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Peter Voß fragt ...
10. April
Mohammed - Ende eines Tabus?
Hamed Abdel-Samad polarisiert die Öffentlichkeit mit seinen islamkritischen Thesen. In seinem jüngsten Buch rechnet er schonungslos mit dem Propheten Mohammed ab und fordert auf, ihn als Mensch in seinem historischen Kontext zu betrachten.
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Jörg Baberowski
14. Dezember
Gewalt - und kein Ende?
Warum tun Menschen einander Gewalt an? Laut Jörg Baberowski ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Weil sie es können. Der Mensch sei zur Empathie genauso fähig, wie zur Gewalt.
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© dpa Video
Der Autor und Sozialforscher Meinhard Miegel vor einem Bücherregal mit seinem Buch "Epochenwende". --> Sehen Sie die ganze Sendung
Peter Voß fragt Meinhard Miegel
Würden Sie einen Politiker wählen, der ihnen verspricht, dass Sie in Zukunft mehr und härter arbeiten müssen und dabei weniger verdienen werden? Wohl kaum! Deswegen werden solche Ideen sofort aus der politischen Diskussion verbannt und ebenso ergeht es den Politikern, die Mehr für Weniger fordern.
Meinhard Miegel, Ökonom und CDU-Mitglied ist ein solcher Politiker, oder sagen wir besser, er war es. Unter Kurt Biedenkopf in der CDU-Bundesgeschäftsstelle tätig, verließ er 1977 die Laufbahn des Berufspolitikers. Helmut Kohl schätzte den Querdenker und seine Idee der einheitlichen Grundsicherung anscheinend nicht sonderlich. So gründete Miegel das private wissenschaftliche Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn.

Studienverbot an allen Hochschulen der DDR
© dpa/Matthias Hiekel Lupe
2003: Der Vorsitzende der sächsisch-bayerischen Zukunftskommission, Miegel, zusammen mit den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU; l) und Edmund Stoiber (CSU; r).
Miegel hatte schon früh erfahren, dass Freigeister es schwer haben. Der gebürtige Wiener wuchs in Thüringen auf und studierte Musik an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar. Dort geriet er in politischen Diskussionen mit dem offiziellen Parteifunktionär so aneinander, dass er vom Studium an allen Universitäten und Hochschulen der DDR ausgeschlossen wurde und einer Maurerkolonne zugewiesen wurde. Deswegen siedelte er 1958 nach Frankfurt am Main über, um Berufsmusiker zu werden, fing dann aber an Philosophie zu studierten - später auch Soziologie und Jura in Washington und Freiburg. Volkswirtschaften, sein heutiges "Spezialgebiet", hat Miegel nie studiert, und dennoch erweist er gerade hier seine prophetischen Fähigkeiten.

Schon in den 1970er Jahren - und damit wohl als einer der Ersten - hatte Miegel auf den massiven Geburtenrückgang und den demografischen Wandel hingewiesen. In Miegels Augen einer der Gründe, warum wir in Zukunft den Gürtel enger schnallen müssten. Heute sagt er: "Soll auch nur der derzeitige Bevölkerungsstand erhalten werden, müssten alle gebärfähigen Frauen ab sofort vier Kinder haben oder die jährliche Nettozuwanderung auf 400.000 Menschen erhöht werden. Beides erscheint mir völlig utopisch." (Süddeutsche Zeitung vom 20.09.2011). Deswegen müssten wir "schon in wenigen Jahren (...) viele härter arbeiten als heute und trotzdem einen materiell niedrigeren Lebensstandard" akzeptieren.


Abkehr vom Suchtmittel "Wachstum"
Doch das CDU-Parteimitglied macht auch mit Äußerungen von sich Reden, die in der CDU sicherlich als Problematisch gelten. Miegel denkt laut über die "Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Gesellschaft" nach - einem Schlagwort aus der Mottenkiste der marxistischen Kapitalismuskritik. Für einen promovierten Juristen, der in Konzernbeiräten und Chefetagen zuhause ist, sind das ungewohnte Töne. Und noch extremer wird Miegel, wenn er über die Abkehr vom Suchtmittel der Volkswirtschaften redet: dem Wachstum! Während Angela Merkel all ihr Handeln darauf ausrichtet, in Deutschland und Europa das Wachstum der Wirtschaft "anzukurbeln", predigt Miegel gegen die Droge "Wachstum".

Mit Statistiken weist er nach, dass es nicht immer aufwärts gehen kann, dass erhoffte Wachstumsraten einer hochindustriellen Gesellschaft völlig illusionär sind. Jüngst schrieb er in einem Essay wo die Krux beim Wachstum sei: Immer mehr Länder durchbrächen die "Tragfähigkeitsgrenze" der Erde. Von 158 Ländern hätten erst 43 einen Entwicklungsstand erreicht, der dem westlichen entspräche. Doch in diesen 43 Ländern leben nur ein Siebentel der Weltbevölkerung und kein einziges befände sich innerhalb der "Tragfähigkeitsgrenzen" der Erde: "Sie verbrauchen Regenerierbares schneller, als die Erde es zu regenerieren vermag, erzeugen mehr Schadstoffe, als von Luft, Wasser und Böden abgebaut werden können und setzen bei allem Nicht-Regenerierbarem darauf, dass dem Menschengeschlecht schon etwas einfallen werde, wenn dieses zur Neige geht." ("Aus Politik und Zeitgeschichte", 6.2012).


Vordenker eines "schwäbischen" Konservatismus?
Die Grün-Linken reiben sich die Hände bei solchen Steilvorlagen. Angesichts der Mehrheitsfähigkeit grüner Politik im eigentlich "schwarzen" Baden-Würtemberg lässt sich die Verbindung aus Naturverbundenheit, Sparsamkeit und christlichen Werten auch anders deuten: Vielleicht war und ist Meinhard Miegel nur der Vordenker eins "schwäbischen" Konservatismus, bei dem die Bewahrung der Natur stets einen hohen Stellenwert hatte? Er selbst sieht das so und verweist darauf, dass "in den 1950er Jahren Kohlebarone aus dem Ruhrgebiet in den Schwarzwald reisten, um nachzuschauen, ob dessen Wasserhaushalt in Ordnung war. Denn dieses Wasser wurde rheinabwärts gebraucht. Ganzheitliches Denken würde dies wohl heute genannt werden." (FAS vom 21.02.2010)

Nicht nur in der Umweltpolitik lässt sich eine Überexpansion über die tatsächlichen Ressourcen feststellen, auch in Sachen Staatsfinanzen leben wir deutlich über unseren Verhältnissen. Und konservative Schwaben würden nie ein "Strukturiertes Papier" eines Hedgefonds kaufen. In sofern ist auch Miegels Kritik an den Auswüchsen der Finanzbranche nicht als eine Linke Position zu deuten. Als die ersten Wellen der Finanzkrise vorüber waren, prophezeite Miegel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine kommende Staatenkrise. Spätestens mit der fehlenden Refinanzierbarkeit Griechenlands am Kapitalmarkt wissen wir: Er hat recht behalten. Gibt es Möglichkeiten aus der Eurokrise? All diesen Fragen stellt sich der Jurist und Soziologe in der Sendung "Peter Voß fragt".

Prof. Dr. Meinhard Miegel zeigt sich in seinen Büchern "Die deformierte Gesellschaft" und "Exit. Wohlstand ohne Wachstum" nicht nur als genauer Analytiker unserer gesellschaftlichen Probleme, sondern schlägt aufregende Lösungen vor, die ihn quer zu allen politischen Lagern stellen.


Literatur von Meinhard Miegel:
Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen, Berlin 2010, ISBN 978-3-549-07365-0

Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? Propyläen, Berlin 2005, ISBN 978-3-549-07177-9; List, Berlin 2007, ISBN 978-3-548-60705-4


Sendedaten
Montag, 12. November 2012, 22.25 Uhr
Kulturzeit:
Glaskugel-Spiel
Meinhard Miegel prognostizierte das notwendige Ende des Wirtschaftswachstums
Archiv
Peter Voß im Gespräch mit Meinhard Miegel
Wie viel Staat brauchen wir noch, Herr Miegel?
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