beanspruchen."

Alleinstellungsmerkmal der Evangelischen Kirche
Genau hier liegt die Stärke vor allem des lutherischen Glaubens. Der christliche Fundamentalismus, Sekten, der extreme Atheismus, die politischen Strömungen auf der extremen Linken oder Rechten beanspruchen, dass ihre Wahrheit absolut gelte. Sie gellte auch für die Anderen und müsse - auch mit Zwang - durchgesetzt werden. Die evangelische Kirche hat, das lässt Petra Bahr auch anklingen, im Lauf der Geschichte gelernt, ein versöhntes Verhältnis zum demokratischen Gegen- und Miteinander zu finden. Nicht nur im gesellschaftlichen Miteinander postuliert die Evangelische Kirche Verständnis, auch im Innenverhältnis scheint die Kirche keinen Dogmatismus zu dulden. "Zudem gehören zur christlichen Theologie die radikale Frage und der unerbittliche Zweifel, das Ringen mit den Hierarchien und Traditionen, die kalkulierte Häresie und der fromme Spott."

Die Stärke des christlichen Glaubens ist eben nicht das missionarische, rechthaberische Auftreten in Fußgängerzonen, sondern der feste Glaube im Inneren, gepaart mit Dialog- und Kompromissbereitschaft gegenüber anderen Menschen und Religionen. Das ist sicherlich in Zeiten der wachsenden fundamentalistischen Engstirnigkeit ein Alleinstellungsmerkmal.


Peter Voß spricht mit der evangelischen Theologin Dr. Petra Bahr über die behauptete Wiederkehr des Religiösen und darüber, was das für den Protestantismus bedeutet. Was hat Martin Luther heute zu sagen? Wie soll die Gesellschaft mit dem Thema "Tod" umgehen? Weniger bekannt als die Thesen gegen den Ablasshandel, die Martin Luther an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, sind Luthers Trostbriefe an Sterbende. Der Protestantismus hat sich nachdrücklich der Endlichkeit des Menschen gestellt. In wenigen Religionen spielt der Tod eine größere Rolle. Kann es überhaupt einen "richtigen" Umgang mit dem Ende geben - jenseits von Tabuisierung, Ökonomisierung und Rationalisierung?

Petra Bahr ist seit 2006 Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nach einer journalistischen Ausbildung studierte sie evangelische Theologie und Philosophie. Nach einem beruflichen Ausflug in eine große Unternehmensberatung arbeitete sie bis zum Jahr 2005 als Referentin für Theologie, Recht und Politik, promovierte über Immanuel Kant und lehrte Religionsphilosophie und Ethik an der Universität Frankfurt/Main.


Literatur:
Petra Bahr: "Haltung zeigen - Ein Knigge nicht nur für Christen", Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 160 Seiten, ISBN: 978-3-579-06551-9, 14,99 Euro

Petra Bahr: "Die unverschämte Gesellschaft - Eine Kulturkritik", 192 Seiten, ISBN: 978-3-579-06664-6, 17,99 Euro


Sendedaten
Montag, 16. Dezember 2012, 22.25 Uhr
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